8. Juli 1803 – Sommersprossen und die Verdauung

Viele haben sie, mal mehr, mal weniger ausgeprägt: Sommersprossen, also kleine dunklere Punkte, die sich meistens im Frühling und Sommer im Gesicht und an den Armen ausbreiten. Sie sind ungefährlich und ganz natürlich, aber zu manchen Zeiten galten sie immer mal wieder als Makel, der verschwinden zu lassen sei.

Auf Wikipedia ist nachzulesen, dass sie bei manchen Menschen mit empfindlicher und meistens helleren Haut in der wärmeren, sonnenverwöhnten Jahreszeit erscheinen. Das Sonnenlicht regt bestimmte Pigmentzellen dazu an, eine dunklere Pigmentierung kleiner Hautareale zu produzieren. Werden die Sonnenstrahlen im Herbst wieder spärlicher, verlieren Sommersprossen meistens ihre Ausprägung oder verschwinden ganz.

Das alles wussten sie aber im Jahre 1803 noch nicht, als unser heutiger Artikel am 8. Juli im Gothaer „Kaiserlich privilegirter Reichs-Anzeiger“ erschien.

Es handelt sich um die Antwort auf eine Leserfrage, die sechs Tage zuvor eingegangen war: Wie nämlich Sommersprossen „auf unschädliche Weise zu vertreiben“ seien.

Verdauungsprobleme verursachen Sommersprossen…?

Zunächst gibt es aber noch Informationen zur Entstehung von Sommersprossen, die sich ein wenig von den heute bekannten Infos dazu unterscheiden :D „Die Alten“ hätten jedenfalls gewusst, dass Menschen mit Sommersprossen häufig auch an Rheuma oder Verstopfung litten.

Da sieht man dann einen Kausalzusammenhang: Weil die Verdauung nicht richtig funktioniert, gelangen falsch zersetzte Nahrungs-Inhaltstoffe in die Blutbahn, werden dann aber über Lunge und Haut wieder ausgedünstet und scheinen sich in Gas zu verwandeln, was dann durch Sonnenlicht oder Wärme diese dunklen Flecken verursacht.

Da haben sie zwar schon die richtige Lösung mit dem Sonnenlicht erkannt, aber wie „die Alten“ auf den Umweg mit der Verdauung kamen, bleibt mir ziemlich rätselhaft :D

Jedenfalls sollen verdauungsfördernde Mittel auch gleich die Sommersprossen mitverschwinden lassen.

Was hilft denn nun gegen Sommersprossen im Jahre 1803?

Wer genau dann die Leserfrage beantwortete, bleibt auch unklar. Offenbar waren es zwei Autoren, da auch zwei Antworten angeführt werden. Es gibt jedenfalls zwei Antworten, die unterschiedliche Lösungen zur Auftragung auf die Haut vorschlagen, die auch heute noch so oder ähnlich „Hausmittel“ gegen Sonnensprossen kursieren, wie ich eben nachgelesen habe:

Ein Brei aus zerquetschten unreifen Johannisbeeren mit Schwefelmilch (letzteres ist wohl ein Mittel, das in der Homöopathie zu lockeren 75 € pro 100 g erhältlich ist…. -.- Ich verlinke das hier nicht, weil ich Homöopathie für Scharlatanerei halte >_>). Heute reduziert man dieses Rezept jedenfalls auf Johannisbeer- oder Zitronensaft (bspw. hier erwähnt). Wer hat schon unreife Johannisbeeren oder das Geld für die obskure Schwefelmilch? ^^

Die zweite Antwort berichtet von einer alten Bauersfrau, die einem Betroffenen Sonnentau, eine fleischfressende Pflanze, mitbrachte. Einige Male damit eingerieben und der Jüngling war seither von Sommersprossen geheilt. Sonnentau gilt als Heilpflanze und wurde offenbar tatsächlich lange als Mittel gegen Sommersprossen verwendet.

Ich würde allerdings nicht viel drauf wetten, dass eins der beiden Mittel wirklich hilft – und finde sowieso, dass man die Sommersprossen lieber da lassen sollte, wo sie hingehören!

Aber nun überlassen wir dem historischen Beitrag selbst das Wort, viel Spaß :D

Gesundheitsstunde.
Antworten auf die Anfrage im R. A. (Reichs-Anzeiger) Nr. 111 wie sind die Sommersprossen auf unschädliche Weise zu vertreiben?

1) Sommersprossen entstehen oder vermehren sich, wenn man sich häufig der Sonne aussetzt. Man findet sie aber am meisten bei blonden Personen, die eine zarte Haut und reizbare Constitution haben, und welche in der Sonne leicht heftig schwitzen.

