17. Februar 1878 – Geheimmittelchen oder Revolver gefällig?

Heute schlug ich mal wieder den Rosenheimer Anzeiger auf und blätterte durch die Ausgabe von heute vor 143 Jahren. Nach vielen Seiten über politische Nachrichten aus aller Welt und einer längeren Reportage über die Verhältnisse der italienischen Arbeiterschaft (die langen Arbeitszeiten für Kinder ab neun oder sogar schon fünf Jahren von bis zu 12 Stunden am Tag werden als unzeitgemäß sehr beklagt) gelangte ich zu den Werbeanzeigen. Historische Werbeanzeigen finde ich immer interessant, weil sie viel über die Gesellschaft aussagen – siehe auch hier meinen kleinen Beitrag über Staubsaugerwerbung now and then.

Heute geht es aber weniger um sexistische Werbung, sondern mehr um beworbene Zaubermittelchen. Schreiten wir gleich zur Tat!

Bernhardis „Jugendspiegel“ für neu „moralisch Todte“

Neu erblühende Kraft.
Moralisch todt [11246] war ich schon lang und fühlte wie mein Organismus auch dem physischen Tod entgegensiechte. Geängstigt von dem Gedanken durch Selbstmord der vernichtenden Schande der Entdeckung meines Geheimnisses mich entziehen zu müssen, wandte ich mich schließlich an Sie und konnte zu meiner größten Freude beobachten, wie Sie durch allmähliche Wiederherstellung der durch meine Jugendsünden am meisten afficirten Körpertheile mein Befinden systematisch verbesserten. Ich fühle mich ganz wohl und werde Jeden, den ich in ähnlicher Bedrängnis sehe, an Sie weisen.
Diese Worte eines Jüngers der Wissenschaft, der jetzt seinen Studien mit frischer Kraft obliegt, vernichten mit einem Schlag alle Zweifel an der erhabenen Aufgabe des berühmten Original-Meisterwerkes „der Jugendspiegel.“ W. Bernhardi, Berlin SW., Am Tempelhofer Ufer 8, versendet denselben für 2 Mark in Franco-Covert nach allen Welttheilen.

Rosenheimer Anzeiger, Tagblatt für Stadt und Land am 17. Februar 1878, S. 15, Quelle

Erstmal stellt man sich die berechtigte Frage: Häää? Bis mir klar wurde, dass der obere Absatz ein sicher nicht gefakter Erfahrungsbericht (neudeutsch: Testimonial) sein soll, der sich an den Wohltäter W. Bernhardi richtet. Kennt man ja, „Seit ich das Superwaschmittel General Wischmopp nutze, kann ich den Boden zum Kuchenbacken nutzen!“.

Aber was genau wird denn hier beworben? Offenbar ein Buch, „der Jugendspiegel“. Wie passt denn das zusammen, dass ein Buch einen moralisch ganz und physisch fast toten Menschen wieder ordentlich auf die Beine stellt, so dass er sich jetzt wieder ganz frisch seinen wissenschaftlichen Studien widmen kann? Ich hab mal nach dem Ding gegoogelt und fand auf dieser Website eine amtliche Warnung aus dem Jahr 1887, also neun Jahre später:

Die Deutsche Gesundheits-Kompagnie, welche in Flugblättern und den Tageblättern Kranken aller Art ihre Dienste anbietet, wird von dem bekannten Bandwurm-Heilkünstler Richard Mohrmann und dem Schrift­steller Bernhardi, dem Verfasser des anrüchigen Buches „Der Jugendspiegel“ geleitet. Letzteres verfolgt den Zweck, durch Ausschweifungen heruntergekommene Menschen in Angst zu versetzen und dieselben dann finanziell auszubeuten. Das von Bernhardi angepriesene Mittel besteht aus Honig­wasser, welches einen Werth von 50 Pfennig hat und für die höchsten Preise, bis zu 100 Mark, an Vertrauensselige abgegeben wird. Mohrmann’s Bandwurmmittel hat einen reellen Werth von 1 Mark 20 Pfennig, wird aber für 10 Mark verkauft. Die von der Deutschen Gesundheits-Kompagnie versandten Rezepte werden weder von einem Arzte, noch sonst von einer Medizinal-Person, sondern lediglich von jenem c. Bernhardi hierselbst verschrieben. – Das Publikum wird hierdurch wiederholt vor dem unlauteren Treiben der Deutschen Gesundheits-Kompagnie beziehungsweise vor der Kurpfuscherei des Richard Mohrmann und des c. Bernhardi ernstlich gewarnt.
Berlin, den 6. April 1887.     Der Polizei-Präsident.

Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Potsdam und der Stadt Berlin. Jahrgang 1887. Seite 146, Bekanntmachungen des Königlichen Polizei-Präsidiums zu Berlin. No. 58., gefunden auf http://www.mehrow.de/

Wenn ich das also richtig deute, wird hier dieses „anrüchige Buch“ beworben, das man für 2 Mark bestellen kann. In diesem Buch bewirbt der Autor dann irgendeinen Honigtrank, den er zu Wucherpreisen verkauft.

Unglaublich, dass das Geschäft wohl mindestes ein Jahrzehnt florieren konnte. Und ein Extra-Haha für die „durch Jugendsünden afficirten Körpertheile“ – diese Jugend von heute aber auch! ^^

Coca-Präparat gegen Nervenleiden und Schwächezustände

Die nächste Werbung, direkt neben der für neu erblühende Kraft, spricht ebenfalls dahinsiechende Menschen an.

