Elon Musk und Tham-Luang-Höhle – Spott für Hilfsangebot?!

Was ist denn zur Zeit los mit der Menschheit? Normalerweise halte ich mich mit kritischen Meinungen zum aktuellen Geschehen auf der Welt eher zurück – das ist schließlich nicht Thema meines kleinen Nerdblogs. Dieser Beitrag hier kommt nun spontan und aus einer Wut heraus über das ewige Geätze in den („sozialen“) Medien. Das Fass zum Überlaufen gebracht hat ein Beitrag am Rande der Berichterstattung zur aktuellen Rettungsaktion von 13 in der Tham Luang-Höhle in Thailand eingeschlossenen Menschen.

Ich habe gerade einen Artikel beim Handelsblatt gelesen, der herablassend das Hilfsangebot von Elon Musk zur Rettung der thailändischen Jugendlichen in einer Höhle kommentiert. Erst wusste ich nicht, was mich daran so ärgert, aber mittlerweile bin ich darüber echt wütend. Der Schreibstil des Autors legt nahe, dass der sich ebenfalls den Musk-Kritikern anschließt. Dass er sich tatsächlich mit den Vorgängen beschäftigt hat, wage ich zu bezweifeln.

Aber ich hol‘ dich erstmal schnell ab.

12 Jungs und ein Trainer in einer Höhle

Am 23. Juni wurde eine Gruppe von 12 Jungen und ihrem Trainer während eines Ausflugs zu einer Höhle von Regenfällen überrascht und durch steigendes Wasser eingeschlossen. Weil sie nicht mehr aus der Höhle heraus konnten und das Wasser weiter stieg, zogen sie sich immer tiefer zurück in das verzweigte Höhlensystem.

Tagelang suchten dann Taucherteams nach den verschollenen Jugendfußballern, bis britische Taucher die Gruppe am 2. Juli, heute vor einer Woche, tief in der Höhle auf einem Felsvorsprung entdeckte. Schnell stellte sich heraus, dass die Rettung äußerst schwierig werden würde. Man begann, Dämme zu bauen und Wasser aus der Höhle abzupumpen, um eine Rettungsaktion irgendeiner Art vorzubereiten und zu verhindern, dass mehr Wasser eindringt.

Um nach draußen zu kommen, sind mehrere Tauchgänge nötig, die auch für geübte Taucher aufgrund der schlechten Sicht unter Wasser und sehr enger Abschnitte nicht einfach zu absolvieren sind, zumal die Strecke sehr weit ist und mehrere Stunden beansprucht. Dass der Weg hinaus wirklich sehr gefährlich ist, untermauert der tragischen Todesfall am 6. Juli, als bei einem der Versorgungstauchgänge ein ehemaliger Marine-Elitetaucher ums Leben kam. Da die Jungs in der Höhle selbst nicht tauchen können – und teils nicht mal schwimmen, wurde es als zu gefährlich erachtet, sie tauchend aus der Höhle zu retten.

Die Zeit drängte aber, weil der Sauerstoffgehalt in der Höhle immer weiter sank und zudem Seuchengefahr bestand. Es wurden viele Rettungsszenarien überlegt, unter anderem auch, Tunnel zu bohren oder Rettungsschächte zu bauen.

Und wie kommt nun Elon Musk dazu?

Das ist das, was der Autor des Handelsblatt-Artikels und die dort zitierten Musk-Kritiker wohl nicht nötig hatten, in Erfahrung zu bringen. Das ganze bahnte sich über Twitter an und ist hier nachzulesen. Nachfolgend die Kurzfassung.

Elon Musk wurde am 3. Juli per Twitter um Hilfe gefragt. Er antwortete darauf, dass er davon ausgehe, dass die thailändische Regierung das Problem unter Kontrolle hätte, aber wenn er könne, würde er helfen. Am 5. Juli kam Musk nochmal darauf zurück und holte weitere Infos ein, dabei gab er an, dass seine Ingenieure gut im Tunnelbau seien – immerhin betreibt er neben Tesla und SpaceX auch eine Tunnelbaufirma. Es folge dann ein längerer Austausch von Ideen, technischen Details und Skizzen (alles per Twitter), bei dem Musk bewies, dass er sich durchaus Gedanken um die Situation gemacht hat und etwas von der Technik versteht.

