6. März 1844 – Rottet diese nervigen Rehe aus!

Da überfliegt man nichtsahnend einen 177 Jahre alten Zeitungsartikel und stolpert dann über den Aufruf, Wildtiere, die der Landwirtschaft schaden, jederzeit zu jagen, auch wenn sie dann aussterben. Etwas schockiert lese ich weiter. Das Mammut sei ja auch schon lange ausgestorben, und geschadet hätte das niemandem. Wenn man das auch mit Hirschen, Wölfen, Rehen, Hasen und Bibern schaffen würde, dann würden die Felder besser blühen. Immerhin gäbe es glücklicherweise schon kaum noch Wölfe und Bären.

Okay, dieser Artikel ist es durchaus wert, mal genauer gelesen zu werden! Ich hab ihn komplett transkribiert, ihr seht ihn unten. Der ungenannte Autor führt auch Argumente an, die gewissermaßen logisch sind, aber derartig Mensch-egozentrisch wirken, dass ich irgendwie verstehen kann, warum der Planet aussieht, wie er jetzt aussieht.

Seite 1 des Artikels
Seite 1 des Artikels im „Allgemeiner Anzeiger und Nationalzeitung der Deutschen“ vom 6. März 1844

Der Artikel dreht sich grundsätzlich um die gesetzliche Einhaltung von Schonzeiten für Wildtiere, also Rehe, Hirsche, Hasen usw. Sie dürfen zu bestimmten Zeiten nicht gejagt werden. Und der Autor ist gegen die Einhaltung dieser Schonzeit. Wer vielleicht zuerst daran denkt, dass die Schonzeit wie heute zum Schutz und Erhalt der Tiere dienen mag, der wird eines Besseren belehrt. Es geht zumindest in diesem Artikel ganz und gar nicht um den Tierschutz, sondern um die Jagd. Jungtiere müssen geschont werden, damit Jäger auch in kommenden Jahren noch genügend Beute bekommen.

Ok, dann wird der Autor also ein Jäger sein, der gerne mehr jagen möchte, könnte man meinen. Aber nein, im Gegenteil! Die Jagd sei ein mörderisches, perverses Vergnügen, das am besten ganz abgeschafft gehört. Die Schonzeit müsse weg, damit die Tiere nicht die „Äcker plündern“. Es geht hier also um einen Konflikt zwischen Jägern, die FÜR die Schonzeit sind, und Landwirte, die DAGEGEN sind, damit Tiere stärker bejagt werden können.

Der Autor führt an, dass die Enkel der jetzigen Generation später rätseln müssten, warum heute, in den fortgeschrittlichen, aufgeklärten Zeiten Mitte des 19. Jahrhunderts, noch Wildtiere geschont werden würden. Schließlich sei der Mensch schon längst nicht mehr auf die Jagd angewiesen, stattdessen lebe man heute vom Ackerbau, dem wichtigsten Wirtschaftszweig überhaupt. Also müsse man alles darauf ausrichten, die Feldwirtschaft weiter zu fördern und Schädlinge wie Rehe, Hasen usw. sollten am besten direkt ausgerottet werden.

Klar, mir ist bewusst, dass Rehe wirklich sehr schädlich sind. Aber wir leben heute in einer Zeit, in der wir uns über Rehe in den Wäldern freuen, in der Wölfe unter strengem Schutz stehen und versucht wird, sie wieder in die Wälder auszusiedeln, da wirkt das schon atemberaubend gnadenlos.

Im Zentrum steht selbstverständlich der Mensch und seine Interessen. Artenschutz gibt es 1844 offenbar noch nicht, dem wirtschaftlichen Gewinn und natürlich auch der Nahrungssicherung durch Ackerbau muss alles untergeordnet werden. Wildtiere werden also als Schädlinge betrachtet, die möglichst ganz ausgerottet gehören. Klar, damals wusste man vermutlich auch noch nicht, dass jede Art auf ihre Weise für die Balance des gesamten Ökosystems von Bedeutung ist.

