18. Juli 1916 – Yay, Kriegspropaganda: „Verdun vor dem Falle“

Vor wenigen Tagen habe ich die Virtual Reality-Erfahrung „War Remains“ ausprobiert. Sie soll einen Eindruck vermitteln, wie es sich anfühlte, im 1. Weltkrieg an der Westfront im Graben zu stehen. Es war ziemlich alptraumhaft. Ihr könnt euch das auf YouTube anschauen:

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Der Grabenkrieg ab 1916 war für die Teilnehmer eine einzige traumatische Erfahrung, und die Fotos der kraterübersäten Mondlandschaft, die die Kämpfe hinterlassen haben, unterstreichen das.

Jedenfalls – unter diesem Eindruck entschied ich mich, für den heutigen historischen Zeitungsbeitrag mal ins Jahr 1916 zu blicken. Der Rosenheimer Anzeiger jedenfalls ist voll von Kriegsnachrichten von allen Fronten. Interessant dabei ist, dass es nicht nur „interne“ Meldungen der eigenen Erfolge gab, sondern auch Berichte etwa aus London und Paris. Sie erzählen von der Stimmung in der englischen und französischen Bevölkerung.

Hier muss man aber sehr aufpassen und als Leser darf man stark davon ausgehen, dass die Berichte alle sehr gefärbt sind. Größere eigene Misserfolge dürften höchstens abgeschwächt in den Zeitungen zu finden sein, die Erfolge wurden dafür umso mehr ausgeschlachtet. Und natürlich durfte die Stimmung beim Feind nicht allzu gut sein. Schlechte Nachrichten will schließlich niemand in der Zeitung lesen, besonders dann nicht, wenn es darum geht, die Moral in der Heimat aufrechtzuerhalten. Dazu aber unten mehr!

Das vor Augen schauen wir uns heute den Beitrag „Verdun kurz vor dem Falle“ vom 18. Juli 1916 auf S. 2 an.

Verdun gilt als eines der Schlagwörter zur Beschreibung des Wahnsinns an der Westfront, weil sich bei der Schlacht um Verdun beide Seiten unter schwersten Verlusten und wenigen Erfolgen aneinander abkämpften, ohne am Ende nennenswerte Erfolge aufweisen zu können. Blutpumpe, Knochenmühle oder Hölle nannte man dieses Schlachtfeld (hier oder eben im Video oben bekommt ihr einen Einblick, was unter dieser Hölle zu verstehen ist).

„Die Franzosen sind besorgt, also siegen wir“

Die Zeitung bezieht sich am 18. Juli 1916 auf einen Bericht einer Zeitung in Amsterdam vom 15. Juli, der über ernsthafte Sorgen der militärischen Kreise in Paris berichtet. Die Schlagzeile lautet dann, dass jetzt, nach einem halben Jahr der Kampfhandlungen, Verdun kurz davor stünde, endlich in deutsche Hand zu fallen.

Tatsächlich war das Gegenteil der Fall. Am 11. Juli war die deutsche Armee zwar näher an Verdun herangestoßen als jemals zuvor (oder danach), aber nachdem es dann nicht gelungen war, das Gebiet zu halten, befahl Chef des Großen Generalstabs und General der Infanterie Erich von Falkenhayn noch am selben Tag, bei Verdun die Offensivbemühungen einzustellen und sich in die Defensive zu begeben.

Vor Verdun.
Verdun vor dem Falle.

Amsterdam, 15. Juli. Die „Tijd“ [niederländische Tageszeitung] schreibt, sie habe aus Paris die vertrauliche Nachricht enthalten, dass man in dortigen militärischen Kreisen um die nächste Zukunft der Festung Verdun ernstlich besorgt sei. Die erwartete Entlastung vor dem deutschen Druck, der vor allem von der riesigen Menge deutscher Artillerie, die vor Verdun zusammengezogen ist, ausgeht, sei vorläufig trotz der Offensive in der Picardie noch nicht eingetroffen.

