Der Hauptmann – Die tödliche Macht einer Uniform

Kurz vor Ende des Krieges findet ein junger Gefreiter auf der Flucht in einem verlassenen Auto die komplette Uniform eines Hauptmanns. Was für ein Glücksfall für Willi Herold – den es tatsächlich gab und dessen Geschichte der Film hier ganz in schwarz-weiß erzählt wird. Endlich warme Klamotten und Ersatz für seine löchrigen Stiefel, freut sich Herold. Spaßeshalber setzt er auch die Mütze auf und stolziert ein wenig herum. Aus dem völlig verdreckten und abgerissenen Frontsoldaten, der Bauern schon die Hühnereier aus dem Stall gestohlen hat, wird ein Respekt einflößender Hauptmann, der aussieht, als sei er geradewegs von der Offiziersschule gekommen.

Bevor Herold sich entschließt, was er mit seinem neuen Look anstellen wird, kommt ein anderer Gefreiter heran und bittet, sich dem Kommando des vermeintlichen Hauptmanns unterstellen zu dürfen. Und so wird der 19jährige Gefreite Herold, mutmaßlicher Deserteur und Plünderer, zum zackigen Hauptmann hinter den Frontlinien mit Sonderauftrag „von ganz oben“.

Der Hauptmann

Zwei Wochen Urlaub, das ist doch mal ein Wort! Normalerweise schauen wir abends eher nur Serien. Da muss man keinen Gedanken darauf verschwenden, auf welchen Film man denn nun Lust hat. Anstrengend, sowas! Aber jetzt im Urlaub holen wir viele Filme nach, die schon länger auf der to watch-Liste stehen. Gestern Abend war nun „Der Hauptmann“ an der Reihe, ein Film über einen Hochstapler, der sich als ranghoher Offizier am Ende des 2. Weltkriegs ausgibt.

Ganz und gar keine heitere Hochstaplergeschichte

Was ist bei so einer Geschichte zu erwarten, wenn man die wahre Begebenheit, auf der sie beruht, nicht kennt? Tatsächlich dachte ich an andere Hochstaplergeschichten. Zum Beispiel an Catch me if you can, einen Steven-Spielberg-Film, der ebenfalls auf Tatsachen beruht. Und an Piratensender Powerplay, einen uralten deutschen Klassiker mit Thomas Gottschalk und Mike Krüger aus 1982, einer meiner Lieblingsfilme aus der Kindheit :D Die Gemeinsamkeit beider Storys ist ihre Heiterkeit. Es geht darum, wie die Hochstapler durch gute Lügen und viel Glück immer wieder ihre Zweifler überzeugen und sich mit Witz aus skurrilen Situationen befreien.

Das erwartete ich auch von „Der Hauptmann“: Eine irgendwie herzerwärmende Geschichte von einem jungen Mann, der durch Zufall in einer chaotischen und gewalttätigen Zeit an Macht gelangt und sie dazu nutzt, Recht und Ordnung zu schaffen und Gutes zu tun, weil er selbst schon viel Schlimmes gesehen und durchgemacht hat. Das wäre doch ein schönes, irgendwie versöhnliches Wissen über diese Zeit voller Schrecken.

Es dauerte mehr als den halben Film, bis mir klar wurde, dass dieser Film keine heitere Geschichte ist. Dabei hat es sich von Anfang an angedeutet, dass Herold keinen edlen Hauptmann abgeben wird. Schon in den ersten Minuten des Films zeigt er sich willig, einen Bauern zu erschlagen, der seinen Hof verteidigt, und bald darauf erschießt er kaltblütig einen Deserteur, weil das von ihm als hochrangigem Offizier erwartet wird. Trotzdem dachte ich auch weiterhin, dass es noch eine Wende geben wird. Dass der Hochstapler-Hauptmann eine Entwicklung durchmacht und er sich zum Guten wandeln wird. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall.

An dieser Geschichte gibt es nichts Versöhnendes – bis auf den Abspann, in dem wir erfahren, dass Willi Herold 1946 von den Briten als Kriegsverbrecher angeklagt und zum Tode verurteilt wurde. Die Hintergründe des wahren Willi Herold, der als „Henker vom Emsland“ in die Geschichte einging, kannst du hier nachlesen.

