Trump – Es ist wie ein Unfall

Leider muss ich es zugeben: Ich kann einfach nicht wegschauen, wenn Trump seine Shows abliefert. Es ist wie ein Unfall: Man will es nicht sehen, aber nicht hinschauen geht auch nicht. Immer wieder hörte ich von anderen Leuten, dass sie gar nicht mehr hinsehen, das ganze mit Trump sei ihnen zu doof. Das ist vermutlich auch besser so, jedenfalls für die mentale Gesundheit.

Leider kann ich das nicht, also wegschauen und diesen Typen ignorieren. Es einfach gut sein lassen und warten, bis nach spätestens 8 Jahren ein anderer ins Amt gewählt wird. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich durch Trumps Twitter-Timelime scrolle. Bei seinen meist mehreren Tweets am Tag ist fast immer irgendwas Denkwürdiges dabei.

Es geht mir nicht mal so sehr darum, über die neuesten Eklats, Beleidigungen und jüngsten Tiefschläge die Augen zu verdrehen. Vielmehr nehme ich das alles auf und bleibe manchmal ratlos, manchmal wütend zurück und frage mich: Wie kann so jemand an eine solche Position gelangen?

Im Miteinander braucht man Regeln

Trump ist ein Narzisst, ein Mensch mit der Mentalität eines Kleinkindes, ein Wissenschaftsverweigerer, ein pöbelnder Egomane, angeblicher „Dealmaker“, selbst ernanntes „stable Genius“ (Tweet Anfang & Fortsetzung) und „bester Kenner aller Dinge„, ohne politische Erfahrung und wegen zahlreicher sexueller Übergriffe beschuldigt.

Die Frage, warum Trump dort ist, wo er ist, quält mich wirklich. Unsereins leidet immer wieder an Gedanken wie „Ich bin nicht gut genug für …“ oder „Anderen fällt alles so leicht“. Und dieser Typ schafft es 2016, durch die Besonderheiten des amerikanischen Wahlsystems trotz 3 Millionen weniger Wählerstimmen als Hillary Clinton Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden.

Mittel der Wahl sind Dreistigkeit und Lügen. Er durchkreuzt einfach Konventionen und grundlegende Regeln des Anstands, kündigt einseitig Verträge und projiziert seine eigenen Unzulänglichkeiten auf andere. Dass all das möglich ist, macht mich sprachlos und ich frage mich, wie man jemandem Kontra geben kann, der einfach alles missachtet, ohne sich auf das gleiche Niveau zu begeben?

Ich erinnere mich an meine Kindheit. Mein Bruder und ich legten uns zusammen immer wieder mit anderen Kindern aus unserem Neubauviertel an. Dabei gab es unausgesprochene Regeln. Mit getrocknetem Schlamm werfen ist okay, aber mit Steinen werfen nicht. Und beißen gehört sich auch nicht. Ohne Regeln geht es eben nicht, wenn niemand im Krankenhaus landen soll.

Und wenn dann doch ein Kind mal einen Stein warf, dann standen wir sprachlos da: Wie kann er nur? Das tut doch weh! Was kann man jetzt machen, ohne noch mehr Steine abzubekommen? Am Ende blieb meistens nur, „die Mama zu rufen“, in der Hoffnung, dass sie als höhere Instanz den Steinewerfer in die Schranken weist.

Und wen ruft man, wenn Regeln immer wieder gebrochen werden, und „die Mama“, bzw. der US-Senat, schon gesagt hat, dass es okay ist, was der böse Junge macht?

In diesem Beitrag gibt es keine Lösungen. Und ich will auch nicht alles aufzählen, was mich an Trump und seinen Taten und Worten aufregt – dazu wäre ein Beitrag auch zu kurz, und es gibt schon ganze Reportagen, Bücher und durch das Impeachment-Verfahren auch Akten, die damit gefüllt sind. Dieser Beitrag dient nur dazu, meiner Sprachlosigkeit Herr zu werden und sie mir vom Herzen zu schreiben.

Trump
Gezeichnet von Pierre, green-shemagh.net

Trump wird Präsident der USA

2016, vor der Wahl, hätte ich nicht gedacht, dass das amerikanische Volk diesen Mann wählen könnte. Pierres Bruder hatte die Wahl Monate zuvor noch als Intelligenztest für die Amerikaner bezeichnet – da lachte ich drüber.

