28. Juni 1857 – Frauenzeug gehört in ein Museum!

Das Schmökern in alten Zeiten hat gute Chancen, mein neues Hobby zu werden :D Besser als Twitter und Instagram zusammen!

Heute nur ein kleiner Ausschnitt, über den ich in der „Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen“ vom 28. Juni 1857 (wie heute ein Sonntag :D) gestolpert bin.

Auf S. 9 findet sich unter der Rubrik „Wissenschaftlices und Kunst-Notizen“ eine Zusammenfassung der „öffentlichen Sitzung des hiesigen Hülfevereins für das Germanische Museum in Nürnberg“, das am 20. Juni 1857 in Berlin stattgefunden hatte.

In einer Passage geht es darum, dass man sich vorstellen könnte, im genannten Museum eine Abteilung über die „Geschichte des Frauenlebens“ einzurichten:

Aus der Vossischen Zeitung (Berlin), 28.06.1857, S. 9. Quelle

Es wird ferner die ebenfalls schon früher berührte Frage wegen „Betheiligung der Frauen an den Zwecken des germanischen Museums“ in nähere Erwägung gezogen, und zwar derart, dass unter den Abtheilungen des Museums ein besonderes „Frauengemach“ eingerichtet werde, d. h. eine Lokalität, in welcher alle die Geschichte des Frauenlebens betreffenden Gegenstände, als Kleidung, Gegenstände des häuslichen Gebrauchs, Schmucksachen etc. zusammengestellt würden, und zwar aus denjenigen Mitteln, welche durch etwaige Sammlungen eines zu diesem Zweck zu bildenden Vereins von Frauen beschafft würden.

Transkribiert von mir

Ich finde das auf verschiedenen Ebenen so niedlich. Kleidung, Hauskram und Schmuck als typische Exponate, wenn es um Frauen geht. Eine Abteilung über das, was Frauen so machen – könnten die Herren nicht ihre Gattinnen dazu befragen?

Aber klar, es geht ja um die Geschichte des Frauenlebens, vielleicht denken sie da speziell an eine historische Sammlung von Gegenständen, also … Spinnräder aus dem Mittelalter und Mode aus früheren Zeiten. Von daher – keine voreiligen Schlüsse über eine nur vielleicht machohafte Idee. Das hätte ja durchaus seine Berechtigung. Es liest sich hier nur so herablassend :D Daher das Nachfolgende bitte mit einem Augenzwinkern versehen verstehen.

Ich bin mir nicht ganz im Klaren darüber, ob der zu gründende Verein zur Beschaffung aus Frauen bestehen soll, die selbstständig die Kuratierung der Exponate übernehmen sollen: „Verein von Frauen“, also ein Verein aus Frauen. Oder ist es ein männlicher Verein, der „von Frauen“ die Gegenstände beschafft?

Beides erscheint mir, heute, aus meiner Sicht, irgendwie absurd. Wenn es ein Männerverein sein soll, habe ich vor Augen, wie der gelehrte und kulturell engagierte Dr. Hittich, praktischer Arzt, abends bei Tisch mit seiner werten Ehefrau spricht. „Ich bin nun Gründungsmitglied eines Vereins, der sich mit der Geschichte des Frauenlebens befasst. Stell dir nur vor, Wilhelmine. Zwar hat das weibliche Geschlecht keinerlei Anteil an den bedeutenden Entdeckungen der Welt, aber dennoch verdient das Leben der Frauen ein näheres Studium. Was machst du eigentlich den ganzen Tag, meine Liebe?“

Oder laufen die Herren mit Gehstock und Zylinder etwa in den ärmeren Vierteln herum, klopfen an Türen und fragen bei der einfachen Bevölkerung nach, während sie sich wegen des strengen Geruchs diskret ein Taschentuch vor die Nase halten?

Aber auch wenn es ein Frauenverein sein sollte, habe ich ein lebhaftes Bild vor Augen, wie die Beschaffung vonstatten gehen könnte. Die Damen des neu gegründeten Vereins, sicherlich alles Gattinnen von angesehenen Geheimräten, Advokaten und preußischen Offizieren, setzen sich bei Tee und Kuchen im Salon zusammen. „Ach, Frau von Rothenstein, das sind aber entzückende Vorhänge. Stammt der Stoff aus Übersee?“ – „Aber ja, Frau von Oberklausen-Kniebitz. Ich werde gleich nach Elsa klingeln lassen, unsere oberste Bedienstete, sie wird uns einige Gegenstände aus der Küche für jenes bayerische Museum präsentieren. Ein bezauberndes junges Mädchen. Noch ein Gebäck?“

So oder so – ich bin amüsiert und freue mich über dieses Zeitungsjuwel aus dem 19. Jahrhundert :D

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