Wolf Harlander – 42 Grad

Dieses Buch erhielt von Lucyda 3 Sterne

Könnten in Deutschland Flüsse und Seen austrocknen? So unrealistisch ist das gar nicht mehr, vermutlich haben die meisten noch die Bilder aus den letzten heißen Sommern vor Augen, als der Rhein deutlich weniger Wasser führte als normal. In seinem Thriller 42 Grad lässt Autor Wolf Harlander diese Vision Wirklichkeit werden und spinnt den Gedanken weiter. Was würde passieren, wenn was Wasser knapp wird?

Dürreperioden haben ihren Preis

Autor: Wolf Harlander
Titel: 42 Grad
Erstveröffentlichung: 30. Juni 2020
ISBN: 978-3499000461
Seiten: 528

Es ist mal wieder ein Jahrhundert-Sommer: Sonne, heiß, Badesee.. die Menschen freuen sich, der Tourismus boomt. Doch als mitten im Sommer ein Erdbeben Norditalien erschüttert, ahnt niemand, welche Folgen die Verschiebung von Gesteinsschichten noch haben wird. Bzw. fast niemand – der Hydrologie-Student Julius, der sich mit allem beschäftigt, was mit Wasser zu tun hat, befürchtet, dass dieses Erdbeben eine Senkung des Grundwasserspiegels zur Folge hat.

An ganz anderer Stelle zieht die dänische Datenanalystin Elsa beängstigende Schlüsse aus den vorliegenden Daten zur aktuellen Dürreperiode: Dass in Mitteleuropa in Kürze das Trinkwasser gefährlich knapp werden wird.

Und so wird aus einem unbeschwerten Sommer bald eine Gluthölle, in der Menschen tatsächlich verdursten – mitten im reichen Europa. Der Thriller 42 Grad nimmt uns mit auf eine beängstigende Reise, in der wir über verschiedene Perspektiven mitbekommen, wie das Wasser knapp wird und auf einmal Ausnahmezustand herrscht.

Wasser wird zur wichtigsten Währung und innerdeutsche Flüchtlingsströme zu den wenigen Trinkwasserseen setzen ein, inklusive Flüchtlingslager und Wasser-Hehler.

Wolf Harlander - 42 Grad

Was wäre, wenn es kein Trinkwasser mehr gäbe?

Die Stärke dieses Thrillers liegt darin, aufzuzeigen, dass unser Wohlstand nur eine dünne Membran über der erschreckenderweise realistischen Gefahr des Wassermangels darstellt. Die massive Entwässerung des Bodens für die Landwirtschaft und die zunehmenden Dürreperioden aufgrund des Klimawandels bringen die Trinkwassersysteme schon jetzt zunehmend an den Rande des Zusammenbruchs.

Es ist erst genau zwei Jahre her, als wir in Süddeutschland die Folgen der Dürre nicht nur an verdorrten Wiesen und den brennenden Brandenburger Wäldern deutlich vor uns sahen, sondern auch daran, dass Flüsse wie der Rhein deutlich zusammenschrumpften. Einige der Symptome, von denen Wolf Harlander in 42 Grad berichtet – etwa, dass die schrumpfenden Flüsse zu warm sind und daher Fische sterben und Kraftwerke nicht im vollen Umfang gekühlt werden können, aber auch deutlich verringerte Schiffslieferungen, etwa für die Benzinversorgung von Tankstellen – das haben wir 2018 mit Schrecken erlebt.

Ich habe 42 Grad daher mit Grauen gelesen, und mit den Bildern von 2018 deutlich vor Augen. Damals hatte ich mich gefragt, ob ich auch immer ausreichend tanken kann, damit ich zur Arbeit fahren kann. Dass aber – BEI UNS! – das Wasser so knapp werden könnte, dass Trinkwasser rationiert werden muss, das habe ich nie in Betracht gezogen. Obwohl auch damals schon Warnungen ausgegeben wurden, dass man doch Wasser sparen möge.

42 Grad hat mich mit der Frage konfrontiert, was denn wäre, wenn es auf einmal weder aus dem Wasserhahn, noch im Supermarkt und auch nicht in den Flüssen, Bächen und Seen der Umgebung noch Wasser geben würde. Ach, wir haben so viele Quellen und Bäche hier auf dem Land, Wasser ist kein Problem – dachte ich immer. Aber was, wenn doch?

