Wettlauf nach Berlin und die Schlacht um die Seelower Höhen 1945

Nach den unglaublichen Erfolgen der deutschen Armee in den ersten Kriegsjahren des 2. Weltkriegs hatte sich das Blatt ab 1942 langsam, aber sicher gewendet. 1944 gelang den (West-)Alliierten die Landung in der Normandie, von wo aus sie das Deutsche Reich nun von Westen bedrängten. Im Winter 1944/45 war der Krieg eigentlich schon längst verloren. Hitler hoffte dennoch auf ein Wunder, zB., dass sich die Alliierten gegenseitig an den Kragen gehen, und ließ die Wehrmacht alle Stellungen verbissen verteidigen.

Hier geht es um die letzte große Schlacht des 2. Weltkriegs vor der Einnahme Berlins: Die Schlacht um die Seelower Höhen.

Berlin ist die Trophäe

Das von Hitler beschworene Wunder ließ sich nicht blicken. Auch die eilig zu Festungsstädten erhobenen Bastionen fielen alle nach und nach. So auch die Festung Küstrin an der Oder, rund 80 km ziemlich genau östlich von Berlin gelegen. Nun stand im Osten der Weg nach Berlin theoretisch frei, und Berlin war der Hauptgewinn: Wer die Stadt einnahm, besiegte letztlich die Deutschen. Das bedeutet viel Prestige für die Nation, die das schafft, und natürlich glänzende Karriereaussichten für den entsprechenden General.

Es begann also ein Wettlauf mit Berlin als Trophäe: Im Westen schossen sich die Westalliierten ihren Weg frei, im Osten die zusammengewürfelten Sowjetarmeen. Die deutsche Verteidigung konzentrierte sich allerdings auf den Osten. Die Russen galten als Untervolk, und wenn Verhandlungen überhaupt in Betracht kamen, dann nur mit dem westlichen Feind.

Jedenfalls – die russischen Armeen hatten es eilig, nach Berlin zu kommen. Nach Küstrin müsste man nur der Reichsstraße 1 folgen, um kurz darauf am Alexanderplatz zu stehen. Allerdings hatte Hitler zwischenzeitlich den Defensivtaktiker Generaloberst Gotthard Heinrici an die Ostfront versetzt. Er sollte Berlin abriegeln und die Sowjets am weiteren Vormarsch hindern. Da stießen also zwei Interessen aufeinander, die letztendlich die Opferzahl nochmals völlig unnötig in die Höhe trieben.

Verteidigung an den Seelower Höhen

Heinrici nutzte für seine Abwehrstrategie die Topographie der Landschaft im östlichen Brandenburg hervorragend aus. Westlich der Oder liegt das stellenweise 18 km breite Oderbruch, eine flache Ackerlandschaft. Sie wird im Westen durch die Seelower Höhen abgegrenzt, eine rund 50 m über dem Oderbruch gelegene, langgezogene Geländestufe.

Die Seelower Höhen ließen Heinrici und General Busse, der die 9. Armee befehligte, stark befestigen und planten, die Reichsstraße 1 in der Stadt Seelow, die sich auf der oberen Geländekante ausbreitet, zu versperren. Hinzu kamen weitere Verteidigungslinien unterhalb der Seelower Höhen. Das Oderbruch neigt von Natur aus zur Versumpfung. Heinrici ließ nachhelfen und öffnete Dämme, um den Vormarsch des schweren sowjetischen Geräts und der armen Infanteristen zusätzlich durch Matsch und Sumpf zu behindern.

Zivilisten in Seelow erhielten am 25. Februar den Räumungsbefehl, sie mussten die Stadt verlassen und Seelow wurde zur Verteidigung vorbereitet. Dazu gehörte auch die Sprengung des Kirchturms. Kirchtürme eignen sich für eine feindliche Artillerie hervorragend als Orientierungspunkt. Die Sowjets bemerkten natürlich, dass die Deutschen Vorkehrungen getroffen hatten. Um ihren straffen Zeitplan zur Einnahme Berlins einzuhalten, planten sie, nicht lange zu fackeln und beschlossen, die Tür nach Berlin mit 40.000 Geschützen einzutreten. Für die Einnahme der Seelower Höhen wollte man nicht mehr als einen Tag aufwenden – eine Großoffensive musste her.

