Besuch im Zoo: Der ungeschönte Blick auf den Menschen

Kürzlich war ich im Zoo. Es war Sonntag und wir waren auf Familienbesuch im Stuttgarter Raum. Das Wetter ließ Outdoor-Aktivitäten nicht zuverlässig zu, also warum nicht die Wilhelma in Stuttgart besuchen. Da kann der dreijährige Neffe Tiere identifizieren üben und für die Erwachsenen gibt es genügend Gelegenheit für Mittagessen, Kaffee und Kuchen. Und ich kann meine neue Kamera erproben :D

Die Wilhelma ist einer der größten und bekanntesten Zoos in Deutschland und damit sozusagen der „Hauszoo“ für halb Schwabenland. In der Schule führte gefühlt jeder zweite Klassenausflug in die Wilhelma, so dass irgendwann eine Sättigung eintrat und mein letzter Besuch schon über zehn Jahre zurückliegt.

Von den wirklich schönen Fotos aus dem Aquarien- und Terrarien-Haus mal abgesehen habe ich vor allem gemischte Eindrücke über den Zweck eines Zoos und den Umgang mit Tieren allgemein mit nach Hause genommen… Und darüber möchte ich heute berichten.

Besuch im Zoo – gemischte Gefühle

Ein Auszug aus meinen Gedanken, während ich mit ungefähr halb Stuttgart durch die Anlagen der Wilhelma schlenderte:

  • Unglaublich faszinierende Wesen gibt es auf dieser Welt – aber viele davon sind vom Aussterben bedroht
  • Toll, dass wir solche Arten mit eigenen Augen sehen können – aber haben sie auch genügend Platz in ihren Gehegen und abgetrennten Welten?
  • Wie schön die Natur doch alles hergerichtet hat – aber ist es nicht pervers, die Tiere jederzeit neugierigen Blicken auszusetzen?
  • Zoos nehmen heutzutage eine Verantwortung zur Erhaltung von Arten wahr – aber wäre es nicht besser, wenn all diese Arten nicht auch in ihrem natürlichen Umfeld unberührt leben könnten?
  • Wieso haben wir für sich genommen so schwachen Menschen das Recht, über alle anderen Lebewesen auf dem Planeten zu herrschen?

Kurzum: Meine Faszination über die Vielfalt der Arten rang ständig mit einer gewissen Verzweiflung.

Faszinierende Menschenaffen

Die Wilhelma ist stolz auf ihr Menschenaffenhaus mit 55jähriger Tradition. Hier vermehren sich die Affen erfolgreich und es gibt sogar einen Affenkindergarten, in dem verstoßene Affenbabys gerettet und von den Pflegern liebevoll aufgepäppelt werden. Auch andere Zoos schicken ihre Problem-Affenkinder hierher.

Als Besucher lesen wir wahnsinnig spannende Fakten über Menschenaffen: Dass sie durchaus eine Gebärdensprache lernen und mit einem Wortschatz von über 1000 Wörtern mit ihren Bezugspersonen kommunizieren können. Dass sie mit diesem Wortschatz sogar neue Wörter bilden, um Dinge zu beschreiben: Augen-Hut bezeichnet in Affensprache „Brille“ :D Außerdem sind Menschenaffen empathisch und zeigen Gefühle und ein ausgeprägtes Sozialverhalten.

Und doch stehen Tag für Tag hunderte Menschen an der Scheibe und sehen zu, wie die Affen über Leitern klettern und sich eben wie Affen benehmen. Natürlich dienen die Eintrittsgelder dazu, die Arbeit mit den Tieren überhaupt zu finanzieren.. Doch es ist traurig, dass diese klugen und empathischen Individuen als Preis dafür als „Sehenswürdigkeit“ angestarrt werden: Man zeigt mit den Fingern auf sie, beobachtet jede ihrer Bewegungen, lacht über sie, wenn sie drollige Dinge tun. Sie sind eben gefangen.

Sie gehören hier nicht her, sie sollten keine Sehenswürdigkeit sein. Aber ihr natürlicher Lebensraum schrumpft gefährlich immer weiter. Und deswegen sind sie hier vielleicht wirklich besser aufgehoben als draußen…

Zoo – mehr als nur Besuchermagnet

Was ist eigentlich ein Zoo? Dumme Frage, ich weiß. Ein Zoo ist eine große Anlage, in der Besucher die dort gehaltenen verschiedenen Tierarten anschauen können. Klar soweit. Aber was ist der Zweck? Historisch gesehen dienten Zoos zunächst tatsächlich vor allem der Zurschaustellung von exotischen Tieren, die ja auch ein Statussymbol für den Halter sind. Dass es den Tieren dabei nicht so gut ging, stellte man schnell fest, weil sie einfach starben oder zumindest keine Nachkommen bekamen. Zur Erhaltung des Statussymbols war es also nötig, den Tieren ein Mindestmaß an artgerechter Haltung zukommen zu lassen.