Die Amerikaner hätten allerdings die Wahl zwischen Pest und Cholera gehabt, so hörte man hierzulande auch häufiger. Gegenkandidatin Hillary Clinton wäre eine Kriegstreiberin, die den dritten Weltkrieg entfachen würde. Das weiß man nicht – vielleicht (wirklich?), aber es ist hinfällig, darüber zu reden, was Hillary hätte tun können oder nicht.

Bei Trump dagegen war bekannt, was man bekommt. Sprüche wie „Just grab her by her pussy“ und „Ich könnte mitten auf der 5th Avenue jemanden erschießen und ich würde keine Wähler verlieren“ (Quelle) kursierten in den Wochen und Monaten vor der Wahl. Er machte sich über seinen Kontrahenten McCain lustig, der in Vietnam in Kriegsgefangenschaft geraten war: „Er ist kein Held, ich mag Leute, die nicht gefangen wurden“ (Quelle). Allein solche Sprüche würde einen Präsidentschaftskandidaten für mich unwählbar machen. Dazu kamen seine gehässigen Tiraden, nicht nur gegenüber Clinton, sondern auch adressiert an Kritiker und Reporter.

Unvergessen auch, wie ganze Wahlveranstaltungshallen „Lock her up“ skandierten, die Trump zumindest nicht unterband – gemeint war Clinton, die für einen fahrlässigen Umgang mit eMails in Kritik geraten war. Das erinnerte an fanatischen Faschismus und machte mir Angst. Eine ganze Halle mit Tausenden von Menschen verlangt danach, dass Hillary ins Gefängnis kommt. Wäre sie dort gewesen, hätte man sie vielleicht in alter Tradition gleich aufgeknüpft.

Und was für ein Präsident wurde Trump?

Klar, jetzt im Nachhinein ist es immer einfach, darauf herumzureiten, was für einen Fehler die Amerikaner begangen haben. Vielleicht wäre es auch anders gekommen, und der laute, pöbelige Trump, ein Reality TV-„Star“, der am liebsten den Spruch „You are fired“ brachte, hätte vielleicht auch zum vernünftigen Politiker der kleinen Leute werden können, so wie er es versprochen hatte.

Einige Zeit vor der Wahl las ich einen Beitrag im Spiegel oder Stern, in dem Politikbeobachter einschätzten, dass es gar nicht so schlimme Auswirkungen hätte, wenn Trump gewählt werden würde. Schließlich gibt es auch noch andere Institutionen in Washington, z.B. den Senat, der ihn im Zaum halten könnte.

Und nun setzte er umstrittene Richter am Obersten Gerichtshof ein, ermöglichte so auf Jahre hinaus eine konservative Mehrheit im neunköpfigen Richter-Gremium und damit potentiell Entscheidungen in seinem Sinne. Er vergibt Privilegien und zieht daraus finanzielle oder machtpolitische Gewinne. Seine Tochter Ivanka und ihren Ehemann Jared Kushner setzte er als seine engsten Berater ein, obwohl beide, genau wie er, keinerlei politische Erfahrungen hatten, sondern aus der freien Wirtschaft kommen. Eigentlich wollte er doch „den Sumpf trockenlegen„, also Korruption und Vetternwirtschaft bekämpfen – was er tut, ist das Gegenteil.

Er steigt einfach so aus dem Pariser Klimaabkommen aus (weil es kein guter „Deal“ für die USA wäre und der Wirtschaft schadet), überließ die syrischen Kurden – Verbündete der USA im Kampf gegen den IS – via Twitter der türkischen Invasion und kündigt an, während einer Pandemie der Weltgesundheitsorganisation WHO die Zahlungen zu streichen, weil sie ihn bei der sich ausbreitenden Infektionskrankheit Covid-19 schlecht beraten hätte (diese Meldung war auch der Grund, warum ich spontan angefangen habe, diesen Beitrag zu schreiben).

Trump selbst hatte bis in den März hinein das Virus und seine Gefahren kleingeredet, anstatt die Situation ernst zu nehmen.

