YOU – Wenn Paranoia mal wirklich begründet ist

Ein alter Buchladen. Gebrauchte Bücher und Erstausgaben stehen in engen Regalreihen, in deren Gängen Staubteilchen in der Luft tanzen. Eine junge Frau schlendert durch die Bücherwelten, sie sucht ein bestimmtes Buch. Der Inhaber des Ladens beobachtet sie, aber nicht nur mit der Absicht, ein Buch zu verkaufen. Nein, er interessiert sich für das hübsche Mädchen selbst. In Gedanken kommentiert er, was er sieht: „Wow, hallo, wer bist du denn? Du kleidest dich dezent, aber deine Armreife, die klimpern – Du stehst auf ein bisschen Aufmerksamkeit. Okay, ich hab angebissen.“

So beginnt YOU – Du wirst mich lieben. Er, sein Name ist Joe Goldberg, hat gerade eine Beziehung hinter sich, die nicht gut ausging und glaubt, dass das Schicksal nun die unbekannte Blonde zu ihm in den Laden geführt hat. Sofort verliebt er sich in sie. Nach einem kurzen Gespräch bezahlt sie ihr Buch mit ihrer Kreditkarte und Joe hat nun ihren Namen: Guinevere Beck, kurz: Beck.

Die Serie YOU, die im Dezember 2018 auf Netflix released wurde und davor schon auf einem kleineren Sender erschien, hat mich von der ersten Episode an in ihren Bann gerissen. Innerhalb weniger Tage schaute ich die 10 knapp einstündigen Folgen der ersten Staffel an. Und durchlebte dabei einige Gefühlswelten: Neugierde, Ekel, Unglauben, Paranoia, Stress, Angst, vorsichtigen Optimismus, Entsetzen, Hoffnung, Panik, Erleichterung und am Ende … OMG.

YOU - Du wirst mich lieben

Stalken oder beschützen?

Also, um was geht es in YOU? Wie der deutsche Untertitel „Du wirst mich lieben“ schon andeutet, sehen wir die Geschichte (meistens) aus Sicht von Joe, der seinem Liebesglück ein wenig auf die Sprünge helfen will. Es soll nicht bei einer flüchtigen Begegnung im Buchladen bleiben. Er googelt Beck und wird dank Social Media mehr als fündig. Becks gesamtes Leben breitet sich vor ihm aus: Was sie macht, mit wem sie befreundet ist, was sie beschäftigt, wo genau sie studiert – und auch, wo sie wohnt.

Es ist kein weiter Gedankensprung, Beck von nun an auf Schritt und Tritt zu folgen. Joe möchte nichts dem Zufall überlassen. Er beobachtet sie in ihrer Wohnung, verschafft sich sogar Zutritt dazu und beschattet sie auch unterwegs. In Gedanken kommentiert er ihre Bewegungen, ihre Treffen mit Freunden und alles, was sie tut – so dass der Zuschauer erfährt, wie Joe denkt und warum er das alles tut.

Die Serie behandelt einen Stalker und Soziopathen aus dessen eigener Sicht. Denn Joe stalkt nicht, nein, er beobachtet Beck – erst, um sie kennenzulernen, und dann, um sie vor schädlichen Einflüssen ihrer Freunde zu beschützen. Und er würde alles für sie tun, ALLES. Das schließt auch ein, sämtliche Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die sie von ihm trennen.

Und wir nehmen Joe ab, dass er es nur für sie (und damit für sich) tut. Schließlich ist er kein Verrückter, der einen Mord begehen würde, richtig? Im Grunde handelt es sich ja um Notwehr zu einem guten Zweck. Und Beck gegenüber würde er niemals die Hand erheben. Joe ist nichts anderes als ein fürsorglicher Freund, der sich eben ein wenig Sorgen macht und nur das Beste für seine Liebe will.

Handlung aus Sicht eines Besessenen

Joes innere Gedankenwelt ist von großer Bedeutung für die Serie. Durch sie erfahren wir, warum Joe tut, was er tut. Und Joe kommentiert in Echtzeit – als Zuschauer sehen wir so nicht nur die äußere Welt, also die Geschehnisse und Gespräche, sondern auch genau das, was Joe davon hält. Wir schauen hinter sein verschlossenes Gesicht, wir erfahren, was er wirklich denkt, während er freundlich lächelt.

Joe selbst sieht bei Beck mehr, als sie zulassen würde, aber er selbst kann sich auch nicht vor uns, dem Zuschauer, verstecken. Sein Innerstes liegt uns offen. Und somit erleben wir Joe auch nicht immer als denjenigen, der alles kontrolliert, sondern wir bekommen auch mit, wie seine Gedanken rasen, wenn etwas Unerwartetes passiert. Das ergibt ein ziemlich authentisches Erlebnis.