Topographie des Oderbruchs und Seelower Höhen
Norden ist hier rechts! Die Seelower Höhen aus Sicht des russischen Aufmarschs (Modell in der Gedenkstätte Seelower Höhen)
Seelower Höhen von Osten
Die Seelower Höhen von der heutigen B1, von Küstrin kommend (wie die Russen)

Trommelfeuer auf leere Stellungen

Sie begann um 3 (oder 4?) Uhr am Morgen des 16. Aprils 1945. 2,5 Millionen sowjetische Soldaten standen über 30 km verteilt an Oder und Neiße, gruppiert in drei Heeresgruppen. Die mittlere unter Befehl von Marschall Schukow sollte mit rund einer Million Soldaten von Küstrin aus das Oderbruch durchqueren, Seelow einnehmen und direkt nach Berlin marschieren. Der Plan war einfach: Das schwerste Trommelfeuer des gesamten Krieges sollte die Verteidigung der Deutschen in Matsch verwandeln. Die verbliebenen Stellungen sollten dann schnellstmöglich überrollt werden.

Allerdings: Der knapp halbstündige Beschuss aus tausenden Geschützen in der Dunkelheit traf bei den rund 120.000 Verteidigern größtenteils auf – kann man das sagen? – taube Ohren: Die anvisierte erste Verteidigungslinie war so gut wie leer. Heinrici und Busse hatten den Angriff erwartet, nachts die Soldaten abgezogen und dann in der zweiten Linie auf den Seelower Höhen eingesetzt.

Den genauen Ablauf der viertägigen Schlacht sowie Details liest du bitte an geeigneterer Stelle nach, siehe Literatur und Links unten :D Ich gebe hier nur einen knappen Überblick.

Aufstellung an im Oderbruch am 16.04.1945
Tafel an der Gedenkstätte Seelower Höhen: Schlachtaufstellung

Flakscheinwerfer und Panzerstau im Oderbruch

Als Schukow nach dem Trommelfeuer seine Panzer und die Infanterie nach vorne schickte, fand man die zerstörte erste Verteidigungslinie vor, aber dafür keine Deutschen. Eine weitere böse Überraschung folgte auch gleich: 143 sowjetische Flakscheinwerfer sollten die Nacht zum Tage machen und die Deutschen blenden. Rauch, Staub und Nebel streuten das Licht aber, das dadurch eher die eigenen Truppen blendete. Diese gaben zudem vor dem Hintergrund der Scheinwerfer für die Deutschen weiter im Westen leichte Ziele ab. Hohe Verluste unter Stalins Soldaten waren die Folge.

Schukow sah hier schon seine Felle davonschwimmen. Während die beiden anderen sowjetischen Heeresgruppen Erfolge erzielen konnten, blieb sein Angriff nach nur sechs Kilometern im Schlamm des Oderbruchs stecken und die Deutschen konnten trotz ihrer katastrophalen zahlenmäßigen Unterlegenheit die Angriffe abwehren. Was tut man, wenn die Zeit drängt, der Chef Erfolge verlangt und die Kollegen davon ziehen? Man verliert die Nerven und wirft alles in die Schlacht, was man hat. Das jedenfalls tat Schukow.

Noch am ersten Tag setzte er seine Panzerreserve ein. Sie sollte weiteren Druck auf die Deutschen ausüben – führten tatsächlich aber zu Chaos auf dem Schlachtfeld. Schukow hatte andere Befehlshaber nicht informiert, die ihre Taktiken und Aufstellungen daher nicht auf die Ankunft der zusätzlichen Panzer vorbereiten konnten. Panzer und Infanterie behinderten sich gegenseitig, es entstand Stau und die Deutschen beharkten das Getümmel erfolgreich mit ihrer Artillerie.

Bundesarchiv Bild 183-E0406-0022-012, Sowjetische Artillerie vor Berlin
Beschriftet als „Sowjetische Artillerie vor Berlin“ und ohne Datum, daher nicht sicher in der Schlacht um die Seelower Höhen. Da diese Schlacht aber schon zur Schlacht um Berlin dazugehört, ist das gut möglich.

