2. Juli 1869 – Was tun mit der Moorleiche?

In einem Bericht des Hannoverschen Couriers, der heute vor 151 Jahren erschien, sind die Fragezeichen über den Köpfen der Leute fast schon fassbar.

Eine Moorleiche wurde im Brillenmoor bei Lehe, beide heute Stadtteil von Bremerhaven, gefunden. Und keiner weiß, wohin damit. Nach über einer Woche liegt sie noch immer im Moor. Die Leiche könnte schon „über hundert Jahre alt“ sein, so, wie sie aussieht. Aus der Haut an Brust und Rücken könnte man fast ein Trommelfell bauen! Entgegen der Gerüchte handelt es sich also wohl nicht um einen jüngeren Raubmord-Fall, wie gerüchteweise vermutet wurde.

Aber trotzdem, was soll man damit nun machen? Sie auf dem örtlichen Friedhof zu begraben würde einige Kosten verursachen, das geht also nicht. Einfach liegen lassen erlaubt die Polizei aber auch nicht.

Man könnte sie dem Museum in Hannover zur Verfügung stellen („dann ist sie wenigstens weg“), aber auch das gefällt nicht allen. Wo käme man denn da hin, wenn Leichen in Museen ausgestellt werden? Da wäre ja niemand mehr sicher, nach seinem Ableben nicht von irgendwelchen Leuten begafft zu werden!

Da würden sich wohl so einige im Grabe herumdrehen, wenn sie von der Körperwelten-Ausstellung erführen.

Hannoverscher Courier am 2. Juli 1869, S. 3, Quelle

L e h e. [Heute Stadtteil von Bremerhaven] Die Leiche, welche am Sonnabend vor acht Tagen im Brillmoore [Brillenmoor, heute Wohnviertel in Bremerhaven] gefunden wurde, lag am letzten Montag noch an derselben Stelle, da man nicht recht wusste, was damit zu be[***]nen sei.

Nach ärztlichen Gutachten kann der Körper schon hundert Jahre oder gar noch länger im Moore gelegen haben, denn er war vollständig gegerbt, die Hände sahen aus wie eingetrocknete Glaceehandschuhe und von der Haut des Rückens und der Brust könnte man wohl ein Trommelfell machen. Außerdem war bereits eine ca. 2 ½ Fuß dicke Moorschicht mit einer sehr [***]en Narbe darüber gewachsen. Die circulierende Geschichte von einem Raubmorde wird durch diese Umstände somit zunächst ein Hirngespinnst.

Es frägt sich nun, soll die Mumie auf den Friedhof gebracht werden oder nicht. Die Herren Vorsteher [***]he’s tragen Bedenken dabei; es würde dieses Begräbnis ca. 9 bis 10 [* – Währungszeichen, evtl. Reichstaler?] verursachen. Im Moore darf sie nicht liegen bleiben, denn das leidet die Polizeibehörde nicht.

Ein Spaßvogel meinte dieser Tage, man möge die Leiche dem Museum in Hannover schenken, dann wäre man sie los und könnte vielleicht noch der Wissenschaft nützen, aber hiergegen sträubt sich das Vorurtheil eines Theils der Bevölkerung des Fleckens und gewissen Leuten kommen bereits die Haare zu Berge bei dem Gedanken, dass dieses Beispiel vielleicht einmal Nachahmung finden könne und auch ihre menschlichen Überreste dann nicht mehr davor sicher seien, vielleicht hinter Glas und Rahmen von Neugierigen begafft und bewitzelt zu werden.

Transkribiert von mir selbst

Anmerkungen, die ich selbst in den Text eingefügt habe, befinden sich innerhalb von eckigen Klammern: [meine Anmerkung]. Sternchen (*, Asteriske) zählen hier als Auslassungszeichen und bedeuten, dass ich Teile des des Textes nicht entziffern/erkennen konnte. Die Anzahl der Sternchen stehen möglichst für die Anzahl der ausgelassenen Zeichen.

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