Durch Joes Gedanken sind seine Handlungen sogar irgendwie verständlich – schließlich kann das Interesse an einer Person weit reichen. Da möchte man einfach viel erfahren, Google haben sicher die meisten Menschen schon mal dazu bemüht. Joe geht aber noch viel weiter, und seine Gedanken dabei sind oftmals himmelschreiend krank.

Man stelle sich etwa folgende surreale Situation vor: Stalker Joe entdeckt, dass das Objekt seiner Obsession, Beck, einen weiteren Stalker hat. Zwei Stalker stalken die selbe Person. Aber nur einer der beiden Stalker – Joe – sieht dieses ganze Bild. Während der nichtsahnende erste Stalker nun die nichtsahnende Beck in der Badewanne beobachtet, beobachtet Joe, also Stalker Nr. 2, Beck UND den anderen Stalker und entrüstet sich in Gedanken über die Verletzung von Becks Privatsphäre durch den ersten Stalker: „Er dringt in deine Privatsphäre ein, Beck! Niemand darf das, so etwas geht zu weit!“.

Interessant ist, dass Joe einfach nicht merkt, was er selbst tut. Für ihn hat die massive Überwachung, mit der er in Becks Leben eingreift, eine logische Berechtigung. Alles, was er tut, lastet er Beck an. Er tut es nicht aus eigener Entscheidung, sondern, weil er es tun muss – um Beck vor ihren falschen Freunden zu schützen und dem Schicksal auf die Sprünge zu helfen. Beck zwingt ihn quasi dazu, und somit trägt er selbst auch keine Schuld an seinem Handeln. Nein, stalken oder gar morden, nein, so ein Typ ist Joe einfach nicht!

Und so erinnerte mich Joe auch an Jean-Baptiste Grenouille, die Hauptperson aus Patrick Süskinds Klassiker „Das Parfum. Geschichte eines Mörders„. Beide Männer haben sich tief in ihre eigene Gedankenwelt zurückgezogen und machen einen etwas finsteren Eindruck. Wenn sie wollen, können sie aber durchaus charmant sein, und vor allem haben sie nicht das Gefühl, etwas Unrechtes zu tun. Was sie tun, tun sie für ein größeres Ziel, und diesem ordnen sie den Willen und auch das Leben anderer Menschen unter.

Social Media und der gläserne Mensch

Die sozialen Medien spielen in „YOU – Du wirst mich lieben“ eine wichtige Rolle. Sie ermöglichen Joe, Beck nach dem ersten unverbindlichen Treffen aufzuspüren und sich einen zweiten Eindruck von ihr zu verschaffen.

Aber sie ermöglichen auch, das Verschwinden von Menschen plausibel zu machen: Niemand kann wissen, wer nun wirklich die „Hallo Welt, habt alle einen schönen Tag, hab euch alle lieb! <3“-Nachricht über Instagram versendet. Ist es die Person, der der Kanal gehört, oder doch jemand ganz anderes? Wenn ein Mensch auf einmal verschwindet und auf seinem Social Media-Kanal dann Fotos vom anderen Ende der Welt auftauchen, dann ist ja alles gut, nicht wahr?

Es ist eine deutliche Botschaft, die diese Serie sendet: Wer viel auf den sozialen Medien kommuniziert, der wird zu einem öffentlichen Menschen. Aber anders als herkömmliche Prominente verfügen Social Media-Stars nicht über Personenschutz und Überwachungskameras. Man kann sehr leicht zur Zielscheibe werden, wenn irgendjemand eine gewisse Besessenheit entwickelt, aber es ist schwierig, sich dann davor zu schützen.

Das soziale Umfeld der Serie

Neben Joe und Beck sind es vor allem Becks Bekannte und Freunde, die immer wieder eine Rolle spielen – sehr zu Joes Missfallen, denn schließlich möchte er Becks ungeteilte Aufmerksamkeit. Nein, falsch, er möchte sie beschützen vor falschen Freunden, die sie ausnutzen oder ihr Erfolge missgönnen. Beck selbst schlägt sich nur gerade so mit ihren Jobs in Manhattan durch, ihre Freunde aber scheinen hauptberuflich eher Töchter und Söhne reicher Eltern zu sein. Schon allein deswegen grenzt sich Joe mit seinem handfesten Verkäufer-Job von Becks Umfeld ab.