Der nord-östliche Teil der Stadt sei ernstlich bedroht, seit mit den Forts Doauamont und Thiaumont alle dazugehörigen Besitzungen, sowie der Wald bei Froide Terre [Froideterre, ein befestigter Stützpunkt], das Dorf Fleury [wurde bis auf die Grundmauern zerstört] und die hohe und niedere Batterie von Damloup in die Hände der Deutschen fiel.

Da die Zeit dränge, werde die ganze Strede [?] von Souville Tag und Nacht unter schwerem Feuer gehalten. Es könne aber keine Rede davon sein, dass die Franzosen, um schwere Verluste zu vermeiden, die Festung aufgeben werden. General Petain [Befehlshaber der französischen Verteidiger in der Schlacht von Verdun] soll erklärt haben, dass die Franzosen, selbst wenn es den 42-Zentimetern [-Mörsern] gelänge, einen Zugang zur Stadt zu erringen, noch ein jedes Haus und jede Straße bis zum Äußersten verteidigen würden, selbst wenn die ganze Stadt dem Erdboden gleichgemacht werden würde.

Der Pariser Korrespondent der „Tijd“ schreibt: Er habe von einem Priester, der als Sanitätssoldat Dienste tut, eine schreckliche Schilderung über die französischen Verluste im Tale von Fleury erhalten. Das Tal liege voller Leichen. Alle fünf Minuten fielen am Eingang nach dem Tale Granaten schwersten Kalibers nieder, sodass es keine einzige Stelle gebe, die nicht vollständig umgewühlt sei. Das Tal sei eine wahre Hölle.

Rosenheimer Anzeiger am 18. Juli 1916, S. 2, Quelle
Luftbild von Fleury am 2. Juli 1916, Quelle: Wikipedia

Von einer Einnahme Verduns konnte in der Realität seit einer Woche keine Rede mehr sein. Tatsächlich hatte sich der Fokus auf die Schlacht an der Somme verlagert, die deutsche Oberste Heeresleitung hatte Verdun erstmal auf Eis gelegt.

Der Zeitungsbericht ist also ziemlich bemerkenswert. Man merkt, dass zumindest die Redakteure dieser einen deutschen Zeitung *) keine Ahnung davon hatten, was an der Front tatsächlich los war. Man verließ sich auf mehrere Tage alte Zeitungsberichte aus den neutralen Niederlanden, die wiederum auf Korrespondentenberichten aus der feindlichen Hauptstadt basieren.

Das Ganze war also nicht nur veraltet – wenn man vom 18. auf den 15. Juli zurückrechnet, kann es gut sein, dass der Korrespondentenbericht noch aus der Zeit vor dem 11. Juli stammt, als man sich in Paris tatsächlich ernsthaft Sorgen um Verdun machen musste. Sondern auch um fünf Ecken herum gedacht: Man schloss aus der Stimmung des Feindes daraus, wie die Lage an der Front aussah.

*) Wie üblich bei den täglichen „Blicken durch das historische Schlüsselloch“, die ich hier poste, handelt es sich um Schlaglichter und keine umfangreichen Ausarbeitungen. Ich schaue mir die Quelle an und schreibe etwas dazu. Das bedeutet nicht, dass es überall so war. Bitte beachten!

Und daraus lässt sich schließen, dass es von der Lage um Verdun keine anderen, direkteren Nachrichten gab. Klar, es waren ja auch keine guten Nachrichten.

Also wurden die Redakteure scheinbar kreativ und versuchten, zwischen den Zeilen zu lesen. Zwischen den Zeilen ausländischer Berichte eben. Dass dabei dann aber natürlich nicht gerade der Hot Shit bei rumkam, war wohl akzeptabel.

„An der übrigen Front keine Ereignisse von Bedeutung“

Interessant ist auch, dass auf Seite 1 der Zeitung ganz prominent als erstes über die „Kriegslage“ berichtet wird, differenziert nach den verschiedenen Fronten und Heeresgruppen. Es handelt sich um sehr kurze Meldungen, also tatsächlich wohl um aktuelle Berichterstattungen direkt von der Front.