Das Oderbruch von der B1
Das flache Oderbruch von der B1 aus nach Norden blickend

Die Seelower Höhen fallen

Natürlich war jedem – außer vielleicht Hitler – klar, dass die paar Verteidiger den Vormarsch nicht lange würden aufhalten können. Die schiere zahlenmäßige Überlegenheit in allem – Soldaten, Panzer, Geschütze und Flugzeuge – drückte die deutschen Stellungen ein, spaltete die Linien und konnte am 19. April schließlich auch die letzten Widerstandsnester in Heinricis Tiefenverteidigung aufreiben.

Bilanz am Ende der Schlacht um die Seelower Höhen: rund 33.000 gefallene und 40.000 verwundete sowjetische Soldaten, 12.344 Gefallene auf deutscher Seite. Dazu eine Zeitverzögerung von vier Tagen, bevor die Russen ihren Vormarsch auf Berlin fortsetzten konnten, wo sie sich in weiteren zähen Gefechten und hohen Verlusten ins Zentrum kämpfen mussten. 10 Tage später wehte die russische Flagge auf dem Reichstag und am 2. Mai kapitulierte das Deutsche Reich.

Man kann sich fragen, warum sich die deutschen Soldaten zu diesem Zeitpunkt noch so erbittert gewehrt haben. Es mag auch Angst vor Erschießung von Deserteuren gewesen sein, aber es muss noch mehr mitgespielt haben. In Zeitzeugenberichten (siehe unten) liest man, dass

  • viele Soldaten noch immer der deutschen Propaganda geglaubt haben. Es handele sich eher um taktische Rückzüge, nur um den Feind später mit der Wunderwaffe zu besiegen.
  • Frontlinien sich nunmal änderten – vier Jahre zuvor habe man ja noch vor Moskau gestanden, und völlig unerwartet hat das nicht geklappt. Das würde sich auch wieder ändern.
  • die zahlenmäßige Überlegenheit der Russen nicht sonderlich abgeschreckt hat, denn das sei ja den ganzen Krieg über schon so gewesen.
  • Ein Grund für das Durchhalten sei auch gewesen, den vielen Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten mehr Zeit zu verschaffen, sich in Sicherheit zu bringen.

Letztendlich hat dieses letzte Aufgebot der Deutschen auch zu nichts mehr geführt, außer zu einer Verlängerung des Krieges…

Das Gedenken in Seelow

Heute erinnert die Gedenkstätte Seelower Höhen bei Seelow, mit schönem Blick über das friedliche Oderbruch, an diese heftige Schlacht. Die Sowjets hatten es noch 1945 zu Ehren der russischen Gefallenen und ihres Sieges errichten lassen. Daneben befindet sich ein kleines Museum, das einen Überblick bietet, über das, was hier passiert ist. Ein dreißigminütiger Film im Museum zeigt die Ereignisse mit viel historischem Filmmaterial anschaulich.

Wichtig ist der Region auch heute noch die Suche nach weiteren Gefallenen. Noch immer tauchen Massengräber oder einzelne Soldaten bei Bauarbeiten oder durch eine systematische Suche mit Metallsonden auf. All die Menschen, die so sinnlos ihr Leben lassen mussten, wo doch der Krieg sowieso schon verloren war… Erklärt wird auch, wie man mit gefundenen Überresten von Soldaten umgeht: Natürlich versucht man, den Menschen mithilfe seiner Erkennungsmarke und Soldatenlisten zu identifizieren und etwaige Angehörige zu benachrichtigen. Das Umbetten der Knochen ist dann mit viel Bürokratie verbunden. So einfach und sinnlos gestorben, und am Ende müssen Anträge bewilligt werden, um seine letzte Ruhe zu finden.

Gedenkstätte Seelower Höhen
An der Gedenkstätte Seelower Höhen. Leider habe ich kein Bild von dem riesigen Gedenksoldaten oben gemacht :-(

Weitere Informationen

Literatur

» Semmler, Burkhard: „Um vier Uhr plötzlich ging die Welt unter…“. Oderbruch ’45. Zeitzeugen berichten vom Ende des II. Weltkrieges. Begleitbroschüre zum dem gleichnamigen Film, Berlin 1995. (In der Gedenkstätte Seelower Höhen für 1€ gekauft, aber sehr interessant..)

Dokumentation zur Schlacht

Interessante Links

» Die Schlacht auf Wikipedia
» Die Schlacht auf welt.de
» welt.de: Schukows taktische Fehler

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