Kinderklassiker „aktualisieren“..

Zu Beginn des Jahres ging durch die Nachrichten, dass klassische Kinderbücher wie „Die kleine Hexe“ von Ottfried Preußler hinsichtlich heute rassistisch erachteter Wörter neu bearbeitet werden sollen. Worte wie „Neger“ sollen gestrichen werden. Als ich das erste mal davon las, dachte ich erst leicht negativ angehaucht „mmmmmh“. Warum mir das missfiel, erkannte ich erst später. Auf Facebook schrieb Martin Sonneborn, Parteivorsitzender der PARTEI und großartiger Satiriker, dass man doch dann eigentlich auch Hitlers „Mein Kampf“ umschreiben müsse/könne, um es weniger rassistisch zu gestalten.

Besonders als Historiker muss man sich doch fragen: will man ständig überarbeitete Quellen lesen oder Originalquellen? Wörter, die früher neutral gemeint waren und heute eine rassistische Färbung haben, sollen ersetzt werden, dazu gehört neben „Neger“ auch „Schuhe wichsen“. Einerseits ist es ja verständlich, wenn man den Lesefluss sinngemäß auf heutige Ausdrucksweise anpasst… Andererseits, ändert man Schillers „Die Räuber“ ab, um Lesefluss und Verständnis zu verbessern? Auch Schiller ist nicht leicht zu lesen.
Ich find das sehr schwierig alles. Darf man nachträglich Texte verändern, damit man sie besser versteht oder es nicht zu Missverständnissen kommt? An Originaltexten herumdoktoren ist wie Umschreibung der Geschichte. Ein Frevel ohnegleichen. Als Historiker wünscht man sich, Originaltexte zu lesen, nicht Texte von Caesar, die 5x abgeschrieben und korrigiert worden sind und damit letztendlich das verfälschen, was Caesar ursprünglich meinte.

Der Struwwelpeter - Ebenfalls "rassistisch"
Alte Klassiker „entschärfen“?

Die Texte klassischer Kinderbücher zu verändern finde ich auch auf einer anderen Ebene nicht korrekt. Wo fängt man an, wo hört man auf? Mit dem Streichen von heute rassistisch geprägten Begriffen oder wandelt man gleich die gesamte Thematik um, damit das Kind überhaupt versteht, um was es geht? Welches 8jährige Kind kann denn heute noch was mit „Das Mädchen und die Schwefelhölzer“ (von Hans Christian Andersen, hier die Geschichte auf maerchen.net) anfangen? Sollte man da nicht eher vom kleinen Mädchen, das Pfandflaschen sucht, reden?

Für mich selbst waren es solche Geschichten und Märchen und ganz besonders die für uns heute fremde Welten mit Armut ohne Sozialgeld, ohne Autos, Heizung, dafür mit Königen und Pferdekutschen, die mich gefesselt haben und sicherlich ihren Teil dazu zu meinem Geschichtestudium beigetragen haben. Kann man Schwefelhölzer einfach durch Feuerzeuge ersetzen, ohne das Flair einer Geschichte zu ändern? Kann man nicht. Wenn man allerdings „Neger“ ersetzt, weil der Ausdruck heute eine andere Färbung hat als früher – somit ein zeitgemäßeres Wort, dann müsste man auch alle anderen Wörter und Inhalte ersetzen, die nicht mehr zeitgemäß sind – ergo „Schwefelhölzer“ zu „Feuerzeugen“ machen und sich irgendwie überlegen, warum es so wichtig sei, diese zu verkaufen.

Mein Vorschlag für die Kinderbücher wäre einerseits, für die Kinder in diesen Büchern Infoboxen anzubringen, von wegen „Neger sagte man zur Zeit der Entstehung des Textes, um einen Schwarzen zu bezeichnen. Das Wort ist heute nicht mehr zeitgemäß“. Oder als Elternteil den Dialog zum Kind zu suchen und ihm verstehen zu geben, dass es sich mit allen Fragen, die sich aus der Lektüre ergeben, an einen wenden könne.

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One Comment

  1. Masamune

    Finde auch das alle Geschichte im Original bleiben sollten, höchstens übersetzt… aber auch nur von Leuten die den Inhalt verstehen. Dantes göttliche Komödie ist ja übersetzt auch nur eine solche…^^
    Traurig… die Texte sollten nur von wenigen Leuten verstanden bleiben… das ließe sie besonders wirken.

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