23. Juli 1908 – Frauen gegen das Frauenwahlrecht

Der heutige Beitrag hat mich mal wieder staunen lassen. Es geht um das Frauenwahlrecht, für das Frauenrechtlerinnen („Suffragetten„) um 1900 in England und den USA mit friedlichen Protesten und Störaktionen vehement eintraten.

Suffragetten, typisch im Mai 1912 in den USA. Quelle: Wikipedia

Da habe ich sexistische und ziemlich ärgerliche Traktate von Männern erwartet, die erklären, warum Frauen geistig nicht in der Lage seien, wichtige Entscheidungen zu treffen oder eine eigene politische Meinung haben zu dürfen. Die gab es natürlich.

Ich habe NICHT erwartet, dass sich in Großbritannien eine Frauenvereinigung gegen das Frauenstimmrecht gründete. Frauen, die gegen ein Frauenstimmrecht eintreten? Die sich selbst klein machen und sich aktiv gegen die Suffragetten stellen? …

Aber genau das gab es, und darüber berichtet dieser Artikel. Warum sie das taten, steht da auch so halbwegs mehr oder weniger.

Eine Frauenliga gegen das Frauenstimmrecht.

Die Gegnerinnen des Frauenstimmrechts haben dessen eifrigen Befürworterinnen die Antwort auf die großen Kundgebungen erteilt, durch die die öffentliche Meinung Englands zugunsten des Wahlrechts für Frauen beeinflusst werden sollte. Sie haben Dienstag Nachmittag eine Frauenliga gegen das Frauenstimmrecht begründet, deren Aufgabe es ist, dessen Gegnerinnen im Vereinigten Königreich zur Abwehr des lärmenden Treibens der Suffragetten zu sammeln und zu organisieren.

Das Interesse für diese Liga und ihre Ziele erwies sich als so rege, dass eine große Zahl von Frauen zu dem Versammlungslokal nicht mehr Zutritt erlangen konnte. Im Namen des vorläufigen Ausschusses eröffnete die Dichterin Lady Jersey die Versammlung und betonte dabei, dass in dieser alle politischen Parteien vertreten seien. Den Ausschussbericht erstattete Lady Haversham, die es als Pflicht der englischen Frauen bezeichnete, der Ansicht entgegenzutreten, dass die Suffragetten die Frauenwelt Großbritanniens zu einem erheblichen Teile vertreten, und die Begründung der „Women’s National Antisuffrage League“ schon deshalb eine Notwendigkeit hält, damit Herr Asquith [Herbert Henry Asquith, britischer Premierminister] die Antwort auf seine Herausforderung erhalten könne, die Frauen mögen selbst zeigen, ob in ihren Reihen ein Verlangen nach dem Wahlrecht bestehe oder nicht.

Selbstverständlich wünschen auch die Gegnerinnen des politischen Stimmrechts für die Frauen, dass deren Beteiligung an den Aufgaben städtischer Vertretungskörper und aller Institutionen, die sich mit häuslichen und sozialen Angelegenheiten beschäftigen, erhalten bleibe.

Die wohlbekannte und sehr verehrte Schriftstellerin Mrs. Humphry Ward [Maria Augusta Ward, sie veröffentlichte unter dem Familiennamen, als dem Namen ihres Mannes] empfahl die Kundmachung, mit der sich die Liga an die Öffentlichkeit zu wenden gedenkt, un in der u. a. auch die Gründe für die Bekämpfung des Frauenstimmrechts aufgeführt werden.