Corona ist Trumps Feuerprobe als Präsident

Die Pandemie ist für die ganze Welt ein Belastungstest, nicht umsonst sprach Kanzlerin Merkel von der größten Herausforderung seit dem zweiten Weltkrieg. Hier, bei einer Bedrohung weltweiten Ausmaßes, lässt sich schön vergleichen, wie fähig die Regierungschefs wirklich sind (und ich bin gottfroh über Merkel und ihre ruhige, wissenschaftsgesteuerte Art!).

Dass die USA jetzt die steilste Ansteckungskurve und mit Abstand die meisten Ansteckungsfälle (und Todesfälle) aufgrund von Covid-19 zu beklagen hat, ist hinreichend bekannt wir betrachten hier schließlich gerade Geschichtsschreibung in Echtzeit.

Trumps öffentliche Äußerungen (inklusive Twitter) zur Virenausbreitung sind Teil dieser Geschichtsschreibung, und sie lassen sich nicht ungeschehen machen. Trump aber tut so, als ginge das dennoch. Journalisten, die ihm kritische Fragen stellen oder ihn mit seinen Zitaten aus Februar und Anfang März konfrontieren, wiegelt er ab, es seien schlechte Reporter, die bösartige Fragen stellten (zB. hier oder hier).

Unzählige Websites dokumentieren Trumps Zickzack-Kurs im Krisenmanagement und seine Aussagen, die er häufig später wieder revidiert (zB. hier oder hier).

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Trump scheint stolz zu berichten, dass zum ersten Mal überhaupt ein Präsident für alle 50 Bundesstaaten gleichzeitig den Katastrophenalarm ausgerufen hat. Ähm, Glückwunsch, good job?

Anstatt sich aber vorwerfen zu lassen, was er versäumt hat, und diese Fehler einzugestehen, beschuldigt er andere und dreht den Spieß einfach um: Ohne seine zunächst spärlichen erlassenen Maßnahmen hätte es noch viel mehr Tote gegeben. Er stilisiert sich als Retter Tausender und wird nicht müde zu betonen, dass die USA mit ihm als Anführer „gewinnen“ werde.

Wem sonst würde es einfallen, die höchsten Opferzahlen weltweit in irgendeiner Weise als Sieg darzustellen? Wie kann man sich selbst feiern, wo doch im internationalen Vergleich der Industrienationen die USA am schlechtesten abschneidet? Wie ist das alles möglich? Ich kann es mir nicht erklären.

Mit Unwissen und Unwahrheiten Öl ins Feuer

Während seiner täglichen Briefings zur Corona-Pandemie und auf Twitter lobt Trump immer wieder sich selbst. Nicht nur sein Krisenmanagement, sondern auch seine Beliebtheit auf Facebook und die Zustimmungsraten in seiner Partei seien ohne Vorbild.

In diese bizarren „Briefings“ mischt er zwischen seine Ideen für wirksame Heilmittel, ein frühes Öffnen des Landes zu Ostern, sein Eigenlob und die gelegentlichen Wutanfälle im Angesicht kritischer Journalistenfragen dann noch Sprüche wie „als Präsident der Vereinigten Staaten hat man die alleinige Autorität“ (Video).

Wie kann so einer Präsident sein?

Die USA haben Könige und „Tyrannen“ schon immer gefürchtet – daher gibt es auch das Second Amendment aus dem Jahre 1791, das Recht eines Jeden, Waffen zu tragen, um sich und seine Freiheit zur Not zu verteidigen. Trumps Aussage zur höchsten Autorität sollte eigentlich dazu führen, den Präsidenten hochkant rauszuwerfen.

Kurz darauf rudert Trump zurück und überlässt den Gouverneuren der einzelnen Staaten wieder das Feld in der Frage, wie das Land wieder geöffnet werden kann. Ein Recht, das sie sowieso haben. Was macht Trump dann also? Die Wirtschaft leidet, Arbeitslosigkeit ist schlecht für seine Wählerstimmen und die Leute wollen wieder vor die Tür gehen. Trump will sich wohl als Fürsprecher der kleinen Leute hervortun und feuert drei Tweets ab:

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Er ruft dazu auf, die Staaten zu befreien, die keine Lockerungen vorsehen, die Staaten stünden unter Belagerung. Ich bin sprachlos, wieder mal, aufgrund dieses weiteren Tiefpunkts. Wie kann er als Präsident sich als „Moderator aus dem Off“ aufspielen und den Gouverneuren seines eigenen Landes in den Rücken fallen? Wie kann er als Oberhaupt der Regierung zum Ungehorsam gegen die Regierung aufrufen?!