Im Biounterricht hab ich das mal sehr anschaulich gelernt :D Gibt es zu viele Raubtiere, werden die Beutetiere knapp, dadurch sterben auch wieder Raubtiere, weil die Nahrung fehlt. Durch weniger Raubtiere kann sich der Bestand der Beutetiere auch wieder erholen, wodurch auch die Raubtiere wieder zunehmen können. Es ist ein sich selbst erhaltendes Gleichgewicht. Würde man aus diesem Gleichgewicht nun alle Rehe, Hirsche, Wölfe und Hasen rausnehmen – was würde dann passieren? Ich weiß es nicht, ein Biologe könnte bestimmt erklären, dass sich dann Vogelart X derartig ausbreiten würde, dass sie die Bäume und damit dem Wald und damit womöglich der Holzwirtschaft, später sicher auch der Landwirtschaft empfindlich schaden würde.

Die Selbstverständlichkeit, mit der der Autor fordert, dass Tierarten einfach ausgerottet werden sollten, erstaunt mich. Da bin ich froh, dass wir heutzutage zumindest ein grundlegendes Interesse an Artenschutz haben. Auch wenn heute durch rücksichtsloses Roden und Ackerbau täglich 150 Tier- und Pflanzenarten aussterben, herrscht doch größtenteils Einigung darüber, dass das traurig ist (natürlich wird es nicht verhindert, bzw. kann nicht einfach verhindert werden).

Wenn ich heute derartig fassungslos auf solche Forderungen schaue, dann frage ich mich, was man in rund 200 Jahren von uns denken wird. Mir drängt sich die Massentierhaltung auf – ich hoffe, dass das irgendwann nicht mehr nötig sein wird, oder so verpönt, dass sie abgeschafft wird.

Jagdschonung.
In unseren Tagen bestehen, trotz dem viel und weit gerühmten Lichte unseres Jahrhunderts, noch manche Zustände, welche unseren Enkeln später wie Rätsel vorschweben werden, welche diese schwerlich mit der bereits von uns erstrebten Stufe der Aufklärung und Ausbildung werden reimen können. Unter anderem gehört dahin die Schonung des Wildes, welche fast in allen europäischen Ländern noch gesetzlich feststeht, ohne Untersuchung, ob die Schonung eben dem Lande von Nutzen, oder ob sie demselben umgekehrt zum größten Schaden gereicht.

Bei der Schonung des Wildes kann man von einer doppelten Ansicht ausgehen, indem man entweder Rücksicht auf die Paarzeit der zu jagenden Tiere annimmt, auf deren höchste Güte für den Hausbedarf [d. h. dass Tiere geschont werden, um den Bestand für die Jagd zu erhalten], oder indem man die Felder berücksichtigt, auf welchen die Jagd ausgeübt wird.

In dem heutigen Europa, wo der Ackerbau seine Herrschaft durchaus begründet hat und nur stellenweise von dem Gewerbfleiße überboten wird [d. h. dass die Feldwirtschaft (fast) der wichtigste Einkommenszweig ist], wo die früheren Bildungsstufen, die des unsteten Hirten, wie des Jägers, längst in nebelhafter Ferne verschwunden sind [d. h. dass wir eben nun mal jetzt schon lange sesshaft sind und nicht mehr jagen müssen], müsste es befremden, wenn nichts desto weniger eine Schonung eingeführt würde, die der Jägerzeit, der ältesten Bildungsstufe, entspräche [d. h. Jagen ist völlig veraltet und sollte keine Lobby bekommen]. Schwerlich wird wohl eine Flur, ein Gebiet zu finden sein, auf welchem der Ertrag des Landbaues nicht alles Übrige überträfe, worauf der Jagdgewinn nur eine kleine Zugabe bildet, ja oft nur ein rein eingebildeter Nutzen bleibt.

Beschämend wäre es daher, sich gestehen zu müssen, dass die Jagdrücksicht der Landbaurücksicht vorgezogen würde [d. h. Feldwirtschaft hat immer Vorrang]. Nach der Landbaurücksicht sollten aber Tiere, welche der Landwirtschaft schädlich sind, besonders in Ländern, wo die Jagd mit dem Grundbesitze verknüpft ist, keine Schonungszeit erhalten, stets verfolgt werden dürfen, selbst auf die Gefahr hin, dass sie ganz aussterben.

Ist doch der Mammut auf der ganzen bekannten Erde ausgestorben, ohne dass der Welt ein bekannter Schaden dadurch erwachsen; ist der Ur, ist das Wisent in unserem Deutschland ausgerottet, ohne dass es dadurch unwohnlicher geworden; sind doch die Eber, die Hirsche, die Wölfe und Bären in vielen Gefilden gänzlich verschwunden, und zum Gemeinbesten verschwunden.

