Mein Auto erpresst mich!

„Harrharr! Du bekommst so lange keine neuen Informationen mehr, bis du mir gibst, was du willst!“ – das sagt mitnichten ein Gangster mit vorgehaltener Waffe. Nein, es ist mein Auto. Ein weiterer Beitrag aus der Rage-Reihe über Autos mit zu viel verbauter Elektronik, die den Fahrer bevormundet.

Es geht – mal wieder – um meine werte Blechkutsche. Erst vor wenigen Monaten machte ich meinem Ärger über die völlig überflüssige Gurt-Anschnallwarnung Luft („Was glaubst du eigentlich, wer du bist, Auto?!“). Mein Opel Corsa, Baujahr 2016, ist ausgestattet mit einer überbordenden Menge an Sensoren und Elektronik für alles mögliche. Das Zeug passt auf, dass alles dort ist, wo es sein soll – und wenn nicht, dann piepst und blinkt es ohne Unterlass. So soll der Beifahrergurt gefälligst im Gurtdings eingerastet sein – auch wenn mein Beifahrer nur eine Tasche ist. Und mein sündhaft teures Reifendruckkontrollsystem kontrolliert, ob auch Luft im Reifen ist. Komfortfunktion oder unnützer, teurer, nerviger Mist? Für mich ist die Sache klar – letzteres! 

Der „ICH WILL JETZT NEUEN SPRIT“-Nervmodus

Naja. Der Gipfel der grässlichen* Infomeldungen ist aber erst dann zu erklommen, wenn der Tank fast leer ist. Der Bordcomputer zeigt immer an, wie viele Kilometer der Sprit noch reicht, und bei etwa 100 meldet sich die Reservetank-Leuchte. So gut, so schön. Aber bei ca. 50 Restkilometern wechselt der Corsa in den „ICH WILL JETZT NEUEN SPRIT“-Nervmodus, der nicht nur jeglichen Nutzens entbehrt, sondern mich einmal mehr zum viel zu umsorgten unmündigen Bürger degradiert.

* Kürzlich las ich mit „Berge des Wahnsinns“ meine erste Kurzgeschichte des Horror-Altmeisters H. P. Lovecraft. Er verwendet immer wieder die gleichen bizarren* Wörter, um damit Unbeschreibliches zu beschreiben. Um diesen Beitrag ein wenig aufzulockern, streue ich hier unauffällig ein wenig dieses Vokabular ein und kennzeichne es mit einem Sternchen :D

Der „ICH WILL JETZT NEUEN SPRIT“-Nervmodus bedeutet im Klartext: Bei ca. 50 Kilometer Restreichweite verfällt der Bordcomputer zurück in die Steinzeit: Die orangene Tank-Warnleuchte fängt hektisch an zu blinken und das Display zeigt nur noch zwei Meldungen: „Kraftstoffstand niedrig“ und den Gesamtkilometerzähler. 

Opel Corsa - Kraftstoffstand niedrig
Tanke sofort, tanke, tanke, los, ich hab Durst, los, fahr zur Tanke, mir egal welche, los! (Danke an meinen Freund, der das Foto während meiner Schimpftirade gemacht hat)

Das sind weniger Informationen, als jedes ältere Auto der letzten 50 Jahre oder so anzeigt – da gibt’s wenigstens noch den Tageskilometerzähler, mit dem sich abschätzen lässt, wie weit man wohl noch kommt. Aber mein Opel gewährt mir in seinem „ICH WILL SOFORT SPRIT“-Modus keinen Zugriff mehr auf relevante Informationen. Nein, nicht einmal auf den teuer erkauften Reifendruck, eine groteske* Frechheit ohnegleichen!! Kein durchschnittlicher Verbrauch, keine Restreichweite, keine Tageskilometer, kein aktueller Verbrauch, kein gar nichts!

Benutzerfreundlich oder bevormundend?