Sein Aufruf, das „großartige“ Second Amendment, also das Recht, Waffen tragen zu dürfen, zu sichern, wirkt dabei einerseits wie ein Aufruf, die „Belagerung“ notfalls mit Waffengewalt zu brechen und damit die persönliche Freiheit zu verteidigen. Wie viele Grenzen überschreitet er damit?!

Andererseits scheint er damit für seine treuen Anhänger andeuten zu wollen, als wäre das Second Amendment selbst in Gefahr und müsse verteidigt werden. Nach jedem größeren Amoklauf wird von Liberalen gefordert, das Waffenrecht zu verschärfen, und regelmäßig ruft diese Forderung Proteste derjenigen auf den Plan, die ohne ihre Waffen ihre Freiheit eingeschränkt sehen.

Trump ruft quasi zum Bürgerkrieg auf. WIE KANN SO EINER PRÄSIDENT SEIN?

Wie kann man Trump verteidigen?

In Deutschland ist Trump bekanntermaßen auch nicht gerade beliebt, aber in Kommentarbereichen gewisser Newsportale tummelt sich regelmäßig Trump-freundliches Klientel. Immer wieder liest man dort den Vorwurf von einseitiger Berichterstattung über Trump in Deutschland. Man würde immer nur das Negative über ihn berichten, nicht aber das Positive, und die Medien gingen hier zu hart mit ihm ins Gericht.

Einerseits kann ich dem nicht zustimmen, weil die meisten großen Medienhäuser in den USA genauso Trump-kritisch berichten. Andererseits mag es stimmen, dass die Berichterstattung Anti-Trump-gefärbt berichtet, was man an wenig wohlwollenden Formulierungen deutlich bemerkt – das ändert aber nichts an den Tatsachen, dass es genauso auch ist.

Aber diese Kommentare machen mich auch unsicher. Sehen denn die Trump-Verteidiger hierzulande, genau wie dessen Anhänger in den USA, nicht, was für ein Mensch er ist? Seine Aussagen und politischen Entscheidungen sind doch öffentlich. Können sie wirklich seinen polternden Zickzackkurs nicht nur gutheißen, sondern Trump wirklich als guten Präsidenten beurteilen, der eine zweite Amtsperiode bekommen sollte?

Als Einschränkung muss ich dazu sagen, dass diese Kommentatoren gleichzeitig immer wieder gern auf unsere eigene Regierung einschlagen („Ich wünschte, unsere Politiker würden auch mal so die Wahrheit sagen. Wo war denn Merkel am Anfang der Pandemie? Die Frau hat Blut an den Händen“) und gern auch noch irgendwie „die Flüchtlinge“ einbringen („Grenzen zu ist das einzige, was hilft“). Das lässt ahnen, wie diese Leute politisch gepolt sind. Von daher wundert es mich auch wieder nicht. Dass das deutsche Krisenmanagement im internationalen Vergleich als sehr gut bewertet und Merkel als Vorbild gelobt wird, interessiert da offenbar nicht.

Wieso gelten Regeln nicht für Trump?

Aber wie gesagt, ich will hier gar nicht auf all die kleinen und großen Dinger eingehen, die Trump schon gebracht hat. Meine eigentliche Schreibintention ist, auszudrücken, wie sehr mich das Phänomen „Trump“ verunsichert. Wie kann er so dreist falsche Tatsachen verbreiten oder sogar bewusst lügen? Wieso wird er nicht zurechtgewiesen? Wie kann er einfach über die Köpfe seiner Minister und Berater hinweg via Twitter Entscheidungen verkünden, für die andere Staatsoberhäupter erstmal einen Beratungsmarathon absolvieren und sich durch sämtliche Instanzen debattieren würden?

Wie kann man in seiner Position täglich ungeliebte Kontrahenten oder Kritiker beschimpfen? Wie kann man als amerikanisches Staatsoberhaupt öffentlich sagen, dass die Unterstützung der Regierung für die Bundesstaaten davon abhängt, wie sehr deren Gouverneure ihn lobten oder kritisierten? Wie kann so ein Blender trotzdem so viel Unterstützung bekommen und so beliebt sein?