Gesetzt, Rehe, Hasen und Füchse würden in den Gefilden der Flussgebiete gänzlich ausgerottet werden, welcher Schaden würde daraus erwachsen? Wohl kein größerer, als der, dass der Biber auch darin gänzlich ausgerottet werden. Feld und Flur würden schöner blühen, reichere Erträge abwerfen, ein rohes, barbarisches Vergnügen eingehen, ein wanderndes Metzgergewerbe aus Mangel an Schlachtopfern nicht fortbestehen können [d. h. die rohen Jäger hätten nichts mehr zu jagen]. *)

– „Die Tafeln der Reichen und Mächtigen würden aber dadurch große Leckerbissen entbehren!“ – Wohl nicht ganz, indem der erhöhte Preis Forstbesitzer bewegen dürfte, auf ihrem Eigentume, das sich zur Hegung eignet, für jene Tierarten alsdann sich lohnende Wildhegungen anzulegen, aus denen dem Nachbar kein Schaden erwachsen könnte. Das Gewild würde nach der Art der Haustiere gezogen, vielleicht Haustiere werden.

Wollte man aber bei der Hegung des Wildes den Nutzen der Tiere berücksichtigen, so dürften unsere Jagdgesetze künftig ganz andere Wendungen erhalten. Dem Jagdeigentümer, oder aber dem Grundbesitzer würde dann frei stehen, beinahe sämtliches Gewild, dem jetzt in manchen Staaten noch mehr Sorgfalt angedeiht, als den Menschen [d. h. Wildtiere haben es in manchen Staaten besser als Menschen! ^^], wo man es immer treffen möge, zu jeder Zeit zu erlegen, auszurotten.

Dafür würde aber ein Schonungs- und Hegungsgesetz sich über eine große Zahl von teils herrenlosen, teils nützlichen Geschöpfen erstrecken, welche jetzt noch jederzeit von jedem bösen Buben gefangen und ausgerottet werden dürfen. Statt der Hirsche, Hasen und Rehe, der Füchse, welche Flur und Gehöft des Landmannes plündern, würde alsdann die Eule geschützt, welche die Flur von Mäusen säubert, würden unzählige Vogelegschlechter gehegt, welche dem Landmanne ihre Sieder singe, welche Garten-, Feld- und Obstpflanzungen von schädlichem Kerbtierungeziefer reinigen.

Nach solchen vernunft- und zeitgemäßen Gesetzen würde die Jagd die ursprüngliche schöne Ansicht bieten, würde sie der Vertilgung des Schädlichen, die Hegung des Nützlichen und Friedsamen bezwecken, wo sie jetzt nur ein Schonen, ein Aufsparen zu blutigerem Morde, ein rohes, des Menschen unwürdiges Vergnügen gewährt, welches durch seinen Gedanken der Zweckmäßigkeit, des Nutzens gehoben wird [d. h. Jäger sollen jegliches Wild jagen und ausrotten dürfen, während andere, „nützliche“ Tiere geschont werden müssen].
Möge die bessere Ansicht bald allgemein die Oberhand gewinnen.
Aus dem Passauischen.

Allgemeiner Anzeiger und Nationalzeitung der Deutschen am 6. März 1844, S. 1+2, Quelle

Dass der Autor nicht viel mit dem Jagen anfangen kann, geht weiter aus seiner Fußnote heraus:

*) Vielleicht steht die Jagd, vom moralischen Gesichtspunkte betrachtet, tief unter dem Metzgergewerbe. Der Metzger huldigt durch sein Töten der Notwendigkeit, treibt sein Gewerbe bloß von der Notwendigkeit halber, ohne Lust an dem Blute der Tiere, wohingegen der Jäger schont, um später nur desto mehr morden zu können, bloß tötet, um seine Lust zu befriedigen. Über ihn erhaben steht freilich der Jäger der Urwelt, welcher nur tötete, um zu leben, um die Flur vom rohen Gewilde zu befreien, dem Ackerbaue die Scholle zu erobern [d. h. er hat gejagt, um sich zu ernähren, aber auch, um Platz für Ackerbau zu schaffen >_>]

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