Auszug aus dem Twitterverlauf zu Rettungsmöglichkeiten
Auszug aus dem Twitterverlauf zu Rettungsmöglichkeiten

Am 6. Juli, ergo vor drei Tagen, kündigte Musk schließlich an, dass seine Leute von SpaceX und Boring Company nach Thailand kommen würden. Der Tunnelbau war mittlerweile vom Tisch, im Gespräch war ein Mini-U-Boot, in dem sich die Eingeschlossenen heraustransportieren lassen könnten.

Vor knapp 24 Stunden postete Elon Musk dann auf seinem Twitterkanal (ja, ich folge ihm selbst) Videos, die sein Mini-U-Boot in einem Swimming Pool zeigen. Taucher ziehen die Kapsel durchs Wasser und manövrieren unter einem Hindernis hindurch, um die Engstellen in der Höhle zu simulieren. Das Ganze haben die Ingenieure in nur wenigen Tagen schnell auf die Beine gestellt, gebaut und auch getestet.

Warum nicht ein Hilfsangebot verhöhnen?

Mittlerweile ist die Rettungsaktion aber schon gestartet. Weiteres Abwarten war den Rettern wegen der oben beschriebenen Probleme (Sauerstoff, Krankheiten) wohl zu riskant, und bis zum jetzigen Moment (9.07. Abend) ist es gelungen, acht Jungs in luftgefüllten Plastiksäcken aus der Höhle nach draußen zu bringen.

Na – das ist doch genau die richtige Zeit, einen Artikel mit der folgenden Headline rauszubringen:

Wieder ein Plan, der nicht aufgeht – Elon Musk erntet Spott für angekündigte Höhlenrettung.

Es folgt eine kurze Beschreibung des Rettungsplans und auch Musks Tweets mit den Testvideos im Pool werden gezeigt. Dann dieser Satz:

Als Musk am frühen Montagmorgen thailändischer Zeit seine ersten Testvideos der Erfindung im Internet postet, haben vier der jungen Fußballer die Höhle längst verlassen und liegen in einem Krankenhaus in der nordthailändischen Stadt Chiang Rai.

Sie wurden am Sonntag in einem mehrstündigen Rettungseinsatz von Tauchern mehrerer Marine-Spezialeinheiten befreit – und mussten dabei große Teile der Strecke mit Tauchausrüstung unter Wasser zurücklegen. Musk tauschte sich unterdessen mit Twitter-Nutzern darüber aus, dass es „cool“ wäre, auch einen iPod in die Rettungskapsel zu legen.

Hier schwingt eine unglaubliche Herablassung mit: „Haha, während dieser aufgeblasene Milliardär, der auch mit Tesla keine Deadlines einhalten kann, noch im Swimming Pool herumplanschen lässt und sich über iPads unterhält, haben ist schon längst echte Helden alles erledigt.“

Stundenlang in einer extrem engen Kapsel eingesperrt und herumgeschüttelt, ganz und gar dem Einsatz anderer Menschen ausgeliefert – erscheint ein iPod mit Musik wirklich so an den Haaren herbeigezogen, um den jungen Menschen zu beruhigen? Ich habe heute gelesen, dass die geretteten Jungen Beruhigungsmittel geschluckt haben. So geht es natürlich auch.

Ja, Elon Musk polarisiert – die einen sehen ihn als überbewerteten exzentrischen Kapitalisten, die anderen als erfindungsreichen Ingenieur, dessen Ideen (Sonnenstrom, Elektroautos, unterirdische Tunnels zur Lösung von Verkehrsproblemen und bevorzugt für Menschen, die sich kein Auto leisten können, Kolonisierung des Mars) die Menschheit voranbringen können. Ich glaube, es ist deutlich, dass ich mich zu letzterer Gruppe zähle. Dass Musk keine Makel hat, sage ich aber auch nicht – aber in diesem Fall sollte sich jeder seine Kritik einfach sparen.