Es verunsichert mich – weil ich denke: Wozu muss man sich denn im Leben anstrengen, wenn Leute wie er durch Lügen, Dreistigkeit und das Umdrehen von Tatsachen amerikanischer Präsident werden können? Wozu Abschlüssen hinterherjagen, sich regelkonform und nach moralischen Standards verhalten und dadurch schlechter fahren als jemand, der das alles nicht tut?

Solche Menschen an der Spitze und an Entscheidungspositionen gibt es immer wieder, auch auf unteren politischen Ebenen und im wirtschaftlichen Bereich. Da werden Leute weiterbefördert – nicht, weil sie qualifiziert wären, sondern wegen Personalien-Geschacher. Respekt, Anstand und Verhältnismäßigkeit kommen da oft zu kurz. Trump ist nur das extremste Beispiel, und er ist ein schlechtes Vorbild für alle anderen Menschen, die durch Qualifikation überzeugen wollen und müssen, und Hohn für diejenigen, die viel und hart arbeiten, an ihre Belastungsgrenzen kommen und trotzdem zu wenig bezahlt und anerkannt werden (ich denke da z.B. an Krankenhauspersonal).

Und es macht mir Angst, wirklich. Weil es Millionen Menschen gibt, die ihn wählen, oder auch hier bei uns wählen würden. Menschen, die einen solchen Menschen schätzen, unterstützen und verteidigen, leben auch hier, und die Vorstellung ist mir unangenehm.

Einblicke in den Alltag und die Meinung von Trump-Wählern in den USA schafft übrigens die interessante und beklemmende deutschsprachige Doku I love Trump.

Algorithmen erschaffen und vertiefen Gräben

Was mir hier hilft, ist ein Erfahrungsbericht über Filterblasen in der Berichterstattung und bei sozialen Medien.

Filterblase bedeutet, dass du, wenn du dich für X interessierst, vor allem nur noch X zu sehen bekommst. Beispiel YouTube: YouTube schlägt dir aufgrund der bisher gesehenen Videos weitere Videos vor, die dazu passen. Denn YouTube will ja, dass du auf der Seite bleibst, und du bleibst dann, wenn das, was du zu sehen bekommst, zu dir passt. Magst du also Bluesrock, bekommst du Bluesrock und nicht Hiphop. Das Problem dabei tritt auf, wenn es um sensible Themen wie Poltik oder Wissensvermittlung geht. Wer sich für Chemtrail-Verschwörungen interessiert, bekommt immer neue Inhalte dazu zu sehen. Weil man keine gegensätzlichen Meinungen sieht, sondern immer mehr Input, wird die Verschwörungstheorie stetig als gegeben untermauert: „Wenn so viel über Chemtrails berichtet wird, dann muss es so sein.“

Ich kann dir dazu diesen Beitrag auf der Wissens- und Erklärseite Wait but why nahelegen (ist allerdings sehr lang und auf englisch, aber anschaulich geschrieben). Tim Urban, der Autor, hatte schon vor Jahren das Phänomen des Fermi-Paradoxons so gut erklärt, dass ich es übersetzt habe. Jedenfalls, Tim ist Trump-Kritiker und hatte seit dessen Wahl immer wieder versucht zu erklären, warum Trump Präsident werden konnte, und was das nun für Amerika und die Welt bedeutet.

In seinem Beitrag berichtet Tim nun, wie er selbst durch verschiedene Filterblasen gereist ist. In seiner Filterblase bekam er natürlich bisher nur Trump-kritische Berichterstattung zu Gesicht, weil alle Medien erkannten, dass das seine Meinung ist. Für eine Recherche aber hatte er sich Beiträge und Videos angesehen, die positiv über Trump berichten. Und auf einmal bekam er nur noch Pro-Trump-Beiträge zu sehen, wie z.B. sowas:

  • „50 Leute erklären, warum sie Trump lieben“
  • „Trump sagt, wie es ist“
  • „Warum ich als Immigrantin für Trump gestimmt habe“
  • „Wie Trump Amerika zu alter Größe verhelfen kann“

Die Algorithmen nahmen an, dass Tim selbst Trump-Wähler ist und servierten ihm das, was ihm gefällt und darin bestärkt. So lässt sich verstehen, dass sowohl Trump-Kritiker als auch Trump-Befürworter immer weiter polarisiert werden und sich unnachgiebig gegenüberstehen. Denn beide Seiten kennen nur ihre eigenen Meinungen und Argumente und beurteilen die ANDERE Seite auf dieser Wissensgrundlage: „Wie kann man Trump unterstützen, wenn man doch weiß, dass …“. Und umgekehrt: „Warum wiederholen die Kritiker immer nur die Argumente der Fake-News, die nichts anderes wollen, als Trump zu zerstören“.