Zu Becks Freunden zählen vor allem Becks On-Off-Freund Benji, der sie scheinbar nur ausnutzt, den sie aber trotzdem anhimmelt (eindeutig kein guter Umgang, denkt sich Joe), und Becks beste Freundin Peach. Peach hat von Anfang an Einwände gegen den „einfachen Verkäufer“ Joe, denn Beck hätte etwas Besseres verdient.

Harte Worte von einer jungen, privilegierten Frau: Hier wird deutlich, wie sehr sie auf Menschen herabschaut, die tatsächlich für ihr Geld arbeiten müssen. Und die genau deswegen von ihr verachtet werden, denn viel arbeiten für wenig Geld: Wo bleiben denn da die Vergnügungen des Lebens? Dass Joe mit Peach nicht besonders glücklich ist, lässt sich da an einem halben Finger abzählen.

Daneben sind aber auch Joes Nachbarn von Bedeutung. Im Hausflur wohnt eine Tür weiter eine alleinerziehende Frau, Claudia. Sie führt eine turbulente Beziehung mit einem schlagkräftigen Alkoholiker, der sich einfach nicht rauswerfen lässt.

Ja, die Serie spielt mit vielschichtigen und unterschiedlichen Besessenheiten! Claudia hat einen kleinen Sohn, Paco, etwa zehn Jahre alt, für den Joe so etwas wie der beste Freund ist. Von außen wirkt Joe ganz allgemein wie ein Engel – immer freundlich und zuvorkommend. Paco bekommt von Joe nicht nur interessante Buchklassiker zum Lesen, sondern auch immer wieder gute Ratschläge. Denn Paco muss schließlich mit seinen ganz eigenen Dämonen klarkommen – der Freund seiner Mutter ist nicht gerade glücklich über den kleinen Scheißer.

Fazit zu YOU

Die Serie ließ mich ein wenig sprachlos zurück und ich möchte natürlich nicht zuviel verraten. Die verschiedenen Ansichten, die hier zusammenspielen, finde ich ziemlich passend und intelligent: Die Gespräche, die Joe gedanklich immer mit Beck führt und die häufig das Gegenteil von dem ausdrücken, was sein Gesicht gerade zeigt und sein Mund ausspricht.

Und dafür ist der Penn Badgley, der Joe Goldberg spielt, auch perfekt geeignet. Sein Gesicht und seine Miene spiegeln beide Aspekte perfekt wieder. Ein dunkelhaariger, attraktiver Mann, der gerne anderen zuhört auf der einen Seite, aber mit unserem Wissen sehen wir einen finsteren Typen, der zwar lächelt, aber innerlich bereits seine nächsten Schritte vorbereitet.

Nicht zu Unrecht erwähnt Joe selbst mindestens zweimal den Horror-Autor Stephen King. Manche von seinen Büchern kann ich ihn der Serie auch wiedererkennen, insbesondere, wenn Joe davon spricht, was für große Sorgen er sich um Beck macht und wie sehr er sich um sie kümmert. Beides sind Motive, die so direkt auch beispielsweise in Stephen Kings „Es“ und auch in „Das Bild – Rose Madder“ vorkommen. Und auch Sie – Misery finden wir in YOU wieder, wenn Joe einer – sagen wir – „temporär der Bewegungsfreiheit beraubten Person“ eine Schreibmaschine reicht und sie zum Schreiben anhält.

Also – um beim Titel der Show zu bleiben: Du wirst YOU lieben, wenn du etwas mit einer Geschichte mit zwei Aspekten anfangen kannst. Auf der einen Seite haben wir das quirlige Leben junger, hippen, reichen und oberflächlichen New Yorkerinnen, das sie zu gern vor ihren Followern auf Instagram ausbreiten. Auf der anderen Seite zieht im Hintergrund ein Mensch die Strippen, der sich zwar in dieser Welt zurecht findet und sie nachvollziehen kann, der sie aber nicht unbedingt versteht. Er möchte sie nach seinen eigenen Vorstellungen formen und nutzt dazu genau die Instrumente, die auch Beck und ihre Freundinnen einsetzen: Handys und diverse Accounts bei den sozialen Netzwerken. Naja, und richtige Waffen.

Über ein paar Logikfehler schauen wir dann auch hinweg, z.B. Becks fehlende Gardinen in ihrer Erdgeschosswohnung an einer belebten Straße und dass Joe scheinbar mehrfach perfekte Verbrechen begehen kann, ohne, dass ihm jemand auf die Schliche kommt.

Eine zweite Staffel wurde übrigens bereits angekündigt.

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