Es heißt darin u. a.: Das Gebiet der Betätigung für Männer und Frauen ist aus natürlichen Gründen sehr verschieden, und deshalb muss auch ihr Anteil an der Führung der öffentlichen Angelegenheiten verschieden sein. Der Bestand des modernen Staates hängt von seiner Heeres- und Flottenstärke, von der Diplomatie, den Finanzen und großen Industrien ab, in denen die Frau sich nicht praktisch betätigen kann. Und gerade mit diesen Angelegenheiten und den großen Interessen, die hier in Frage kommen, beschäftigt sich hauptsächlich das Parlament. Der Einfluss der Frauen auf sozialem Gebiet wird durch das Stimmrecht eher vermindert als vermehrt. Heute hört man ihnen aufmerksam zu, wenn sie in Fragen dieser Art das Wort ergreifen, weil sie über den Parteien stehen. Der berechtigte Einfluss der Frau in der Politik wird stets im Verhältnis zu ihrer Bildung und dem Maß gesunden Menschenverstandes sein, über das sie gebieten, aber das entscheidende parlamentarische Votum soll den Männern bleiben, deren Körperkraft schließlich für die Leitung des Staates verantwortlich ist.

[…] Männer und Frauen aus den verschiedensten Lagern haben der Liga ihre Sympathien ausgesprochen; […]. Hoffentlich ist der Arbeit der Liga der erwartete Erfolg beschieden und die in der Mehrzahl von rohen, skandalsüchtigen Weibern geleitete Bewegung für das Frauenstimmrecht nimmt das selbe klägliche Ende, das ihr in Amerika beschieden war.

Vossische Zeitung (Berlin) am 23. Juli 1908, S. 3, Quelle

Den Damen ging es also darum zu zeigen, dass die Suffragetten nicht die Meinung aller Frauen vertraten. Sie bildeten einen Gegenpol, damit in der Öffentlichkeit nicht das Bild entstünde, dass alle Frauen das Frauenwahlrecht forderten. Ist ja ansich auch gut, wenn es Gegenbewegungen gibt, um zu zeigen, dass es nicht nur die Lauten und die Stummen gibt. Aber eine Gegenbewegung gegen die Forderung nach mehr Gleichberechtigung..? Und die auch noch von denjenigen, die selbst benachteiligt sind…? Das wäre ja wie eine Gegendemonstration von Schwarzen, die laut „Black lives don’t matter“ rufen..

Warum sich diese Damen gegen das Frauenwahlrecht stellten, finde ich dann auch derartig haarsträubend und selbsterniedrigend, dass ich ein bisschen Schnappatmung bekomme:

Frauen sollen ja dort mitbestimmen, wo sie sich auskennen: Häusliches und Soziales. Da höre man auch auf sie. Die wichtigen Staatsgeschäfte, also Militär, Diplomatie, Industrie und Finanzen, da können sie sich nicht praktisch betätigen, denn da komme es auf die Körperkraft des Mannes an. … Was? Das klingt, als wären Frauen körperlich nicht in der Lage, sich mit etwas zu beschäftigen, was nicht mit Pflege, Fürsorge und Erziehung zu tun hat.

Diesen Damen fehlte wohl einfach die Fantasie (und vielleicht auch das Selbstbewusstsein), sich auch nur vorzustellen, mal in Finanzen, Diplomatie, Industrie oder gar Militär reinzuschnuppern.

Ok, auch über 100 Jahre später trauen wir selbst und natürlich auch viele Männer uns oftmals kaum zu, irgendwas Wichtiges in diesen Gebieten erreichen zu können. Deswegen wird immer wieder über eine Frauenquote diskutiert und deswegen gibt es kaum Konzerne, die von weiblichen CEOs geleitet werden.

Wenn noch heute Frauen sich selbst eher weniger zutrauen, dann kann ich mir gut vorstellen, dass das um 1900 noch so tief indoktriniert war, dass man nicht mal darüber nachdachte, etwas anderes zu versuchen. Gut, das war natürlich auch nicht so einfach wie heute, schließlich hatten Frauen zu dieser Zeit noch gar nicht so lange Zugang zu Universitäten.

Aber es hat mich dennoch schockiert, mit welcher Überzeugung diese Frauen 1908 in Großbritannien sich dafür einsetzten, nicht zu können außer Familie und Soziales, und dass das auch gut so wäre.

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