„Das ist Hauptmann Herold mit Sondervollmacht“

Herold profitiert in „Der Hauptmann“ von dem psychologischen Effekt, der bei einer persönlichen Empfehlung auftritt. Wenn du Person A eine andere Person B empfiehlst, dann stehst du dafür ein, dass Person B tatsächlich geeignet ist und keinen Mist baut. Denn falls Person B sich daneben benimmt, dann geht das auf deine Kappe, schließlich hast du Person B empfohlen. Genau das passiert hier in „Der Hauptmann“. Als Herold durch sein autoritäres Auftreten erst einmal den ersten gleichrangigen Offizier von seinem „Sonderauftrag hinter der Front“ überzeugt hat, wird er anderen Offizieren ganz zweifelsfrei genau so vorgestellt: „Hier, das ist der Hauptmann Herold mit Sondervollmacht vom Führer. Der übernimmt die volle Verantwortung.“

Da fragt niemand mehr nach, denn Herold hat in diesem Moment schon glaubhafte Bürgen. Und die sind auch bereit zu lügen, um Herolds Kompetenzüberschreitung zu decken – denn sie haben Herold schließlich als bevollmächtigt vorgestellt. Das zu kritisieren würde ihre eigene Kompetenz infrage stellen. Damit wird die Hochstapelei zum Selbstläufer.

Dazu kommt auch die Zeit, in der sich das ganze ereignete: Im April 1945 hat das Deutsche Reich den Krieg im Grunde verloren. Kommandostrukturen brechen auseinander, ganze Landstriche wurden schon vom Feind erobert, es herrscht Chaos und zahlreiche Deserteure ziehen durch die Landschaft. Wenn dann jemand harsch auftritt und sich als Vertreter von Recht und Ordnung darstellt …. dann sind viele Menschen vermutlich geneigt, dem Glauben zu schenken.

Wer übernimmt die Verantwortung?

Wir sehen Herold, wie er seine Rolle spielt und den Menschen einen Spiegel vorhält. Ohne zunächst klare Befehle zu geben oder auch nur seine angebliche Vollmacht überhaupt irgendjemandem zeigen zu müssen, gaukelt er den Menschen vor, das zu sein, was sie sich wünschen. Zum Beispiel dem Kommandanten eines Gefangenenlagers mit desertierten Wehrmachtssoldaten. Der sucht dringend nach jemandem, der die Gefangenen standrechtlich erschießen lässt – denn Deserteure dürfen schließlich nicht sicher und gut versorgt im Lager sitzen, während Frontsoldaten für ihr Land sterben. Ihm fehlt dazu die Vollmacht, der vornehmliche Hauptmann Herold aber signalisiert Zustimmung, und so beginnt der Lagerkommandant, herumzutelefonieren. Herold mit seiner direkten Verbindung zum Führer sei schließlich bereit, die Verantwortung zu übernehmen.

Im Grunde fungiert Herold nur als Verantwortung übernehmender Ja-Sager. Er nimmt einfach das, was man ihm anbietet. Hey, wir brauchen jemanden, der sich der ungeliebten Deserteure annimmt, machst du das? – Ja, natürlich, ich verstehe euer Problem und ich kann es lösen! Alle freuen sich, Herold wird als Problemlöser gefeiert und die Gefangenen müssen ihr eigenes Massengrab ausheben. Es wird deutlich, dass bisher nur jemand fehlte, der dafür Verantwortung übernimmt. Und Herold macht das gerne – was soll ihm schon passieren? Er kann nicht degradiert werden, er existiert ja eigentlich gar nicht. Und so heißt es dann nur: Alles ist bereit für die Erschießung und wartet auf Ihr Kommando, Herr Hauptmann. Selbstverständlich erteilt Herold dann den Feuerbefehl – wie es von ihm erwartet wird.

Über 100 Tote im Gefangenenlager gehen auf sein Konto, für die Hinrichtungen ließ er auch ein Flakgeschütz einsetzen, was wohl ebenfalls den Tatsachen entspricht.