Die Alten suchten die Ursache derselben in einer inneren Schärfe, weil hauptsächlich Personen damit befallen werden, die entweder rheumatische Schärfe oder Verstopfung in den Eingeweiden des Unterleibes haben; allein der Begriff von Schärfe ist zu relativ, um darauf eine Theorie der Sommersprossen zu bauen; und da ein häufiges Schwitzen in der Sonne die Entstehung der Sommersprossen begünstigt, so kann die nämliche Anlage, nämlich das häufige und leichte Schwitzen, auch Gelegenheit zu rheumatischen Übeln geben, weil die erhitzte und vom Schweiß erweichte Haut einer Erkältung leicht unterworfen ist.

Daher trifft man Sommersprossen und Rheumatismen in einer und derselben Person so oft beisammen, ohne dass das erstere von letzterem anders als in der Gelegenheit zur Entstehung abhinge. [= beides hat bis auf die Ursache nichts miteinander zu tun]

Die Verstopfung der Eingeweide des Unterleibes als Ursache der Sommersprossen scheint etwas mehr für sich zu haben; aber ich verstehe hierunter nicht die kämpft’schen Infarctus [ich habe nichts dazu gefunden, was das ist], und will keinen, der mit Sommersprossen behaftet ist, zur kämpft’schen Obstruktionskur [bei der Suche nach „kämpft’sche“ trifft man auf Klystier, dazu passt thematisch dann dieser Beitrag zu Verstopfung] in extenso hierdurch verleiten, sondern eine nicht ganz fehlerfreie Verdauung, denn man findet, dass dergleichen Personen oft an Indigestion leiden; sie sind mit Ructus, mit Sodbrennen geplagt.

Bei schlechter Verdauung werden die Speisen nicht gehörig zersetzt, die in denselben enthaltenen Zutaten nicht gehörig getrennt und verbunden, und so gehen einige derselben durch die einsaugenden Gefäße ins Blut über, die sich zwar durch die Lungen und die Ausdünstung der Haut wieder aussondern, allein bei vermehrter Zirkulation des Bluts geschieht dieses häufiger und einigermaßen pervers; hier scheinen sich nun Gasarten zu entwickeln, welche mit dem Licht oder Wärmestoff der Sonne eine die Haut färbende Eigenschaft erhalten, und bei besonderer Disposition Sommersprossen bilden.

Eine gute Diät, einige stärkende Visceral-Mittel [also die Verdauung anregende Mittel] und gehörige Kultur der Haut, werden daher auf jeden Fall wohl bekommen.

Äußerlich habe ich einigemal folgendes hülfreich gefunden.

– Man nimmt Johannisbeeren (Ribes rubrum), ehe sie ganz reif werden, wenn sie kaum anfangen sich zu röten, zerdrückt sie und presst einigen Saft daraus, sodann nimmt man Schwefelmilch (Lac sulphuris) ungefähr einen Teelöffel voll und mischt beides mit dem Saft zu einem dünnen Brei; hiermit wird das Gesicht abends beim Schlafengehen bestrichen und des Morgens beim Erwachen mit laulicher [= „ein wenig lau“, also lauwarmer] Milch wieder abgewaschen. Dieses setzt man etwa 8 Tage lang fort.
Die Säure der Johannisbeeren schadet der Haut nicht, weil sie durch die Schwefelmilch gesättigt wird. D. St. [Kürzel des Autors/Arztes?]

2) Die Anfrage veranlasst mich zu dem Wunsche, dass das Mittel, welches dem Einsender geholfen hat, allgemeiner bekannt werden möge.

Derselbe war nämlich mit diesem Übel in seinen angehenden Jünglings-Jahren so sehr behaftet, dass es endlich einer alten Bauersfrau, die bei seiner Mutter aus- und einging, auffiel; sie brachte ihm daher eines Tages des Morgens in einem Töpfchen einige kleine Pflanzen, Sonnentau genannt, und riet ihm, das Gesicht an den mit Sommersprossen befleckten Orten mit diesen Pflanzen alle Morgen zu waschen oder zu reiben, und die Folge davon war: gänzliches Verschwinden dieser Sommersprossen, deren vorher eine auffallende Menge vorhanden war, ohne dass dabei ein innerliches Mittel gebraucht worden, oder sich solche nach der Zeit, obschon Einsender nun 20 Jahre länger gelebt hat, sich wieder eingefunden hätten.

Kaiserlich privilegirter Reichs-Anzeiger am 8. Juli 1803, S. 1f, Quelle
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