Aber auch dort ist nichts wirklich Negatives zu lesen. Hier ein Scharmützel, dort einige Gefangene genommen, außerdem haben die Franzosen einen Durchbruch versucht, sind aber gescheitert. Über die Westfront lesen wir hier speziell:

Westlicher Kriegsschauplatz.

Zwischen dem Meere und der Ancre [Fluss in Nordfrankreich] steigerten die Engländer an mehreren Stellen ihr Feuer zu größerer Heftigkeit.

Im Sommegebiet blieb die Artillerietätigkeit beiderseits sehr lebhaft. Es ist zu feindlichen Teilangriffen gekommen, in denen die Engländer in Ovillers weiter eindrangen und die südlich von Biaches zu lebhaften Kämpfen geführt haben, im übrigen aber schon im Sperrfeuer scheiterten oder in demselben nicht zu voller Entwicklung kamen.

[…]

Die am 15. Juli eingeleiteten größeren französischen Angriffe östlich der Maas wurden bis heute Morgen fortgesetzt. Erfolge erzielte der Gegner in dem blutigen Ringen nicht, sondern büßte an einigen Stellen Boden ein.

An der übrigen Front keine Ereignisse von Bedeutung. […]

Rosenheimer Anzeiger am 18. Juli 1916, S. 1, Quelle

Hier fielen mir nun drei Dinge ins Auge: Hier steht, dass die Franzosen östlich der Maas größere Angriffe eingeleitet hatten. Die Maas fließt direkt durch Verdun, mit „östlich der Maas“ ist also genau das Verdun-Schlachtfeld gemeint, über das im größeren Bericht weiter oben berichtet wird. Oben steht, dass Verdun kurz vor dem Fall steht. Hier, im aktuellen Lagebericht steht, dass die Franzosen die deutschen Stellungen angreifen. Von einer deutschen Oberhand kann also überhaupt keine Rede sein. Ist ihnen dieser Widerspruch damals nicht aufgefallen?

Zweitens erscheint mir der Begriff „lebhaft“ für Artilleriebeschuss und Kämpfe in einem industrialisierten Krieg sehr makaber. Lebhaft, das trifft auf einen Welpen zu, oder auf ein Grundschulkind. Wie können denn tödlicher Artilleriebeschuss und tödliche Kämpfe „lebhaft“ sein?

Drittens, ich hab es markiert: An der übrigen Front keine Ereignisse von Bedeutung. Kommt euch vage bekannt vor? Im Westen nichts Neues heißt der weltbekannte Roman von Erich Maria Remarque, der selbst seit 1917 an der Westfront eingesetzt war und die „Hölle“ dort selbst miterlebt hatte. Der Roman heißt so, weil man in der zeitgenössischen Berichterstattung das Kampfgeschehen häufig auf „Nichts Neues“ heruntergebrochen hatte.

Ich habe mir das nie angeschaut, aber heute habe ich es gesehen, in diesem einen, ersten, zufälligen Blick in eine Zeitung des Jahres 1916. Schaut es euch an, ebenfalls in der gleichen Zeitungsausgabe, hier über die Ostfront:

Rosenheimer Anzeiger am 18. Juli 1916, S. 1, Quelle

Keine besonderen Ereignisse, keine wesentlichen Ereignisse, Lage unverändert, nichts Neues. In meinem Beitrag heute geht es nicht um die Ostfront (und ich kenne die Ereignisse auch nicht so gut), aber hier in der Zeitung steht es ja schon, dass dort durchaus kein „kalter“ Sitzkrieg herrschte.

Ich finde es entsetzlich, wie teilnahmslos hier berichtet, verdreht, abgetan wird, während so viele Menschen aller Kriegsparteien ums Leben kamen, Urängste litten, verletzt wurden und vermutlich für ihr restliches Leben psychisch geschädigt wurden… Dazu finde ich kaum Worte >.<

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