Einen kleinen Vorgeschmack habe ich selbst schon zu spüren bekommen: Im Februar 2019 ging für ganz Heidelberg die Warnung aus, kein Leitungswasser zu nutzen oder zu trinken, da es eine merkwürdige Blau-Färbung gegeben hatte. Ich war auf der Arbeit in Heidelberg und auf einmal herrschten leichte Panikzustände. Im Büro galt erstmal: Die Küche und die Waschbecken sind tabu. Okay, also Hände mit dem Restwasser aus PET-Flaschen waschen.

Dann kam die Mittagspause und der Gang zum Supermarkt, und dort herrschte Endzeitstimmung. Menschen hatten Wagenladungen Wasser-Sixpacks eingepackt und es gab keinerlei Flaschenwasser mehr zu kaufen. Oooookay. Das packen wir jetzt noch mit den Zuständen der Supermärkte im Februar/März zusammen, als es Corona-bedingt über Wochen manches Zeug nicht mehr zu kaufen gab. Und so kann man sich dann doch vorstellen, wie es ist, wenn es im Supermarkt nichts Trinkbares mehr zu kaufen gibt.

Diese Vision hat mich erschreckt, weil ich sie bisher für völlig unmöglich gehalten habe – trotz der Anzeichen durch Dürreperioden und der mittlerweile selbst erlebten Knappheiten anderer Güter in Supermärkten. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, was denn wäre, wenn es so käme… Was wäre, wenn man Durst hätte und nicht trinken könnte – über Tage hinweg? Da hilft am Ende alles Geld auf dem Konto nicht.

Wie zieht Harlander das Buch auf?

42 Grad erinnert zunächst an Marc Elsbergs klasse Buch Blackout. Wir besuchen als Leser nacheinander immer verschiedene Figuren: den Studenten Julius und die Analystin Elsa habe ich schon erwähnt. Dazu kommen der THW-Freiwillige Florian, der Schweizer „Wasserwerk-Berater“ Noah und die alleinerziehende Neu-Bäuerin Kerstin. Sie alle haben verschiedene Perspektiven auf die Katastrophe und finden im Laufe der Geschichte den Weg zueinander, genau wie in Blackout.

Als Leser bekommen wir so völlig verschiedene Blickwinkel mit, wodurch das Geschehen greifbarer und plastischer wird. Kerstin und ihre beiden kleinen Kinder sind unmittelbar betroffen. Der Grundwasserbrunnen auf ihrem Bauernhof versagt und sie versuchen dann, woanders Wasser zu finden, wodurch sie in einem überfüllten Flüchtlingszug und schließlich in einem Lager enden. Wir erleben brennende Wälder, entdecken mit den Charakteren verdurstete Menschen an ausgetrockneten Flüssen und erleben auch, dass die Behörden und die EU-Politik letztlich überfordert ist und versagt.

Die Figuren sind mir dabei leidlich sympathisch. Obwohl sie alle vielversprechend vorgestellt werden, bleiben sie im Laufe der Handlung allerdings eher blass.

Für den Roman reicht das aber. In 42 Grad liegt der Fokus, genau wie in Blackout, relativ technisch auf den Ursachen und Konsequenzen des Wassermangels, und es gelingt Harlander, seine Figuren passend so zu positionieren, dass wir verschiedene Einblicke bekommen. Darüber hinaus gibt es immer wieder weitere Dokumente zu lesen, etwa Nachrichten aus dem Ausland, behördliche Handlungsanweisungen bei Wasserknappheit und mehr, so dass sich ein vielfältiges Bild ergibt.

Dass Harlander dabei allerdings auch noch mehr schlecht als recht versucht, zwei Liebesgeschichten unterzubringen, finde ich ziemlich überflüssig. Das wirkt künstlich und sehr platt. 42 Grad wäre auch ohne ausgekommen. Mir erscheint es, als wären die sich anbahnenden Romanzen als „sicheres Mittel“ für eine Charakterentwicklung gedacht gewesen. Und eine Erklärung dafür, warum gerade diese Figuren sich gegenseitig helfen und aneinander hängen bleiben. Es wirkt in der Form, wie Harlander sie beschreibt, einfach unnötig aufgesetzt.

