27. Juni 1861 – So beginnt der Öl-Boom in den USA

Was war heute so im 19. Jahrhundert los? Ich hab einfach zufallsmäßig mal eine historische Zeitung aufgemacht und ein wenig geschmökert.

Am 27. Juni im Jahre 1861 ging es im Grünberger Wochenblatt um ein Thema mit weitreichenden Folgen: Den Beginn des Öl-Booms in den USA! Weil es so interessant ist, in einer Originalquelle davon zu lesen, wollte ich euch, die werten Leser aus dem Jahre 2020, daran teilhaben lassen.

Der Bericht ist in Ich-Form geschrieben und wurde wohl dreist von einem „Korrespondenten der Times“ geklaut. Dieser Korrespondent schreibt darüber, dass es in Pennsylvania einen „Oil Creek“ gäbe, einen Fluss, auf dessen Oberfläche einfach so Mineralöl schwimmt, das schon immer mit Wolltüchern einfach abgeschöpft wurde.

Nun hat Edwin Drake „vor ungefähr 18 Monaten“, nämlich im August 1859, in Pennsylvania eine erste erfolgreiche Ölbohrung vorgenommen und dadurch ein riesiges Vermögen verdient. Dieser Erfolg hat viele Nachahmer angezogen und deswegen stehen jetzt, also heute vor 159 Jahren, am Oil Creek jede Menge Ölförderbrunnen.

Und das sei eine tolle Sache, denn dieses Öl brennt richtig hell und explodiert auch nicht so schnell. Das Beste daran ist aber, dass diese Ölquellen so reichhaltig sind, dass das Öl, wenn man eine Ölader ansticht, einfach so 18 Meter hoch aus dem Boden schießen kann. (So hat man jedenfalls aus Tidioute gehört).

Die Ölquellen scheinen gar nicht versiegen zu wollen, es kommt immer mehr – und je mehr Öl gefördert wird, desto mehr steigt auch die Nachfrage!

Das waren noch Pionierzeiten. Man hat das Geld einfach so aus dem Boden geklaubt und musste sich keine Sorgen darüber machen, dass das Öl irgendwann versiegen werde oder, Gott bewahre, es sogar schädlich sein könnte (Plastik auf allen Meeren, Tür und Tor zu industrieller Massenfertigung günstigster Wegwerfprodukte)!

Der Autor verleiht am Ende seiner Hoffnung Ausdruck, dass sich die Fördertechnologien in Zukunft noch weiter verbessern werden, damit man noch mehr dieses feinen Stoffes nutzbar machen könne. Die Förderprozeduren stecken ja, so erkennt er weise, noch in den Kinderschuhen. Und so sitzen wir nun hier und lesen am Ende dieses Booms davon, wie es damals losgegangen ist. Um viel Wissen und einen kaputten Planeten reicher.

Es ist erst anderthalb Jahrhunderte her, aber wenn ich mir vorstelle, was sich seit diesen Ursprüngen alles geändert hat, muss ich immer wieder staunen. Zwei Weltkriege inkl. Holocaust, Pauschalreisen um die Welt, Mondlandungen, Atombomben, Autos, Internet und soziale Medien, über die sich Verschwörungstheorien verbreiten, dass die Erde eine Scheibe sei. Du meine Güte.

Urgs, ich lese mich hier meckerig und pessimistisch. Tut mir leid, wollte ich nicht, es ist nur so faszinierend, mit unserem heutigen Wissen auf diese Zeit zurückzublicken und zu lesen, wie begeistert man früher war, und wie alles seinen Lauf nahm :D


Nachfolgend findet ihr den Screenshot des Original-Artikels. Wer der altdeutschen Schrift nicht so mächtig ist, kann unten drunter die Transkription davon lesen :D

Aus dem Grünberger Wochenblatt vom 27. Juni 1861, Titelblatt. Frei verfügbar beim Zeitungsinformationssystem ZEFYS, Link

M i n e r a l ö l. Bei dem sich steigernden Bedürfnis an Leuchtmaterial, welches zur Entstehung der Photogen- und Paraffinfabriken Veranlassung gab und die nach der Güte der verwendeten Rohmaterialien mehr oder weniger rentabel sind, dürfte der nachstehende Bericht eines Korrespondenten der Times über amerikanisches Mineralöl nicht ohne Interesse sein.

Das Petroleum (Steinöl), ein neuer Artikel auf dem amerikanischen Handelsmarkt, erregt bereits in England Aufmerksamkeit, und ich will hier einiges über sein Vorkommen mittheilen.

