3. Juli 1881 – Über die Vorteile von Fernsprechern in Berlin

Der heutige Zeitungsbericht erzählt von der zunehmenden Verbreitung von Fernsprechanlagen (neudeutsch: Telefonanschlüssen :D) in Berlin. Ich finde ihn richtig interessant: Er zeigt nicht nur auf, wie viele Telefonanschlüsse es Anfang Juli 1881 schon gab (rund 300) und dass es zahlreiche weitere Bestellungen gibt, sondern es gibt noch weitere Einblicke.

Wir erfahren hier etwa, dass Hausbesitzer zunächst Vorbehalte dagegen hatten, dass Telefonleitungen über ihre Dächer verlegt werden. Durch schwere Gewitter hatte sich aber gezeigt, dass die mit aufgebauten Blitzableiter das Haus sogar sicherer machten.

Der Autor rechnet dann anhand der registrierten Gespräche/Verbindungen vor, wie viele Drahtkilometer die Gespräche zurücklegen. Es gab sowohl Direktanschlüsse von Haus zu Haus, als auch indirekte Anschlüsse (also wohl mit einer Vermittlung dazwischen), und das alles läuft über Leitungen, deren Länge bekannt waren.

Um die Vorteile von Telefonverbindungen aufzuzeigen, führt der Autor seine Rechnerei noch weiter und setzt diese zurückgelegten Drahtstrecken mit realen Straßenentfernungen gleich. Demnach fielen also durch diese Verbindungen entsprechend viele Botengänge weg. (Ich weiß nicht, wie und wo die Leitungen verliefen, also ob entlang der Straßen oder, wie angedeutet, teilweise direkt über die Dächer hinweg – aber sein Punkt ist klar ^^)

Wer schließlich telefonisch mit der zu erreichenden Person spricht, braucht keinen Boten mehr hinzuschicken. Dadurch gäbe es eine tägliche Zeitersparnis von 600 Stunden … und bald 100 arbeitslose Boten :D

Kommt mir bekannt vor: Die Digitalisierung nimmt schließlich auch jede Menge Arbeitsplätze weg. Tja, der Fortschritt ist nicht aufzuhalten!

Der Bericht schließt dann mit Begeisterung darüber, wie groß die Zeitersparnis ist, und wie viel besser die Kommunikation funktioniert, wenn durch die Boten keine Missverständnisse durch Falschverstehen der Nachricht oder krakelige schriftliche Notiz mehr entstehen.

Interessant finde ich, wie schnell das Telefon beim Endkunden angekommen war. Erst fünf Jahre zuvor, 1876, hatte Graham Bell sein Telefonpatent angemeldet. Allerdings hatten zu dem Zeitpunkt weitere Erfinder an ähnlichen Apparaten gearbeitet und Bell hat wohl auch bei seinen Konkurrenten abgeschaut, aber letztlich vergingen nur wenige Jahre zwischen der patentierten elektrischen Sprachübertragung, bis sie schon in zivilem Einsatz waren.

Die Vorteile von Fernsprechanlagen sind ja auch nicht von der Hand zu weisen und stellten eine wahre Revolution dar :D

Der Artikel macht auch noch mal bewusst, dass heutzutage das „Wunder“ des Telefonierens kaum jemanden vom Hocker haut. Wählen, sprechen, auflegen, wenig dafür bezahlen – so einfach ist das. Eine gefühlt abstrakte Dienstleistung, die einfach so funktioniert. Wenn man sich aber bewusst macht, wie viel realer Draht für Festnetztelefonie verlegt wurden, und dass man nur über die Eingabe von ein paar Zahlen ganz gezielt einen Menschen unter Milliarden anderen erreichen kann, ist das schon faszinierend!

Norrdeutsche allgemeine Zeitung am 3. Juli 1881, S. 2, Quelle

Aus Berlin.
Lokales. (D i e B e r l i n e r F e r n s p r e c h – E i n r i c h t u n g) so schreibt die „Verl.-Ztg.“, entwickelt sich in erfreulicher Weise. Eine regere Beteiligung des Publikums tritt mehr und mehr ein und die Bedenken der Häuserbesitzer gegen Führung der Drahtleitungen über die Dächer ihrer Häuser sind im Abnehmen.

Die starken Gewitter, die sich in voriger Woche über Berlin entluden und ohne die geringste Einwirkung auf die Drähte und Eisenständer, wie auf die gesamte Anlage blieben, haben manchen Zweifler belehrt, und statt der Besorgnis wegen angeblicher Blitzgefahr die von anderer Seite längst vertretene Ansicht bestärkt, dass die mit kräftigen Blitzableitungen zur Erde ausgestatteten Fernsprechanlagen viel mehr eine gegen den Blitz schützende Wirkung haben, als etwa gefahrbringend sind.

In Berlin sind jetzt angemeldet 181 Anschlussstellen und außerdem 117 Stellen in direkten Leitungen. Im Betriebe sind 119 bezw. 80 [?] Stellen; der der Eröffnung noch harrende Rest entfällt größtenteils auf Anmeldungen der beiden letzten Monate. Die Anlage enthält bis jetzt 418 Holz- und 671 eiserne Stangen, etwa 8000 Isolatoren und 567 km. Drähte.

Die Benutzung der 119 Anschlüsse (von den direkten Verbindungen ist sie unbekannt) ist eine sehr ausgedehnte, sie beläuft sich wenigstens auf 400 Verbindungen täglich; am 27. Juni wurden z. B. 477 Verbindungen ausgeführt. Welche Leistung hierin enthalten ist, wird leicht [********* – unlesbar, über**ben?]. Rechnet man jede verbundene Leitung im Durchschnitt nur 1[*, die zweite Ziffer ist unlesbar] km lang (es sind deren bis 13 km. Länge vorhanden), so werden durch 400 Verbindungen 2 x 1200 = 2400 km. Botengänge (hin und zurück) erspart [Dieses Rechenbeispiel geht nur auf, wenn man 400 x 3 km = 1200 km annimmt]. Nimmt man die Tagesleistung eines Boten auf 24 km. an, so wird demnach die Dienstleistung von 100 Boten entbehrlich, welche indessen auf den ganzen Tag verteilt werden müsste, während der Haupt-Fernsprechverkehr auf die Stunden von 9 bis 2 Uhr fällt.

Die Hauptsache bleibt aber für die Teilnehmer die Zeitersparnis. Diese beträgt für die 2400 km. täglich (bei rund 15 Minuten Zeitaufwand für 1 km.) 600 Stunden! Von welchem Vorteil es außerdem ist, im unmittelbaren mündlichen Verkehre die bei Bestellungen durch Andere und bei flüchtigen Notizen sonst vorkommenden Irrtümer und Missverständnisse vermeiden zu können, kann nur der Beteiligte im ganzen Umfang ermessen.


Anmerkungen, die ich selbst in den Text eingefügt habe, befinden sich innerhalb von eckigen Klammern: [meine Anmerkung]. Sternchen (*, Asteriske) zählen hier als Auslassungszeichen und bedeuten, dass ich Teile des des Textes nicht entziffern/erkennen konnte. Die Anzahl der Sternchen stehen möglichst für die Anzahl der ausgelassenen Zeichen.

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