28. Januar 1886 – Der geprellte Zar und sein Schneider

Lange hab ich nicht mehr in die historischen Zeitungen geschaut, aber heute hab ich mir mal wieder ein Herz gefasst und den Rosenheimer Anzeiger vom 28.01.1886 aufgeschlagen. Darin findet sich eine kuriose Geschichte aus Russland, die des Kaisers neue Kleider betrifft.

(Der Zar und sein Schneider), so wird am 20. des Monats aus St. Petersburg [Residenz des Zaren] geschrieben, so könnte man eine kleine Geschichte betiteln, die hier seit einiger Zeit kursiert und obendrein den Vorzug hat, wahr zu sein. Die Sache ist folgende.

Der Kaiser hat sich vor einiger Zeit ein paar neue Paradehosen bestellt, bei einem in der Großen Moßkoi [?] wohnenden Hoftailleur, einem Italiener, namens T-i, dessen Geschäft zu den größten der Residenz [also St. Petersburg] gehört.

Bekanntlich ist der Zar sehr sparsam und kontrolliert nicht zum wenigsten seine eigenen Ausgaben. So fordert er sich auch die Rechnung für die Unaussprechlichen und findet eine in der Tat ganz exorbitante Summe für dieselben angesetzt.

Sofort lässt er seinen Adjutanten rufen und erkundigt sich bei diesem, was er demselben Tailleur für das gleiche Kleidungsstück zahlt. Der Preis ist erheblich niedriger. Der Zar ist entrüstet, schickt den Adjutanten zum Schneider und lässt diesem befehlen, von seinem Magazine augenblicklich den kaiserlichen Adler herunterzunehmen [… eine Marketing-Katastrophe!].

Der törichte Italiener, der vielleicht alles wieder gut gemacht hätte, würde er für seine Prellerei um Entschuldigung gebeten haben, richtete, vermutlich durch einen guten Freund übel beraten, eine Beschwerde an das Hofministerium, in welcher er die Kompetenz des Zaren, ihm den Adler zu nehmen, anzufechten suchte, da er nicht vom jetzigen, sondern vom verstorbenen Kaiser das Hoflieferantenschild erhalten habe.

Die Folge davon war ein Ausweisungsbefehl, der vollstreckt wird, sobald der jetzt erkrankte Mann wiederhergestellt ist.

Rosenheimer Anzeiger, Tagblatt für Stadt und Land am 28. Januar 1886, S. 3, Quelle

Witzig finde ich dabei, dass der Schneider den Zar bzw. den Zarenhof versucht zu betrügen. Und, dass der Zar höchstpersönlich die Rechnungen und Kosten für seine Paradehosen überprüft. Und dann, dass die Geschichte danach sofort eskaliert. Scheinbar wird nicht miteinander gesprochen, sondern der kaiserliche Adler am Geschäft des Schneiders wird aberkannt und der Schneider beschwert sich beim Ministerium, was den Zaren weiter anstichelt. Und dann wird der italienische Schneider einfach des Landes verwiesen.

Was wäre ihm wohl passiert, wäre er kein Italiener? Eine Monarchie ist eben kein Ponyhof, hier kann der Herrscher einfach selbst die Strafe bestimmen. Wäre ein normaler Bürger geprellt worden, hätte man das sicher klären können: „Ups, da ist mir beim Schreiben der Rechnung leider ein Fehler unterlaufen“, oder die Gerichte hätten sich darum gekümmert.

Und die Moral von der Geschicht: Ärgere deinen Monarchen nicht!


Zum Abschluss noch eine kleine Randnotiz zu den Arbeitszeiten der Arbeiter.

München, 26. Januar. (Zur Verkürzung der Arbeitszeit.) Unter dieser Spitzmarke berichtet ein hiesiger Lokalreporter: „In hiesigen Arbeiterkreisen ist der Gedanke angeregt worden, einen allgemeinen Arbeiterverein ins Leben zu rufen, dessen Aufgabe darin bestände, Propaganda für kürzere Arbeitszeit zu machen.“ Was das wohl für „Arbeiterkreise sein müssen?

Rosenheimer Anzeiger, Tagblatt für Stadt und Land am 28. Januar 1886, S. 2, Quelle

Die Nachricht wäre nur eine einfache Nachricht über die angeregte Gründung eines Arbeitervereins – stünde nicht am Ende nicht noch die leicht naserümpfend anklingende Frage, welche „Arbeiterkreise“ das wohl sein mögen.

Auf Wikipedia ist zu lesen, dass zwar bereits 1866 unter anderem Friedrich Engels und Karl Marx den Acht-Stunden-Tag gefordert hatten, doch die Umsetzung zog sich noch lange hin. So forderten Sozialdemokraten noch 1885 den bis dahin üblichen Zehn-Stunden-Tag, während bereits 1884 erste Vorreiter-Unternehmen den Acht-Stunden-Tag eingeführt hatten. Erst 1918 wurde der Acht-Stunden-Tag gesetzlich vorgeschrieben.

Die Arbeiterkreise, Tümmelplatz von arbeitsfaulen Redenschwingern, pah! ^^

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2 Comments

    1. Lucyda

      Hey Buster :D
      Ja, da gab es so einiges, früher gab es ja auch noch nicht so neumodische Sachen wie Arbeitsschutz oder so. Da liest man dann so Sachen wie dass ein Arbeiter am Hafen irgendwie einen Kran auf den Kopf bekommen hat, leblos am Boden lag und stark blutete. Er bekam aber immerhin den Rest des Tages frei und wurde nach Hause gebracht. :D

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