Im westlichen Theile von Pennsylvanien in Erie County ist ein Ort, namens Unions Mills, und einige engl. Meilen südlich davon entspringt Oilcreek, ein Fluss, dessen Wasser in den Alleghanstrom [Allegheny River] fließt. Seit meiner frühesten Erinnerung (mehr als 30 Jahre rückwärts) weiß ich, dass von der Oberfläche des Oilcreek Öl gewonnen wurde, indem man wollene Tücher auf das Wasser breitete und sie dann ausrang. Dieses Öl wurde zu medizinischen Zwecken, äußerlich bei Rheumatismen, angewendet und unter dem Namen „Senecaöl“ von dem Seneca-Indianerstamme verkauft, welcher früher in diesem Theile des Staates hauste.

Vor ungefähr 18 Monaten grub Mr. Drake in Titusville versuchshalber einen Brunnen von 74 Fuß Tiefe und hatte das Glück, eine Ölader zu treffen, deren Producte ihm bereits ein Vermögen eingebracht haben. [Damit begann der amerikanische Öl-Boom] […]

Sein Erfolg lockte andere zu gleichen Experimenten, und auf einer Länge von mehr als 100 Meilen am Alleghanfluss und Oilcreek wurde der Boden sorgfältig untersucht, mit so günstigem Erfolge, dass gar viele reich geworden sind. Ich weiß nicht genau, wie viele Brunnen sich am Oilcreek befinden, aber sie sind zahlreich. [Hier folgen ein paar Sätze dazu, wer wo „Ölbrunnen“ gebaut hat]. Fast alle Ölterritorien sind sehr günstig für den Markt gelegen. Von Titusville und Tidioute kann das Öl während der schiffbaren Jahreszeit den Fluss herunter in Flachbooten nach Pittsburg zu sehr niedrigen Preisen befördert werden. […]

Die Brunnen sind einfache Löcher im Erdboden von ungefähr 6 Zoll Durchmesser. Sie werden durch das Eintreiben von Eisenröhren hergestellt und sind 10-60 Fuß tief. Findet man einen guten „Ölvorrath“, so wird eine durch Damp getriebene Pumpe in den Brunnen gesetzt und das Öl und Wasser in große Gefäße, welche 100 Barrels (1 Barrel = 96 ⅔ preuß. Quart) halten, gepumpt und das Wasser von unten abgezogen, während das obenauf schwimmende Öl im Gefäß bleibt. […]

Ist das Öl raffiniert, so leuchtet es besser als irgendeine Flüssigkeit, welche ich je brennen sah, und steht höchstens dem besten Kohlengase nach, ohne dabei so leicht zu explodiren als andere Flüssigkeiten, welche von Zeit zu Zeit in den Handel kommen. […]

Beim Öffnen tiefer Brunnen zeigen sich oft ganz eigenthümliche Erscheinungen. Aus einem kürzlich in Tidioute gebohrten Brunnen schoss das Öl- und Wassergemisch in einem Strahle von 60 Fuß Höhe heraus, durch das Gas getrieben, dessen Generation in der Tiefe fortwährend vor sich zu gehen scheint [vermutlich ist gemeint: „das sich fortwährend in der Tiefe neu bildet“] .

Der Zufluss scheint übrigens unerschöpflich. Brunnen, aus denen man anfangs 160 Gallons pro Tag pumpte, geben jetzt sechs- bis siebenmal so viel […].

Fast kein Brunnen wird ordentlich bearbeitet, die Werke sind unvollkommen. […] die ganze Prozedur liegt noch in der Kindheit. Wenn einige Zeit darüber hingegangen sein wird und Eigentümer und Werkführer das beste Verarbeitungssystem kennen gelernt haben, wird der Zufluss noch größer werden. Die Nachfrage scheint sich mit dem Zufluss zu steigern. […] Hoffentlich werden sowohl wissenschaftlich gebildete Männer als auch Kaufleute ihre Aufmerksamkeit hierher richten. […]

Transkription des Originaltextes (abgeschrieben hab ich’s selber ^^)


Anmerkungen, die ich selbst in den Text eingefügt habe, befinden sich innerhalb von eckigen Klammern: [meine Anmerkung]. Sternchen (*, Asteriske) zählen hier als Auslassungszeichen und bedeuten, dass ich Teile des des Textes nicht entziffern/erkennen konnte. Die Anzahl der Sternchen stehen möglichst für die Anzahl der ausgelassenen Zeichen.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.