Automobilexperten und Reporter mischen sich ein

Danach folgt im Artikel noch eine Zusammenfassung von spöttischen Reaktionen auf das nicht symbolische („Thoughts and Prayers„), sondern praktische (!) Hilfsangebot von Elon Musk:

In Musks Lieblingsmedium Twitter hagelte es Spott. „Viel beachtet, unerprobt und zu spät – die Geschichte des Elon Musk“, schrieb der Automobilexperte Bertel Schmitt in Anspielung auf Teslas chronische Lieferprobleme. „Jemand sollte Musk erklären, dass die Rettungsaktion schon längst begonnen hat“, kommentierte die Südostasien-Reporterin Kayleigh E. Long. Andere Nutzer warfen Musk, der für seinen Einsatz auch Zuspruch erhielt, zudem vor, die Rettungsmission angesichts des globalen Medieninteresses für Eigenwerbung zu benutzen.

Da kommt mir wirklich – sorry – das Kotzen! Elon Musk und seine Ingenieure haben in so kurzer Zeit (und Musk steht wegen seiner Produktionsprobleme bei Tesla noch immer unter enormen Druck) eine Lösung entworfen, gebaut und getestet, um auf der anderen Seite der Welt bei einem konkreten Problem konkrete Lösungen beizusteuern! Sollte nicht das hervorgehoben werden?

Was haben denn andere Unternehmer von Musks Kaliber geleistet? Haben wir von Mark Zuckerberg was gehört, oder von Jeff Bezos? Oder, wenn sich schon Automobilexperten zu Wort melden, was haben denn die Chefs von Daimler und Audi gemacht? Ach ja, die sind ja zu sehr damit beschäftigt, wegen ihrer Abgas-Bescheißereien nicht in den Knast zu wandern.

Man könnte nun allseits beruhigt und erfreut sein, dass die Rettungsaktion offenbar ein glückliches Ende nimmt. Man kann aber auch Gründe finden, über irgendwas zu meckern und über irgendjemanden herzuziehen. Nun erntet Musk Hohn und Spott dafür, dass seine Hilfe zu spät käme und noch dazu nur aus Marketinggründen geleistet worden wäre? Geht’s denn noch?

  1. Nicht Musk hat sich mit seiner Hilfe aufgedrängt, sondern er wurde gefragt
  2. Er hat Geld und Manpower in die Entwicklung einer praktischen Lösung gesteckt, die er binnen weniger Tage zur Verfügung gestellt hat
  3. Die Rettungsaktion wurde nun schon vorher gestartet, das war aber nicht absehbar. Hätte man sich entschieden, damit abzuwarten, dann wäre Musks Plan B sicher gern akzeptiert worden.
Tham-Luang-Höhle
Helfer in der Tham Luang-Höhle in Thailand (Royal Thai Navy, Associated Press)

Was ist nur los mit den Menschen?

Und dann noch der Vorwurf, die Aktion für Eigenwerbung zu nutzen?! Was ist denn los mit den Menschen? Erstens klingt der Twitterverlauf nicht danach. Und selbst wenn doch – wenn Musks U-Boot dabei hilft, Menschenleben zu retten, dann ist es doch völlig egal, ob er es selbstlos getan hat oder dafür Lob bekommt?! Wie kann man ihm überhaupt einen Vorwurf zu seiner Aktion machen? Diesen Spottern zufolge wäre es besser gewesen, den Vorfall in Thailand einfach zu ignorieren, oder? Und ausschließlich an den eigenen Problemen zu arbeiten.

Da bietet jemand mit Know-How und Geld an, Menschen in Not zu helfen, und er erntet dafür höhnische Kommentare. Offenbar klappt die Rettung auch anders – ok. Man sollte sich darüber freuen – aber alles, was irgendwelche Experten, Reporter und missgünstige Twitter-User hinbekommen, ist, herumzuätzen. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Wirklich nicht.

Nur eines noch: Es passt ins Bild. Weil ein Rettungsschiff (Lifeline) über 200 Flüchtlinge in Seenot auf dem Mittelmeer aufgegriffen hat, wird der Kapitän des Schiffs vor Gericht gestellt und für seine Hilfe verurteilt. Ich zitiere Kapitän Reisch (nachzulesen im Lifeline-Link): „Was ist das für eine Welt, in der stärker gegen das Retten als gegen das Sterben vorgegangen wird?“.

Und irgendwelche CSU-Chefs (ich nenne keine Namen) wollen sich beim niederen Volk beliebt machen und haben die fixe Idee, Flüchtlinge an den Grenzen abzuweisen. Was für eine schöne, einfache Lösung für humanitäre Probleme – einfach die Augen zumachen und die unschönen Lösungen anderen überlassen.

Diese Welt macht mich manchmal verrückt.

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