Stanisław Lem – Pilot Pirx

Dieses Buch erhielt von Lucyda 4 Sterne

Eine Sammlung von recht langen Kurzgeschichten um den Weltraumpiloten Pirx und seine Abenteuer. Wir bekommen Einblicke in typische Situationen, in denen mehrere Zufälle zusammenkommen und unwahrscheinliche Dinge passieren. Durchgedrehte, um sich schießende Roboter, wilde Verfolgungsjagden durch den Weltraum und fatal fehlerhafte Programmierungen – Dinge solcher Art.

Dieses Buch gehört, genau wie Der Unbesiegbare von Lem, zu den frühesten richtigen Büchern, die ich im Teenageralter gelesen habe. Daran ist mein Vater schuld, der die Lem-Bücher im Regal stehen hatte und meinte, ich solle sie doch mal lesen :D

Stanislaw Lem - Pilot PirxUntertitel: Erzählungen
Erstauflage: 1968
Seitenanzahl: 545
Review online seit 23.03.2016

Pilot Pirx: Handlung

Es handelt sich hier um zehn Kurzgeschichten, daher ist der Inhalt schwer anzudeuten. Ich versuche es mal :D

Pirx‘ Welt und seine Reisen

Als Person steht Kadett, später Pilot Pirx im Mittelpunkt. Die Geschichten spielen zu Anfang des 21. Jahrhunderts (erwähnt wird das Titanic-Unglück „vor 100 Jahren“ :D) und die Menschheit ist längst ins Weltall vorgedrungen [wir sind solche Versager!]. Es gibt große Raumkreuzer, Frachter, Fähren, Stationen auf dem Mond und Mars – was man eben alles so braucht. Wie es sonst um die Menschheit steht, wird nicht thematisiert. Es geht nur um Episoden, die Pirx auf seinen Reisen erlebt.

In den ersten beiden Geschichten ist er noch ein junger Kadett auf der Raumpilotenakademie. Später wird er zum erfahrenen Raumpilot und Kommandant, der sich mit verschiedenen Jobs über Wasser hält. Er fliegt abgewrackte alte Schiffe von A nach B, sammelt Raumschrott ein, bringt Nachschubgüter irgendwohin. Die Geschichten spielen aber nicht nur im Weltall, haben also nicht nur mit Pirx‘ Pilotenberuf zu tun – oft trägt sich auch irgendwas auf einer Planetenstation zu.

Unwahrscheinliche Zufälle und unglückliche Verkettungen

Gemeinsam ist den Geschichten jedenfalls, dass Pirx in irgendwelchen Situationen landet, die – oft durch irgendeine unglaubliche Verkettung von Zufällen – dazu führen, dass irgendwas Außergewöhnliches (meist Schlechtes :D) passiert. Oft merkt man gar nicht, was sich da zusammenbraut, und erst im Nachhinein wird aufgelöst, wie es eigentlich dazu kommen konnte. Pirx handelt dabei immer irgendwie richtig – nicht, weil er ein Held ist, sondern eher intuitiv, ohne selbst die Gefährlichkeit der Situation zu begreifen.

Als Katastrophen-Junkie hab ich schon einige Berichte und Protokolle zu Flugzeug-, Space Shuttle- und Apollo-Mission-Unglücken gelesen, und manche Pirx-Geschichten erinnern daran. Es passiert irgendwas kleines Dummes, das keiner vorhersehen konnte, dadurch wird irgendwas Schlimmeres ausgelöst, ohne dass jemand was davon bemerkt, und am Ende hat man den Salat: Computer geben falsche Meldungen heraus, der Mensch verlässt sich drauf und die Katastrophe beginnt. Um solche Geschichten geht es hier oft.

Beispiel: Unfähigkeit und Pech im Raumschiff

Lem lässt seinen Piloten Pirx aber auch nur einfach unglaublich groteske Situationen erleben. Beispielsweise schildert Pirx einen Auftrag, in dem er eine total runtergekommene Mannschaft kommandiert: Alle vernünftigen Männer der Besatzung liegen krank in ihren Kojen, nur Pirx selbst, sein alkoholsüchtiger Funker und der zwar sympathische, aber total untaugliche Ingenieur sind noch auf den Beinen. Der Ingenieur ist ein Straßenbau-Experte, den man versehentlich anstatt eines Raumschiff-Ingenieurs eingestellt hat, und der folglich nicht einmal weiß, was der Unterschied zwischen Planeten und Sternen ist. Eine Eigenschaft, die bei interplanetaren Flügen von Vorteil wäre. Unglücklich gelaufen.