Was der junge Herold selbst wirklich will, wird nicht wirklich klar. Vermutlich, weil man es nicht weiß. Im Film bekundet er seine Zustimmung durch vage Sprüche wie „Dann halten wir uns besser mal ran!“ und „Wer etwas anfängt, der muss es auch zu Ende bringen.“ Und dann schaut er zu, welche Auswirkungen das hat. Noch in der Mitte des Films will ich ihn anschreien, wieso er denn nicht eingreift. Da passieren die schlimmsten Gräuel und dieser schnieke Typ in Uniform verzieht nicht eine Miene. Kann er das gewollt haben? Vielleicht nicht. Oder nicht so. Vielleicht wurde er zum Spielball der Ereignisse: Schließlich muss er das Spiel dann auch zu Ende führen. Aber das ist nur eine Erklärung, keine Entschuldigung.

Im Laufe der wenigen Tage, die der Film spielt, stellt sich Herold immer mehr auf die Seite des Unrechts und irgendwann brechen alle Dämme. Vielleicht ist es dann sowieso schon egal. Wenn man erstmal alle Hemmungen verloren hat, dann kommt es auf ein paar mehr Verbrechen nicht an.

Der Hauptmann Willi Herold
Was eine Uniform doch ausmacht – Willi Herold strahlt Autorität aus

Vom Deserteur zum Marodeur

Die Geschichte von Willi Herold ist auf jeden Fall bemerkenswert. Ich weiß nicht, wie viel Fiktion der Film enthält, und soweit mir bekannt ist, ist auch nicht geklärt, ob Herold wirklich selbst ein Fahnenflüchtiger war. Der Film deutet es jedenfalls deutlich an. Man sollte meinen, dass Herold deswegen Mitleid mit Deserteuren hat – denn niemand versteht einen Deserteur besser als ein Deserteur. Aber er hat weder Mitleid noch Erbarmen mit den Deserteuren – im Gegenteil, er treibt später sogar selbst sadistische Spiele mit ihnen.

Und weil er als „Durchgreifer“ so erfolgreich war, fährt er nach der Bombardierung des Gefangenenlagers durch die Briten mit einigen Helfern als „Schnellgericht Herold“ durch das Land, um Deserteure und Zivilisten mit weißer Flagge zu jagen. Und zwar nicht aus irgendwelchen fanatischen „Das sind Vaterlandsverräter“-Intentionen, sondern nur weil sie es können. Im Film werden wilde Orgien daraus und Herold lässt willkürlich Menschen erschießen.

Während des Films lief es mir wirklich eiskalt den Rücken runter. Hier wird sehr deutlich, wie sehr der Schein trügen kann – und wie machtlos man gegenüber einer Autorität ist. Selbst, wenn die sich nicht verhält, wie sie eigentlich sollte. Die angebliche Vollmacht ermöglicht Willi Herold nicht nur, an kostenlose Mahlzeiten und Unterkunft in Gasthäusern zu kommen, sondern gibt ihm auch die Befugnis, über Leben und Tod zu entscheiden. Alles unter der Prämisse „Ich führe den Befehl von ganz oben aus“ – da kann man einfach nicht widersprechen. Zivilisten, Untergebene und Gefangene sind dem angeblichen Hauptmann und seiner bewaffneten, verrohten Truppe hilflos ausgeliefert.

Das Einlegen einer Beschwerde über die Art der Hinrichtungen im Gefangenenlager hilft dann letztlich auch niemandem mehr. Solange die Autoritätsperson, der „Hauptmann“ Herold, nicht einschreitet, werden eben Gefangene zu Tode geprügelt. Und er schreitet nicht ein – er macht mit. Mit genau der gleichen Vollmacht erschießt er später noch einen Bürgermeister, der die weiße Flagge hisst und die Ankunft der Briten willkommen heißt.

Mein Fazit zu „Der Hauptmann“

Der Film stellt das Schlimmste im Menschen heraus und zeigt völlig willkürliche Verrohung, Unmenschlichkeit und Ungerechtigkeit – und alles angewiesen und gebilligt durch jemanden, der eigentlich nur Befehle empfangen dürfte und der außerdem selbst bereits in dieser hilflosen Lage war. Es ist erschreckend und beängstigend – und passt daher gut in die Zeit des Dritten Reichs, die von Angst, Willkür und Ungerechtigkeit geprägt war.

Ich kannte die Geschichte von Willi Herold bisher noch nicht, daher hat der Film bei mir auch eine Bildungslücke geschlossen. Ist auf jeden Fall sehenswert, denn „Der Hauptmann“ weicht von allen gängigen Kriegsfilmen ab, die mir bekannt sind.

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