Nervenleiden, Schwächezustände,

allgemeine wie spezielle, welchen unbedingt den in Peru seit Urzeiten anerkannten Heilkräften der Coca-Pflanze, welche Alex v. Humboldt wärmstens für Europa befürwortete. Die rationell aus frischer Pflanze bereiteten Coca-Präp. der Mohrenapotheke Mainz, das Resultat exacter Studien und Versuche eines Humboldt-Schülers, Dr. Sampson, erwiesen sich seit langen Jahren als einzig reelles, für obige Leiden unersetzliches Kraftmittel. Nach deutscher Arzneitaxe 1 Schachtel 3 Rmk (Reichsmark), 6 Schachteln 16 Rmk. Näheres gratis franco durch die Mohrenapotheke Mainz u. deren Depots: …

Rosenheimer Anzeiger, Tagblatt für Stadt und Land am 17. Februar 1878, S. 15, Quelle

Ja, es geht um die Coca-Pflanze, aus der Kokain hergestellt wird. Und genau das wird wohl auch beworben. Mehr zur Verarbeitung der Pflanze, deren Verbreitung in Europa und ihre anregenden Eigenschaften gibt es in diesem ausführlichen Bericht.

Mir ist nicht neu, dass Kokain und Heroin einige Zeit lang als ganz normale Medikamente verabreicht wurden, aber ich fand es trotzdem spannend, wie das Zeugs hier frei verkäuflich einfach angeboten wird. Der Interessent muss sich auf die angegebenen Referenzen über die „exakten Studien und Versuche eines Humboldt-Schülers“ verlassen.

Es waren schon sehr andere Zeiten!

Oder doch ein Revolver?

Apropos andere Zeiten: Heute in Europa unvorstellbar, in den USA vermutlich Tagesordnung: Waffenreklame in der Zeitung!

Revolver,
System Lefaucheux, Prima Qualität, 6 schüssig, englisch-blau, mit doppelter Bewegung und Sicherheitssperre
Kaliber 7 / 9 / 12 mm
Mark 6,50 / 7,50 / 9,-
50 Patronen M[ark] 1,25 / 1,50 / 1,75
NB. Jeder Revolver ist amtlich geprüft und daher fehlerfrei! Wiederverkäufern Rabatt. Versand gegen Nachnahme. Carl Mainer, München, Windenmacherstraße 6.

Rosenheimer Anzeiger, Tagblatt für Stadt und Land am 17. Februar 1878, S. 16, Quelle

Ohne zu recherchieren weiß ich nicht, wie weit Schusswaffen vor 143 Jahren in der Bevölkerung verbreitet waren, und wer sie kaufte, trug oder nutzte. An Armeeangehörige richtet sich die Anzeige wohl nicht, die sind ja anderweitig versorgt gewesen. Aber da auch an Wiederverkäufer geliefert wird (mit Rabatt), muss es ja einen Markt gegeben haben.

Urlaub am Gardasee

Ähnlich beeindruckend fand ich auch diese Anzeige:

Bad- und Wintercurort Riva (Südtirol).
Hôtel et Pension au Lac,
zwischen der Landstrase nach Station Mori und dem Garda-See. – Schönste See-Uferlage mit prächtiger, malerischer Aussicht auf See und Gebirge; mit Park und grossem Garten, Blumen- und Orangen-Glashäusern. Bäder im Hause und am See, Equipagen und Schiffchen stets zur Verfügung. Besonders empfehlenswert für Familien bei längerem Aufenthalte.

Rosenheimer Anzeiger, Tagblatt für Stadt und Land am 17. Februar 1878, S. 15, Quelle

2018 hatte ich selbst das Vergnügen, mir Riva anzusehen. Der Ort mit italienischem, mediterranem Charme liegt tatsächlich sehr reizvoll am Nordufer des Gardasees und ist wie alle Orte am Gardasee touristisch völlig überlaufen. Vermutlich, weil schon seit so langer Zeit Werbung dafür gemacht wird.

Zum Zeitpunkt der Anzeige, 1878, gehörte die Region allerdings noch, bzw. wieder zum Königreich Österreich-Ungarn (1815 – 1919). Die Südtiroler fühlen sich ja auch heute teilweise nicht so richtig Italien zugehörig und man sieht gut, wie hier österreichische Berghütten mit italienischer Architektur kämpfen und sich beides irgendwie vermischt.

Aber davon abgesehen finde ich es bemerkenswert, dass 1878 in einer ganz normalen Tageszeitung Werbung für einen Urlaub südlich der Alpen gemacht wird. Klar, Rosenheim liegt schon halb an den Alpen und sooo weit ist das nicht. Aber wir reden hier noch immer von der Kutschenzeit. Okay, 1867 war die Brenner-Eisenbahn in Betrieb genommen worden, so dass der Weg vermutlich etwas weniger beschwerlich geworden war. Aber trotzdem – man muss sich mal vorstellen, wie gedanklich fern so ein Ort mit „Blumen- und Orangen-Glashäusern“ (und Palmen gibt es da auch!) für die oftmals moralisch todte Gesellschaft gewesen sein muss.

Na gut, eine Orangerie gab es bestimmt auch in München, aber dennoch. Zum Spaß so weit weg fahren? Wow – Jahrzehnte, bevor es ab dem 19. Jahrhundert ein Recht auf bezahlten Urlaub gab. Das Nicht-Arbeiten und Stattdessen-Reisen musste man sich wohl einfach leisten können. Mehr zu Urlaubsreisen gibt es hier.

Die Werbeanzeigen waren jedenfalls wieder ein interessanter Ausflug in die Vergangenheit :D

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