Und genau in dieser Situation ereignet sich etwas so Unwahrscheinliches, dass eigentlich der volle Einsatz der ganzen Mannschaft gefragt wäre. Pilot Pirx versucht also allein, alles zu dokumentieren. Doch durch die Unfähigkeit der Mannschaft gelingt aber leider nichts und eine einmalige Gelegenheit ist für immer dahin. Und niemand wird ihm glauben, wenn er davon erzählt.

Häufig geht es in den Geschichten auch um Roboter (Automaten genannt) mit fortgeschrittener künstlicher Intelligenz, die auf irgendeine Weise merkwürdig menschliche Züge haben.

Pilot Pirx: Rezension

Ganz klassische Science-Fiction! Hier steht wirklich die Erzählung, die unwahrscheinliche Situation im Mittelpunkt, keine Explosionen, Außerirdischen, keine Zukunft der Menschheit oder sonst was. Lem erzählt die Geschichten völlig wertfrei und neutral. Um Moral oder Ähnliches macht sich Pirx keine Gedanken.

Der Schreibstil ist .. sagen wir, unauffällig. Es gibt keine schönen sprachlichen Kniffe, aber auch nichts zu beanstanden. Er passt daher gut zur neutralen Erzählung. Manchmal, insbesondere wenn es an die technische Auflösung einer Situation geht, verwendet Lem „Fachbegriffe“ des Raumpiloten, die man nicht verstehen kann – aber darauf kommt es auch gar nicht an.

Die Quintessenz vieler dieser Geschichten ist mir in den 20 Jahren, seit ich sie kenne, immer im Kopf geblieben und in verschiedenen Situationen muss ich daran denken.

Identifikation mit Pirx

Man erfährt nicht viel über Pirx – er ist ein absolut durchschnittlicher Typ. Herkunft, Familie und Leben kommen nicht zur Sprache. Er ist mir aber dennoch ziemlich sympathisch, da ich mich gut mit ihm identifizieren kann. Besonders in seiner frühen Zeit als Kadett neigt er eher zur Selbstunterschätzung. Er sieht sich neben seinen schillernden Kommilitonen als zurückgezogenen, gedankenverlorenen und im Vergleich untalentierteren Einzelgänger. Und dann stellt sich am Ende heraus, dass er die Situationen, trotz aller Probleme, die er hat, doch besser gelöst hat – denn er vergisst, dass es auch bei anderen nicht immer sauber läuft, und andere dann die Nerven verlieren können. Sehr tröstlich :D

Gerade in der ersten Geschichte finde ich mich extrem wieder :D Es geht alles schief, was schiefgehen kann, selbst das, von dem man gar nicht wusste, dass es schiefgehen kann (siehe 1. Zitat unten). Diese alltägliche WTF?-Situation, in der man Folgendes denkt „Ach maaaaaan, das gibts doch nicht, ich hab doch gar nichts gemacht, sowas kann eigentlich gar nicht passieren!“, und wenn man dann dem Vorgesetzten erklären muss, was los ist, müsste man eigentlich einen kompletten Roman erzählen, um es richtig darzulegen. Das interessiert den Vorgesetzten aber gar nicht, am Ende steht nur fest: Ich bin schuld, obwohl es nur eine unglückliche Verkettung von Zufällen war und ich nicht nur nichts dafür kann, sondern sogar verhindert habe, dass es noch schlimmer wurde :D

Pilot Pirx: Wertung

4 Sterne
Das Buch zeigt auf, dass auch andere nur mit Wasser kochen :D Es feiert irgendwie ein bisschen den alltäglichen Wahnsinn, aus dem sich dann oft eine schwer zu lösende Situation – zumindest aber eine gute Geschichte ergeben kann.

Pilot Pirx ist nichts für jemanden, der schnelle Action sucht. Man muss sich ein bisschen einfühlen und Interesse daran haben, sich in zunächst alltägliche Situationen einzulesen. Gerade in den letzten Geschichten schreibt Lem auch ein bisschen zu viel „unnötiges Drumrum“, bei dem sogar ich ein paar Zeilen überlese, weil ich denke, dass es einfach gar nichts mit der Geschichte zu tun hat. Das macht es etwas zäh – kommt aber, wie gesagt, erst gegen Ende auf.