Einige weitere Situationen nehme ich ihm auch nicht wirklich ab. Da wäre der Mad Max-Warlord, der nach wenigen Tagen Wasserknappheit schon Leute überfällt, ihnen das Wasser abknöpft und jemanden sucht, der ihm einen Online-Shop aufsetzt, auf dem er sein Wasser verkaufen kann. Da wäre ein internationaler Haftbefehl, weil eine EU-Mitarbeiterin ihre eigenen Forschungsdaten veröffentlicht hat. Und da wäre die Mutter, die mit Kleinkindern das Auto stehen lässt und sich lieber in einen Zug setzt, um sich dann später um all ihr Geld betrügen zu lassen.

Was mir nicht so gefällt – mit Spoilern!

Eine Geschichte mit interessanter Idee und spannender Handlung lässt sich ja schreiben – aber wie schafft man einen guten Abschluss? Das ist die große Schwierigkeit. Und auch hier mangelt es dem Roman 42 Grad an der Umsetzung.

Klicke auf den folgenden Balken, aber Achtung: Es gibt Spoiler!

Für die Wasserknappheit ist nicht nur die Dürreperiode und ein Erdbeben verantwortlich, sondern auch Terrorismus. Nachdem die IT der Wasserwerke wieder in Ordnung gebracht wurde, sollen sich die Probleme wieder auflösen – aber ich finde das unlogisch. Wenn es kein Wasser gibt, was soll dann reparierte Software in Wasserwerken wieder in Ordnung bringen?

Dazu kommt, dass es dann passend dazu auch noch ordentlich regnet. Am Ende ist eben alles gut. Bis auf einen gesprengten Staudamm mit Tausenden Toten. Diese ganze Staudamm-Episode wirkt irgendwie unpassend – wie künstlich in die Länge gezogen.

Ich finde die Terrorismus-Variante im Buch, durch die die Dürre noch verschärft wird, ganz okay – so abwegig wäre diese Vorstellung vielleicht nicht. Irgendjemand will bestimmt die Welt brennen sehen. Das Motiv dahinter, „ihr bekommt Wasser, wenn wir Stimmrecht in der EU bekommen“, ist aber sehr kurzsichtig und wirkt unrealistisch. So funktioniert Politik (und Erpressung) einfach nicht.

Und gerade dieser letzte Akt mit dem gesprengten Stausee wirkt nur wie eine unnötige Verlängerung, aus der Harlander dann letztlich nichts macht. Auf den letzten Seiten des Buches versuchen die Helden, die Sprengung noch zu verhindern. Klappt nicht, schade, Pech, immerhin regnet es ja.

So ist am Ende alles gut, ansich, und die Dürre und der Wassermangel sind beendet. Das kam mir unbefriedigend vor. Klar, als Autor muss man eine Geschichte auch irgendwann beenden. Aber was bleibt hier am Ende? Aus der ganzen Erdbeben-Grundwasser-Problematik vom Beginn des Buchs bleibt am Ende nur ein „alles ist gut, weil die Wasserwerke wieder gehen und es regnet“. Das wirkt, als hätte Harlander ein Buch begonnen und ein anderes beendet.

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42 Grad – Wertung

Bewertung: 3 von 5 Sternen

42 Grad beginnt sehr vielversprechend und beschäftigt sich mit einem eigentlich nahe liegenden Phänomen, nämlich den Folgen von Dürreperioden. Stellenweise spinnt Harlander den Gedanken sehr gut weiter und beschert dem Leser einen erschreckenden Blick auf eine Katastrophe, die vielleicht gar nicht so unrealistisch ist. Die Story driftet dann aber leider nach und nach in eine Richtung ab, die mir persönlich nicht gut gefällt.

Ich würde das Buch trotzdem empfehlen, weil mich die Beschreibung des Wassermangels zum Nachdenken gebracht hat. Verdursten? Wir sind doch nicht in der Sahara! Nach dem Ende des Buchs habe ich selbst ein wenig recherchiert und mit Erschrecken festgestellt, dass Experten auch für Mitteleuropa Alarm schlagen. Auch bei uns geht es um mehr als eingegangener Rasen: Offenbar fehlt heute weiten Gebieten ein ganzer Jahresniederschlag, weil sich der Boden noch immer nicht von der Dürre 2018 erholt hat.

Der Unterhaltungswert des Buches ist daher eher so lala, aber es gibt einen Anstoß zur Weiterbildung und zum Umdenken.

Bewertungskategorie FachwissenBewertungskategorie Lesespaß

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