24. Juli 1895 – Brotterode komplett niedergebrannt

Die heutige Nachricht fand ich fast schon versteckt auf S. 4, also im hinteren Teil der Zeitung, umgeben von Werbeanzeigen :D Aber ich bin froh, dass ich drüber gestolpert bin, denn es geht um einen Spendenaufruf wegen eines tragischen Unglücks. Am 10. Juli, also zwei Wochen vor diesem Aufrauf, war der gesamte kleine Ort Brotterode in Thüringen innerhalb kürzester Zeit mitten am Tag bis auf die Grundmauern niedergebrannt.

Lest selbst!

Allgemeine Zeitung
Allgemeine Zeitung (München) am 24. Juli 1895, S. 4, Quelle

Aufruf zur Unterstützung der durch das Brandunglück vom 10. Juli d. J. schwer heimgesuchten Einwohner von Brotterode.

Ein erschütterndes Unglück hat die arbeitsame Bevölkerung des Ortes Brotterode in Thüringen betroffen! Vor wenigen Tagen noch bot der Ort ein Bild stillen, emsigen Schaffens und friedlicher Ruhe – und heute blickt das Auge nur auf einen gewaltigen Trümmerhaufen, dessen Brandstätten die schwergeprüften, ihrer gesamten Habe beraubten Einwohner voll Trauer und Verzweiflung umstehen!

Am 10. Juli, mittags gegen 1 ½ Uhr, brach in einem dicht am Ende des Ortes gelegenen Häuschen Feuer aus. Der herrschende Wind, die lange Trockenheit und die Bauart der ganz aus Holz bestehenden Häuser gaben die Vorbedingungen für eine fast unglaublich schnelle Verbreitung des Brandes ab. Schrittweise, sprungweise griff es um sich, allen Anstrengungen der einheimischen wie benachbarter Feuerwehren Hohn sprechend, so dass in kurzer Zeit nahezu 300 Häuser in Flammen standen.

Die zum Teil auf dem Felde beschäftigten, zum Teil in zahlreichen kleinen Industrien arbeitenden Einwohner waren meist von ihren Wohnungen abwesend; noch ehe sie herbeieilen konnten, hatte das Element fast überall ihr Eigentum verzehrt. So kam es, dass die meisten eben alles verloren haben, nur noch die verbogenen Eisenteile der einst für den Erwerb ihres Lebensunterhalts gebrauchten Maschinen ragen aus dem Schutt hervor.

Kirche, Post, Apotheke, Amtsgericht und Bürgermeisterei mit dem gesamten Aktenmaterial sind ein Raub der Flammen geworden; das Glockengut wird um geringe Gaben in den Ruinen der Kirche verschenkt; das eiserne, vom Feuer arg zugerichtete Geldspind des Vorschussvereins barg in Gestalt eines Aschenhäufleins die geschmolzenen Ersparnisse der unglücklichen Einwohner.

Was den Besucher aber am meisten erschüttert, ist die Kunde, dass noch jetzt nach vier Tagen nicht weniger wie 8 Kinder, 4 Frauen und 1 Mann vermisst werden, von denen man erst wenige, grässlich verkohlte Leichen in den Trümmern gefunden hat.

Den unglücklichen Abgebrannten, von denen nicht weniger als 2500 obdachlos geworden, ist von vielen Seiten bereits tatkräftige Hülfe geworden und aller Orten in Thüringen haben sich wohltätige Hände gerührt, um die erste Not zu lindern. Aber so gewaltigem Unglück gegenüber ist auch außerordentliche Hülfe erforderlich; wo eben alles fehlt, muss jeder zur Linderung der Not beitragen. Darum erscheint es nicht unbillig, wenn auch weitere Kreise unseres Vaterlandes zur Hülfe aufgefordert werden. Wer irgendwie schon in Thüringens Wäldern Freude und Erfrischung gefunden, dem wird es gewiss lieb sein, für Thüringens Bewohner einmal Herz und Hand aufzutun und durch ein Scherflein ein Dankopfer für eigene Erholung zu bringen.

Es wird deshalb dringend gebeten, baldmöglichst überall Sammelstellen zu organisieren und die eingehenden Beiträge, sowie für diesen Zweck bestimmte Einzelgaben an den Magistrat der Stadt Eisenach einzusenden, der über die Verwendung s. Z. [seinerzeit?] öffentlich Rechnung legen wird.

Eisenach, den 16. Juli 1895.

Dr. J. F. Holz, königlicher Commercienrat

Von diesem Brand, bzw. den Ruinen danach, gibt es auch Bilder. Die Website des Ortes hat auf einer eigenen Unterseite unter brotterode-am-inselsberg.eu Informationen und Bilder zu der Tragödie gesammelt. Die Fotos zeigen, dass wirklich nur noch Steinhaufen herumlagen.

Muss man sich mal vorstellen! Komplett abgebrannt, der ganze Ort – einfach so, ohne Krieg oder irgendeine Vorwarnung. Inklusive Rathaus mit allen Akten. Wer weiß, was da für Grundeinträge gespeichert waren. Heute ist das unvorstellbar, schließlich ist alles auch online irgendwie erfasst oder gesichert. Man stelle sich vor: Das Haus brennt ab, mit allen Dokumenten, die man evtl. 1895 schon hatte – und mit abgebrannt sind auch die Kopien bzw. Originale im Rathaus. Alles weg!

Bitter fand ich auch, dass die gesammelten Ersparnisse der Menschen im Vorschussverein (das ist offenbar ein Verein zur Beschaffung günstiger Kredite?) ebenfalls verbrannt sind.

Ich glaube, man kann sich gar nicht vorstellen, vor was für einem Nichts die Menschen auf einmal standen. Und was das für ein Schock sein muss, wenn man morgens das Haus verlässt, um zu arbeiten (der Bericht sagt ja, dass kaum jemand in den Wohnungen war), und abends kommt man zurück und der ganze Ort ist weg.

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