Geschätzte Lesedauer: 6 Minuten

In “Sie. Misery” geht es um die Rettung des verunglückten Schriftstellers Paul Sheldon nach einem schweren Autounfall. Doch bald darauf stellt sich heraus, dass die vermeintliche Rettung sich als Alptraum übelster Sorte herausstellt, denn Pauls Retterin Annie Wilkes ist zugleich sein fanatischer “Fan Nr. 1”. Wer erwartet, dass sich hier eine romantische Beziehung anbahnen könnte, der irrt sich gewaltig.

Ich habe heute die Ehre, mit großer Freude den ersten Gastbeitrag von Pierre (Tibor von Riva) auf meiner Seite präsentieren zu dürfen 😀 Zur Zeit liest er viele Stephen King-Bücher, und “Sie. Misery” hat ihn (vor allem nachts -.-) besonders gefesselt. Warum ich selbst noch keine Rezension zu diesem Buch geschrieben hatte, weiß ich nicht mehr, es gehörte ebenfalls zu den ersten, die ich von King gelesen habe und es hat mir auch sehr gut gefallen. Nun hat also Pierre das Vergnügen, mit dem folgenden Text dieses spannende Buch nachfolgend vorzustellen! 

Stephen King - Sie. MiseryUntertitel: Misery
Seitenzahl: 413
Erstausgabe: 1987
Info: 1990 verfilmt

Sie. Misery: Handlung

Paul Sheldon ist gefeierter Schriftsteller. Besonders seine Romanserie “Misery” hat viele Anhänger. Direkt, nachdem er das Manuskript seines neuesten und letzten Bandes dieser Serie fertiggestellt hat, erleidet er tief in den abgeschiedenen Wäldern Colorados einen schweren Autounfall. Er hat Glück im Unglück und wird trotz der menschenleeren Landschaft gefunden: Annie Wilkes zieht den bewusstlosen Verunglückten aus dem Auto und schafft ihn in ihre einsam gelegene Waldhütte irgendwo in den Bergen.

Als Paul endlich aus der Ohnmacht erwacht, stellt er fest, dass seine Beine gebrochen sind, und auch seine Schmerzen sind fast unerträglich. Seine Retterin Annie Wilkes ist ehemalige Krankenschwester, die sich von der Zivilisation zurückgezogen hat und sich als Pauls größter Fan bezeichnet.

Ihr gefällt allerdings weniger, was sie in Pauls Manuskript gelesen hat und feststellt, dass Paul die Hauptperson sterben lässt. Ihr darauf folgender Tobsuchtsanfall macht klar, dass sie Paul nicht aus reiner Herzensgüte pflegt – sie verlangt von ihm, das Buch  neu zu schreiben, und zwar so, dass es ihr besser gefällt. Es wird mehr als nur ein Buch, es wird ein Kampf ums Überleben.

Sie. Misery: Rezension

King schreibt die Geschichte aus Sicht von Paul. Sie setzt während seines komaartigen Schlafes ein, als Paul in einem Zyklus von Schmerz und Nicht-Schmerz dem ersten Aufwachen entgegen dämmert. Erst als er aufwacht, sein Zimmer sieht und Annie erstmals auftritt, wird der Leser kurz in die Vorgeschichte des Romans eingeführt.

Atmosphäre und Schreibstil

Im Laufe des Buches erhält der Leser ein immer besseres Bild von Annie, die man anfangs etwas sonderbar, gegen Ende jedoch regelrecht abstoßend und furchteinflößend wahrnimmt. Wie Paul ist auch der Leser die meiste Zeit im Krankenzimmer gefangen, die gelegentlichen Gespräche und Reaktionen von Annie durchbrechen dabei die Enge des Raumes. Während dieser Isolation bekommt man mehr von Paul mit: wie er denkt, was er denkt und wie er versucht, seinen Schreibauftrag auszuführen und zugleich nach Möglichkeiten sucht, seine Gefangenschaft zu überleben.

Der Schreibstil ist kingtypisch, aber er dehnt hier Beschreibungen nicht über zahlreiche Seiten aus. Glücklicherweise kommt er auch ohne die Nachahmung von (mechanischen) Lauten aus, wie er sie in den letzten Teilen der Dunkler Turm-Reihe immer wieder verwendet. Das Interessante an dem Buch ist, dass es verglichen mit Horror-Splatter-Büchern nicht übertrieben gewalttätig oder blutig ist, aber mich dennoch an einigen bestimmten Stellen mehr beschäftigte, als es andere Romane taten.

Annie: “Ich würde töten, um zu erfahren, wie es ausgeht”

Das Buch, auch wenn es „nur“ 400 Seiten dünn ist, fesselte mich sehr und ich konnte nachts meist (zum Leidwesen Debbies) nicht aufhören zu lesen. Dabei ist “Sie. Misery” natürlich in keiner Weise ein actiongeladenes Epos, sondern King setzt punktuell Spannung bzw. Drama ein, um den Leser zu binden.