Pilot Pirx – Zitate

Fliegen-Problem

Pirx soll zwei Schiffe in eine Umlaufbahn lotsen. Er hat eine dicke Fliege im Cockpit, durch deren Brummen er den Funk kaum versteht.

„AMU ..“ wollte er sagen, aber seiner heiseren Kehle entrang sich kein Laut. In den Hörern brummte es. Die Fliege. Er schloss die Augen und begann zu sprechen: „AMU 27 an JO zwei Terraluna – Bin im Quadranten vier, Sektor PAL – Schalte Positionslichter ein – Empfang“. Er schaltete die Positionslichter ein – zwei rote an den Seiten, zwei grüne an der Spitze, ein blaues am Heck – und wartete. Außer der Fliege war nichts zu hören.
„JO zwei bis Terraluna, JO zwei bis Terraluna, ich rufe…“ Es summte. Meint der mich? fragte er sich verzweifelt.
„AMU 27 an JO zwei bis Terraluna – Bin im Quadranten vier, Randsektor PAL – Trage alle Positionslichter – Empfang“

Nun meldeten sich die beiden JO-Schiffe gleichzeitig. Er schaltete den Selektor ein, der die Reihenfolge bestimmte, aber es war sinnlos. Das Brummen verschluckte alles. Die Fliege, die Fliege! Ich werde mich hier noch aufhängen! dachte er. Es kam ihm gar nicht in den Sinn, dass dieser ‚Ausweg‘ infolge fehlender Schwerkraft unmöglich war.

Plötzlich entdeckte er auf dem Radarschirm die beiden Schiffe – sie folgten ihm in parallelen Kurven, nicht mehr als neun Kilometer voneinander entfernt, das heißt in unzulässigem Abstand. Als Lotse war er verpflichtet, ihnen zu befehlen, den vorgeschriebenen Abstand von vierzehn Kilometern einzuhalten. Er wollte sich noch einmal vergewissern, aber als er die genaue Lage der beiden Schatten auf dem Radarschirm zu untersuchen begann, ließ sich die Fliege auf der Scheibe nieder – ausgerechnet auf einem der Schatten. Wutentbrannt warf er das Navigationsbuch nach ihr – im Zustand der Schwerelosigkeit ein aussichtsloses Unterfangen. Das Buch prallte gegen die Kapselwand, fiel aber nicht nach unten, sondern nach oben. Es stieß gegen die Decke, flog hin und her und blieb schließlich mitten in der Kapsel schweben. Auf die Fliege machte das nicht den geringsten Eindruck.

S. 28f

Alltag an Bord

Sie steuerten nun direkten Kurs. Man konnte sich schon bewegen, konnte aufstehen und sich ein wenig die Beine vertreten. Der Funkmechaniker, der gleichzeitig als „Smutje“ fungierte, ging zur Kombüse. Alle waren hungrig, vor allem Pirx, der noch gar nichts im Magen hatte.

Im Steuerraum begann die Temperatur zu steigen, die Glut der erhitzten Panzerung drang mit gewisser Verspätung ins Innere. Ein penetranter Geruch breitete sich aus – das Öl war aus der Hydraulik geflossen und bildete rings um die Sitze große Lachen.

Der Kernphysiker fuhr zur Säule [der Nuklearantrieb des Schiffs] hinunter, um nachzusehen, ob es Neutronenlecks gab. Pirx plauderte unterdessen mit dem Elektriker, es stellte sich heraus, dass sie gemeinsame Bekannte hatten. Er begann sich allmählich wohlzufühlen, zum ersten mal, seit er an Bord war, regte sich in ihm so etwas wie Zufriedenheit. Wie der „Stern“ [das Raumschiff] auch immer beschaffen sein mag – neunzehntausend Tonnen, das will schon was heißen …, sagte er sich. Es gehört schon etwas dazu, anstelle eines einfachen Frachters solch ein Riesenwrack zu steuern… Erstens ist die Ehre größer, und zweitens … Man kann nie genug Erfahrungen sammeln …

S. 180f

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