Meine Meinung über Trump ändert das nicht, dafür sind die Fakten zu klar. Schließlich lässt sich nachvollziehen, was Trump alles sagte und noch immer sagt, und was er wirklich tat und noch immer tut. Aber ich kann verstehen, dass nicht jeder Trump genauso sieht wie ich, und dass es vielleicht sogar Grund geben könnte, Trump zu mögen – wenn man ungewollt nur entsprechende Beiträge sieht. Und mir ist auch bewusst, dass das, was ich so zu Augen bekomme, auch übertrieben sein kann.

Denn es gibt tatsächlich Fake News – etwa das in den sozialen Medien kursierende angebliche Zitat Trumps zur Dummheit der republikanischen Wähler. Das hat Trump nie gesagt. Trump hat auch nicht 2018 „das ganze Pandemic Response Team“ gefeuert, sondern das Team nur aufgelöst. Beides habe ich auch erst geglaubt, weil ich es glauben wollte.

Das ist problematisch, denn auf diese Weise wird es niemals absolute Objektivität geben. Von daher muss ich meine Vorwürfe an Trump-Unterstützer relativieren.

Hilfe für den Seelenfrieden

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Für meinen inneren Seelenfrieden rufe ich mir immer wieder vor Augen, was Chris Evans, Captain America-Darsteller, vor ziemlich genau einem halben Jahr auf Twitter schrieb (siehe nebenstehend): Irgendwann wird aufgearbeitet werden, was Trump alles gesagt und getan hat.

Vielleicht wird er dafür nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden, aber Generationen von Rechtswissenschaftlern, Ökonomen und Historikern werden seine Aussagen und auch Taten zerpflücken, analysieren und auswerten. Trumps Erbe steht fest und er wird für immer in die Geschichte eingehen als das, was er ist: Ein gefährlicher Narzisst, Blender und notorischer Lügner.

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2 Comments

  1. Mathias Wieczorek

    Hallo Debbie,

    das ist ein schön geschriebener und gut recherchierter Kommentar zu Trump. Ich sehe das praktisch genauso und würde diesen Beitrag auch so unterschreiben. Allerdings kann ich ihn auch ignorieren. Bei Twitter lese ich oft (kritische) Kommentare zu Trump, seine Beiträge selbst aber nicht, da ich ihm nicht folge oder danach suche. In letzer Zeit hatte ich wegen der Turbulenzen wegen Covid-19 oft mal wieder den US-Börsensender CNBC laufen, wo man ihn auch oft sieht. Das mit den Filterblasen ist wirklich ein Problem, dessen technische Lösung wohl noch auf sich warten lässt. In meine Filterblase sind trumpfreundliche Berichte und Kommentare noch nicht vorgedrungen und ich will, dass das auch so bleibt. Auch deinen Aussagen zu Merkel stimme ich zu. In meinem persönlichen Umfeld sind die meisten Leute kritisch zu dem eingestellt, wie Merkel seit 2015 agiert, aber ich lasse mich davon nicht beeinflussen.

    Viele Grüße
    Mathias

    1. Lucyda

      Hey Mathias,
      danke für deinen Kommentar, ich hab mich sehr darüber gefreut :D
      Das Thema Merkel kommt mir bekannt vor, ist bei mir im Umfeld genauso. Ich stimme ihr auch nicht immer zu, aber hier darf man sie loben. Und es macht den Kontrast zu dem Wüterich in den USA so deutlich. Hier redet immerhin niemand davon, sich Desinfektionsmittel zu impfen. Ein absoluter Knaller, der eigentlich noch in den Beitrag reingehören würde – aber irgendwann muss man ja einen Punkt setzen :D

      Viele Grüße und einen schönen Feiertag!
      Debbie

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