Glücklicherweise hat sich das ganze Konzept eines Zoos mittlerweile deutlich gewandelt. Natürlich gehören Besucher weiterhin genauso dazu wie die Haltung von Tieren in Gefangenschaft, aber Zoos übernehmen Verantwortung und beteiligen sich an Artenschutzprojekten. Sie helfen beispielsweise durch Zuchtprogramme dabei, Populationen wieder zu vermehren und in der Natur auszuwildern.

Im Grunde sind Zoos eine Arche Noah, in der (manche) Tierarten am Leben gehalten werden, während ihre Artgenossen in der freien Wildbahn immer weiter vom Menschen verdrängt und dabei dezimiert werden.

Gefangenschaft als Kompromiss zu Arterhaltung

Natürlich ist das Leben im Zoo nur ein seichter Abklatsch eines freien, natürlichen Lebens in der freien Wildbahn – das wird beim Zoobesuch in aller Deutlichkeit klar. Es ist eben Gefangenschaft und – trotz der neuen Verantwortung – Zurschaustellung von Lebewesen.

Während ich über die schillernden Farben eines Fisches staune, patscht irgendein Kleinkind fröhlich gegen die Scheibe und ruft „Hallo, Fisch!“ – natürlich ist das nicht erlaubt, aber Papa ist vermutlich froh, dass der Nachwuchs sich amüsiert. Ein bisschen Geklopfe wird der Fisch bestimmt abkönnen. Auch das ist der Preis dafür, dass der Fisch möglicherweise müllfreier leben darf als seine Artgenossen im Meer.

Ich weiß nicht, wie es sich auf die Zootiere auswirkt, keine großen Reviere wie in ihrem natürlichen Lebensraum haben zu können, sondern auf ein relativ kleines, beton-eingefasstes Gehege beschränkt zu sein. Aber wie es ihnen geht, war ihnen teilweise anzusehen…

Die beiden Elefantendamen standen auf einem Sandhügel, die eine wiegte unruhig den Kopf hin und her. Viel Auslauf haben sie nicht, und Stuttgart mit all dem Stadtlärm drumrum ist eben auch nicht das weite Afrika (oder Indien).

Zwei Murmeltier-Luchs-Fuchs-Waldhund-Tiere (?) trappelten am Rand ihres Geheges auf einem völlig ausgetretenen schmalen Pfad die ganze Zeit im Kreis, pro Runde vielleicht 30 Meter. Runde für Runde, immer weiter..

Der große Seeadler mit 2,5 Meter Flügelspannweite saß in einem Drahtkasten von vielleicht 10 Meter Kantenlänge. Klar, mit Baum und Vegetation und allem, aber naja, weite Ausflüge sind dabei nicht möglich.

Ein antilopenartiges Tier lief am Zaun ständig fünf Meter hin, dann wieder fünf Meter zurück, ohne Unterlass, auch 15 Minuten später noch.

Da möchte ich heulen … Obwohl ich davon überzeugt bin, dass die Wilhelma alles tut, um den Tieren ein möglichst artgerechtes Umfeld zu bieten. Das Elefantengehege soll auch deutlich vergrößert werden. Und ich bin unendlich froh, dass die Tiere, die hier im Zoo leben, davor geschützt werden, Opfer von Wilderern, Trophäenjägern oder kranken Spinnern zu werden, die Tiere töten und zu Pulver mahlen, weil das angeblich die Potenz steigert.

Der ungeschönte Blick auf den Menschen

Und so erhascht man im Zoo, in den wir eigentlich gehen, um Tiere anzuschauen, genauso einen Blick auf die Menschheit und ihren Umgang mit dem Planeten, auf dem Mensch UND Tier eigentlich zusammen leben können sollten.