Besonders Annie ist gut herausgearbeitet und King versteht es, ihre verschiedenen, meist widersprüchlichen Gemüter einzufangen und realistisch wiederzugeben. Jeder, der nur ansatzweise mit ähnlich gestrickten Menschen Umgang hatte, findet in Ms. Wilkes diese Leute wieder, was ihr damit einen realen Bezugspunkt zum Leser ermöglichen kann.

Es ist dieser krass wechselnde Gemütszustand, den King gut darstellt  und der dem Leser immer wieder Unbehagen bereitet. Paul muss jedes Wort und jede Bewegung durchdacht wählen, da Menschen wie Annie alles persönlich nehmen und einen dafür bezahlen lassen. Was schließlich auch Paul mehrmals am eigenen Leib spüren muss.

Ich finde das Buch sehr gut gelungen. Ich MUSSTE wissen wie es gerade weitergeht, MUSSTE wissen was als nächstes geschieht und MUSSTE einen Punkt finden, an dem ich auch getrost aufhören konnte. Das letzte ist mir meist nicht gelungen und nur wegen der Müdigkeit habe ich dann doch irgendwo (bei einem weniger spannenden Teil) aufgehört.

1,5 Bücher zum Preis von 1

Interessant ist, dass man bei „Sie. Misery“ eigentlich auch nicht nur ein Buch, sondern 1,5 Bücher liest. Denn Paul ist Schriftsteller und muss das tun, was Schriftsteller nun mal tun: ein Buch schreiben. Hier lässt uns King eine Metaebene tiefer in die Geschichte eintauchen und zeigt uns über mehrere Seiten Auszüge aus „Misery“, was das alles noch tiefgreifender, noch näher erscheinen lässt.

Deutsch Annie – Annie Deutsch

Aber meiner Meinung nach liegt die wahre Wucht des Buches in der Person Annie. Sie ist, anders als in anderen Büchern von King, kein mysteriöses Wesen, kein von Geistern bewohntes Haus und kein Vampir, sondern ein „normaler“ Mensch. Gerade dieser Bezug, dass so ein Grauen und Wahnsinn von einer Person ausgeht, der man auf der Straße begegnen- oder als Nachbar haben könnte, lässt einen wirklich erschauern.

King beschreibt Annie nicht nur gut in ihren emotionalen Verwandlungen, sondern haucht der Figur gleichzeitig durch ihren eigenen Sprachstil Leben ein. Bestimmte Wörter oder Bezeichnungen, die teils altertümlich, teils kindisch wirken, sind so einzigartig, dass man sie ihr trotzdem abkauft. So widersprüchlich baut King auch ihr ganzes Auftreten auf.

Sie gibt sich mütterlich-fürsorglich, aber gleichzeitig streng und autoritär. So verwendet sie nie umgangssprachliche Fäkalwörter wie z.B. “Scheiße” oder “Arschloch”, drückt ihren gefährlichen Unmut in verharmlosender Sprache aus:

  • ein unangenehmer oder schlechter Mensch ist ein “Schmutzfink”
  • ein Klugscheißer oder Besserwisser ist ein “Mr. Neunmalklug”
  • wenn ihr etwas missfällt, ist es nicht scheiße, sondern “utschi-butschi”, “pupsig/ Kaka-pupsi-duupsi” oder “Tipptipp machen”.

Doch auch wenn die Wörter dem Leser ein Schmunzeln entlocken oder die wtf-Augenbraue heben lassen, wäre dies in Pauls Situation wohl kaum gesundheitsfördernd.

Sie. Misery: Wertung

Bewertung: 5 von 5 Sternen
Mit der Wertung habe ich mich schwer getan. “Sie. Misery” ist zwar kurz, aber meiner Meinung nach reichen die Seiten aus, damit die Handlung abgetan wird. Sie wirkt an keinen Stellen beschleunigt oder lässt Fragen offen. Die Charaktere sind, soweit sie es müssen, gut herausgearbeitet und Dramatik findet man ebenfalls an mehreren Stellen, ohne es übersteuert zu finden.

Annies verquere Sicht von Gerechtigkeit, ihre Ansicht von Moral und Egozentrik gepaart mit der teils eiskalten Skrupellosigkeit machen das Buch erst lesenswert. Vor allem gibt es genügend Beispiele aus dem realen Leben, die dieser Person gefährlich nahe kommen. So kann man sich deshalb gut genug vorstellen, dass womöglich irgendwo in einem Haus oder Keller eine gequälte Seele nach Rettung schreit.

Unter Kings Büchern ist “Sie. Misery” wohl mit “The Stand” zusammen auf Platz 1 auf der Liste meiner Lieblingsbücher gerutscht. Daher, und vor allem, weil dieser Horror wirklich real sein könnte, vergebe ich doch die Bestwertung.

Zusammenfassung
Review-Datum
Beschriebenes Produkt
[Psycho-Horror] Sie. Misery von Stephen King
Bewertung
51star1star1star1star1star

Tibor von Riva

Tibor von Riva ist Gastautor im Plejadium. Er schreibt gern Rezensionen und verewigt seine Kreationen in der Küche und am Grill als Spezialrezepte. Wenn er nicht gerade kocht, grillt, schreibt oder zockt, studiert er Archäologie an der Uni Heidelberg und arbeitet dort außerdem als IT-Supporter.

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