Von Zahnbrechern und Bart-stutzenden Zahnverständigen

Ich sitze heute mit leicht dröhnendem Kiefer vor dem Rechner. Nach all den Jahren zog meine Zahnärztin einen Schlussstrich unter die Existenz meiner vier vorhandenen Weisheitszähne und schickte mich zum Kieferorthopäden, der auch etwas zog, und zwar eben diese Zähne.

Sie drückten auf die anderen Zähne und sollten deshalb raus. „Das geht ganz schnell“, versicherte mir meine Zahnärztin. Unwohl war mir trotzdem. Niemand kommt vom Weisheitszahn-Ziehen und erzählt davon, wie viel Spaß er dabei hatte. Im Gegenteil, unschöne Geschichten über Komplikationen, Gebohre und lautes Knacken hatten auch meine Ohren erreicht.

Aber wie eigentlich immer bei Gesundheitsthemen hatte ich mehr Glück als Lebensstil-technisch verdient: Alles lief glatt. Das Warten im Wartezimmer dauerte länger als der Eingriff selbst. Es musste nicht geschnitten werden und auch nicht genäht. Zwei Zähne waren schneller draußen als ich überhaupt realisieren konnte, die zwei anderen wehrten sich verbissen. Trotzdem konnte ich mich nach 20 Minuten vom Zahnarztstuhl erheben.

Nein, schön ist es nicht, das Zähneziehen. Aber es ist trotzdem ein ausgezeichneter Anlass dazu, zurückzuschauen auf frühere Zeiten und dann ganz laut DANKE zu sagen :D

Omne bonum, James le Palmer
Zahn ziehen Mitte 14. Jahrhundert (Quelle: Omne bonum, 1360-1375, British Library, Quelle: Wikipedia)

Erstmal ist es toll, dass es überhaupt auf Zähne spezialisierte Ärzte gibt, die Erfahrung darin haben und genau wissen, was sie tun. Im Mittelalter waren vor allem Barbiere für das Zähne Ziehen zuständig. Die waren aber auch für Aderlässe, allgemeine Krankenpflege und das Stutzen von Bärten zuständig. Der Berufsstand des Vertrauens also, wenn es um … naja, eigentlich alles, aber nichts so richtig geht. Die Alternative wären wandernde „Zahnbrecher“ oder gleich marktschreiende Scharlatane.

Wir haben außerdem Röntgenbilder, die den Ärzten ein ganz genaues Bild der Zähne und ihres Zustands vermitteln. Seit der Entdeckung der „X-Strahlen“ durch Wilhelm Conrad Röntgen 1895 verbreitete sich die neue Technik sehr schnell, weil sich dadurch viel schneller und schonender Diagnosen stellen lassen. Und der Arzt kann nicht zuletzt schon im Voraus beurteilen, mit was für Problemen bei einem Eingriff zu rechnen sein kann.

Gerard van Honthorst - Der Zahnarzt
So könnte es 1622 ausgesehen haben – aus diesem Jahr stammt das Gemälde von Gerard van Honthorst (Quelle: Wikipedia)

Der Arzt hat helles Licht, um sich genau im Mundraum umschauen zu können, er trägt Einweghandschuhe und seine Instrumente sind steril, so dass das Risiko einer Infektion durch das Eindringen von Keimen in offene Wunden minimiert wird. Vor 200 Jahren gab es weder so starkes, fokussierbares Licht, noch filigrane Spezialinstrumente wie feine Bohrer, sondern nur grobe Zangen. Die auch keine Preise für sterile Standards gewannen.

Ein „Zahnschlüssel“ im Joseph Allen Skinner Museum, Massachusetts, USA, der laut Beschreibung im 18. und bis ins frühe 19. Jahrhundert Verwendung fand. Mit nur einem Dreh sollte der Zahn gezogen sein. (Quelle: Wikipedia)

Ohne die (örtliche) Betäubung würden wir auch niemals ruhig auf dem Stuhl sitzen können, während jemand am Gebiss herumhebelt. Ja, es ist ein wenig unangenehm. Aber es tut eben nicht weh. Man will es sich nicht vorstellen ohne.