Okay, Opel mag sich denken: <3 Wir wollen unseren Fahrern die unangenehme Erfahrung ersparen, irgendwo mit leerem Tank liegenzubleiben <3. Danke sehr. Selbst vor 50 Jahren haben sie es doch in der Regel hinbekommen, rechtzeitig eine Tankstelle zu finden – die Tageskilometerangabe und ein wenig rechnerisches Denken reicht da aus. Deswegen finde ich, es ist eine deutlich widerwärtigere* Erfahrung, komplett im Dunkeln zu tappen und von jeglichen Informationen ausgesperrt zu sein, die mein Auto mir eigentlich liefern sollte. Warum nicht auch noch den Tacho deaktivieren, mir mit einer Warntröte ins Ohr hupen und automatisch in den 30 km/h-Spritsparmodus wechseln?

Herrgott, wir sind doch alle mündig. Jeder Autofahrer weiß: Ohne Sprit ist blöd, lass mal lieber. Über Jahrzehnte hat es ausgereicht, den Fahrer mit der Reserveleuchte drauf hinzuweisen. Jedem ist dann klar: Oh, mal auf den Tacho schauen – ok, normalerweise komm ich mit einem Tank xxx km weit, also hab ich noch so rund 90 km, wo fahr ich denn da am besten hin? 

Ist halt eben schon interessant zu wissen, ob man bei der obszön* teuren Shell auf der nächsten Raststätte tanken muss oder ob es noch 30 km bis zur geldbeutelschonenden Jetoil im Industriegebiet reicht. Sogar mein 1997er Opel Vectra hatte seinerzeit schon eine Reichweitenanzeige, da ging das ganze noch etwas genauer. (Okay, eine Situation war stressig, die Reichweitenanzeige stand auf 0, als ich an der Zapfsäule hielt)

Verunsicherung dank fehlender Infos

Das alles ist sehr schön, man kann seinen gesunden Menschenverstand einsetzen und selbst entscheiden, wo man sein „Heilig’s Blechle“ füttert. Aber nein, das darf ich mit dem neuen Opel Corsa nicht. Ich finde es sogar fahrlässig, den Fahrer von relevanten Informationen abzuschneiden. Klar, wenn der Corsa in seinen Nerv-Modus wechselt, sagt mir das auch: Es sind noch 40-50 km übrig. Dann muss ich aber auch sofort auf die Gesamtkilometer schauen, damit ich eine Chance habe, herauszufinden, wie weit der Sprit voraussichtlich reicht. Wer das nicht macht, hat sonst KEINE AHNUNG, wie weit der restliche Sprit noch reichen wird. Das steht da nicht. Ungeheuerlich*!

Oder noch besser: Man kommt von einer längeren Tour zu zweit zurück, hat auf dem Beifahrersitz geschlafen und nicht drauf geachtet, wann das Auto in seine Nervreserve gegangen ist. Am nächsten Morgen, gut ausgeschlafen, setzt man sich allein beschwingt ans Steuer und sieht: Oha, Nervmodus. Komm ich jetzt noch 50 km weit oder doch nur 5? ….. Das verunsichert und schränkt die freie Entscheidung erheblich ein. Ich finde es ein unheiliges* Unding von Opel (und anderen Marken?), den Fahrer auf diese Weise zwingen zu wollen, eher die nächste Tanke anzusteuern als eine, die mir besser in den Kram passt. Ich bin sauer, Opel, das gibt Abzug!

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2 Comments

  1. Kurt

    Hallo, du tust mir echt leid mit deinem „neuen“ Gefährt.
    Da lob ich mir doch meinen 20 Jahren alten Asiat, der mach wenigstens was ich will.
    aber , ich denk schon mit Schrecken daran wenn er mal in die ewigen Jagdgründe eingeht.
    Ich glaube da kommt mir ein Oldtimer ins Haus.

    Weiterhin noch viel „Spass“ mit deinem Auto

    viele Grüße Kurt

    1. Ravana

      Hallo Kurt!
      Ja, ich wünsche mir auch ein älteres Auto zurück, die zicken wenigstens nicht so :D Drücke dir die Daumen, dass deine Schüssel noch eine Weile durchhält :-)
      Liebe Grüße
      Debbie

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