Meiner Schwester ging es genauso, sie erzählte mir, wie die Tigerkatze sie aus dem Gehege heraus ansah und in den Momenten des Blickkontakts hatte meine Schwester ein Gefühl, als ob die Tigerkatze in die Seele des Menschseins hineinsieht: Aus ihrer Gefangenschaft heraus schaut sie auf den Menschen, der sie gefangen hält und gleichzeitig alles zerstört, was unseren Planeten so schön macht.

Das ist überinterpretiert… Aber die Aquarien, Terrarien und Gehege bieten tatsächlich einen Blick in zwei Richtungen: a

Wir schauen in die Aquarien, sehen diese unglaublich bunten, faszinierend an ihre Umwelt angepassten, aber auch grotesk anmutenden merkwürdigen Unterwasserkreaturen .. und wissen dabei, dass Korallenriffe am Aussterben sind, Fischbestände überfischt werden und der Ozean von Plastikmüll überschwemmt wird, der Millionen von Tieren das Leben kostet. Schuld ist: Der Mensch.

Im Zoo sehen wir bunt gefiederte Vogelarten mit melodischen Singstimmen – und lesen auf einer Infotafel, dass in Indonesien die Wälder mittlerweile beinahe „stumm“ sind, weil hier Vögel systematisch eingefangen und auf Märkten verkauft werden. Schuld ist: Der Mensch.

Ein Zoo bietet viel Faszinierendes, macht aber gleichzeitig auch bewusst, wie gefährdet und fragil so viele Tierarten mittlerweile sind. Manche Tiere sehen „eklig“ aus, sehr viele sind sehr fremdartig und manche können Menschen auch töten … aber das in seiner Art ekligste und gefährlichste Tier sehen wir nicht auf der anderen Seite der Glasscheibe, sondern in deren Spiegelung.

Zoo macht keinen Spaß… ist aber lehrreich

Und deswegen machte mir der Zoobesuch keinen Spaß, im Gegenteil, er war sehr schmerzhaft. Natürlich war mir nichts von all dem neu – es ist aber etwas ganz anderes, über das Artensterben zu lesen oder Dokumentationen zu lesen, oder den Tieren sozusagen in Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen.

Dennoch war der Zoobesuch sehr lehrreich. Als Kind staunen wir vor allem über große Elefanten, lustige Affen und wuschelige Löwenmähnen. Aber diesmal staunte ich über etwas anderes: Was für faszinierende Wunder die Evolution auf diesem Planeten hervorgebracht hat! Ganz egal, auf wie vielen Beinen und mit wie vielen Augen (wenn überhaupt), und in welchen Farben: All diese Tiere und Pflanzen (und Zwischenstufen) sind gleichberechtigte Bewohner dieses Planeten und müssen erhalten bleiben!

Tiere sollten nicht im Zoo leben müssen. In der Vormachtstellung, die der Mensch auf der Erde einnimmt, muss er die Verantwortung übernehmen, den Lebensraum „Erde“ für alle zu erhalten – und nicht nur für eigene Interessen auszuschlachten!

Bilder aus dem Zoo

Die Fotos zeigen natürlich nur die schöne und faszinierende Seite des Zoos. Und das ist vielleicht auch okay: So stehen die Bilder dessen, was wir erhalten müssen, ganz am Ende und bleiben vielleicht auch am ehesten in Erinnerung.

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2 Comments

  1. Servus Debbie,
    ich kann dir zu dem Zoo-Artikel nur gratulieren.
    Er ist nicht nur hervorragend geschrieben, du siehst die Dinge meiner Meinung nach genau so, wie sie sind.
    Eigentlich alles total traurig, gäbe es nicht vielen jungen Menschen (Fridays for future) und das schöne Ergebnis der Europawahl, das doch auch wieder ein wenig Mut machen sollte und wenigstens ein kleiner Lichtblick ist.
    Weiter so, freue mich immer schon auf deinen Newsletter!
    Beste Grüße
    Peter

    1. Ravana

      Hey Peter,
      schön wieder von dir zu hören! Ich hoffe, die Website macht sich gut – oder noch besser, du sammelst auf Reisen neue Eindrücke :-) Und vielen Dank auch für dein Lob, das hat mich wirklich sehr gefreut! Mit ähnlicher Begeisterung hatte ich in deinem eigenen Newsletter den Beitrag über Bienen gelesen. Ich hoffe, dass viele sich beteiligt haben. Und ich hoffe, dass das Umdenken, das aktuell (gefühlt..) stattfindet, auch wirklich dazu führt, dass wir das Artensterben und den Klimawandel stoppen können..

      Ganz liebe Grüße
      Debbie

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