Mit Lachgas, einem inhalierbaren, schmerzreduzierenden Gas, wurde ab etwa 1800 herumexperimentiert, aber es ist natürlich fraglich, ob die kleine Liese oder Bauer Eberhard auf dem Lande ebenfalls davon profitierten. Das wird sich auch so schnell nicht geändert haben. 1885 injizierte der Arzt William Steward Halsted erstmals eine Kokainlösung in die Mundschleimhaut, um die Schmerzen bei Zahneingriffen zu lindern.

Umso unglaublicher, dass es anfangs Widerstand gegen den Einsatz von Schmerzmitteln gab, denn Schmerz sei ein göttliches Mittel zur Erziehung – das habe Gott schließlich so gewollt. Glücklicherweise gab es Widerstand gegen den Widerstand, so dass sich die Narkose bzw. Lokalanästhesie durchsetzen konnte.

Ernest Board, ca. 1920
Zahnarzt Morton 1846 bei der ersten Anwendung von Äther zur Betäubung bei einer Zahnextraktion (Gemälde von Ernest Board, ca. 1920. Quelle: Wikipedia)

So weit, so gut, aber ich würde mich nach Abklingen der örtlichen Betäubung ziemlich elendig fühlen, auch wenn glücklicherweise bei mir nicht genäht werden musste. Dank Ibuprofen geht es mir aber bestens. Schmerzmittel wirken nicht nur entzündungshemmend, sondern sie sorgen auch dafür, dass wir bei den vielfältigen Schmerzen, die es geben kann, nicht kläglich im Bett liegen müssen.

Auch, wenn schon immer schmerzstillende Kräuter und Pasten bekannt waren und Anwendung fanden, ist es seit der Synthese und der industriellen Produktion von Acetylsalicylsäure (kurz: ASS, auch als Aspirin bekannt) ab dem 19. und besonders ab dem 20. Jahrhundert deutlich einfacher, an diese Mittel zu kommen und sie vorrätig zu halten. Ibuprofen ist eine Weiterentwicklung aus der Mitte des 20. Jahrhunderts und verdünnt nicht wie ASS das Blut – was nach einer Operation wegen der Gefahr von Nachblutungen von Vorteil ist.

Behandlungszimmer im 19. Jahrhundert (Vendsyssel Historiske Museum, Dänemark)
Ein Zahnarztstuhl aus dem 19. Jahrhundert im Vendsyssel Historiske Museum (Dänemark), der sich mit den Instrumenten und dem … Flaschenzug? … nicht klar von einem Foltersessel unterscheidet :D (Quelle: Wikipedia)

Und wenn sich nach dem Ziehen der Weisheitszähne doch etwas entzündet, dann dämmen Antibiotika die Infektion schnell und sicher ein. Die Geschichte der Entdeckung von Antibiotika ist wechselhaft und erstreckt sich über verschiedene Forscher über die 1890er Jahre bis zur „offiziellen“ Entdeckung durch Alexander Fleming 1928. Dann dauerte es nochmal bis zum Anfang der 1940er Jahre, als Antibiotika massenhaft hergestellt wurde, um im Krieg verwundete Soldaten zu retten.

Also .. wenn ich mich ein wenig unwohl fühle, dann freue ich mich darüber. Ich bin verdammt froh, dass uns nicht nur die technischen Errungenschaften der letzten 150-200 Jahre zur Verfügung stehen, sondern auch, dass wir sie kostenlos und quasi jederzeit nutzen können. In anderen Ländern sieht das anders aus. Wir haben es mit unserem Gesundheitssystem wirklich sehr gut!

Und gleichzeitig frage ich mich, welche Errungenschaften noch kommen werden und mit wie viel Entsetzen die Debbie-in-300-Jahren auf uns zurück blickt, so wie ich jetzt mit Grauen auf die armen Leute vor 200 Jahren schaue…!

„Wir dürfen ihn nicht der Medizin des 20. Jahrhunderts überlassen! Im 20. Jahrhundert wurden Wunden noch mit Nadel und Faden genäht. Es gab Dialyse. Und Chemotherapie.“

Admiral McCoy a.k.a. „Pille“ aus Star Trek IV: Zurück in die Gegenwart
Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich stimme zu.