Blut, Schweiß und Tränen – 4 Wochen Ausgrabung

Archäologie studieren ohne Ausgrabung – das geht natürlich gar nicht! Im März 2012 war es soweit und es hieß für mich: vier Wochen ab ins Feld. Zusammen mit fünf anderen Studenten, einem freischaffenden Archäologen und einem Grabungstechniker wühlten wir uns durch die Erde über einem römischen Vicus (Dorf) in der Pfalz.

Stratigraphie mit Colaflasche
Der „Colaflaschen-Horizont“ ^^ Die Flasche kann als Datierung genutzt werden: Sie kann nicht vor ihrer Herstellung (frühestens Mitte 20. Jh.) in den Boden gelangt sein, also ist alles darüber jünger

Also dann mal eine Art Fazit zuerst

Es gab Höhen und Tiefen und ich bin schon leicht wehmütig, dass es jetzt vorbei ist. Gelernt hab ich einiges, aber die tollste Erfahrung war, Zeugs auszugraben, das die Römer vor 2000 Jahren gebaut/benutzt haben – seien es nun Mauern oder Funde wie Scherben, Nägel oder Münzen. Sowas sieht man sonst nur im Museum, saubergemacht und restauriert, und wir habens einfach aus dem Boden gepflückt.

Viel gefunden und gelernt

Atlantis haben wir nicht gefunden, auch keinen Goldschatz und Indiana Jones ist uns nicht über den Weg gelaufen, aber wer mit sowas bei einer Ausgrabung rechnet, wird eh vermutlich zwangsläufig enttäuscht werden. Unsere Schätze waren

  • schöne Terra-Sigillata-Scherben
  • Scherben von geblasenen Glasgefäßen,
  • Münzen
  • Bronzefibeln
  • Bilderbuch-Mauerbefunde :D

Ich hab viele tolle neue Wörter gelernt, zB. Tachimeter und Pantograph, habe Grabungsalltag bei gutem und schlechtem Wetter, bei hoher und nicht vorhandener Motivation mitgemacht, und wir hatten viel Spaß zusammen. Der Grabungsleiter hat uns trotz Doktortitel gleich das „du“ angeboten, also eine tolle Arbeitsatmosphäre und viel Pfälzer Dialekt ^^

Der Grabungsleiter und der Grabungstechniker kommen beide aus der Pfalz und grad der Techniker amüsierte mich immer wieder mit seinem „Poschdeloch“ (deutsch: Pfostenloch, ja, das f wird verschluckt ^^). Am Mittwoch Abend gabs auch ein großes Abschiedsgrillen.

Schwierigkeiten, an die man sich gewöhnt

Das Wetter war die ersten 3 Wochen größtenteils sehr gut, trotzdem hatte ich morgens immer vier Kleiderschichten an, die dann im Laufe des Tages nach und nach abgepellt wurden oder auch nicht :D

Leider musste auch der eine oder andere Regenwurm sein Leben lassen und es tat mir immer sehr Leid, wenn ich aus Versehen wieder mal einen armen Wurm zerteilt oder zerfetzt habe :(

Weiterhin lernte ich es, über Wurzeln und Eisenschlacke zu fluchen. Wurzeln stören immer, wenn man eine glatte Fläche putzen will, immer wieder bleibt die Kelle hängen -.- Und Schlacke ist noch viel schlimmer. Schlackestücke sind kleinere oder größere Brocken Überreste vom Eisen verhütten, und somit zwar schon ein römisches Erzeugnis, aber für uns nicht von Wert. Sie stecken nur nervig im Boden und stören beim Putzen und gaukeln sich gerne, weil viele Schlackestücke auch metallisch glänzen, als Münze vor, ohne eine zu sein. Nur nervig :D

Ein Stück Eisenschlacke aus der Ausgrabung
Schlacke -.-

Am Ende – also heute – kam sogar der Bürgermeister vom Ort vorbei und überbrachte jedem von uns Studenten einen „herzlichen Dank“ mit Händedruck und ein kleines Geschenk als Erinnerung, und anschließend gab der Leiter unseres Instituts für Klassische Archäologie uns noch einen Kaffee aus <3 Ende gut, alles gut :D

Wie funktioniert eine Ausgrabung?

Man sollte denken, dass das klar ist: Kelle schwingen und Sachen einsammeln. Aber so einfach ist es nicht. Die Kelle ist übrigens so ziemlich das wichtigste Arbeitsgerät des Archäologen – es ist eine ganz normale Maurerkelle, mit der man Erde lockern und entfernen kann.

Das eigentliche Ausgraben

… das ist das, was ich am Liebsten gemacht habe. Im Prinzip heißt das, dass man mit Hackebeil, Handhacke oder Kelle „tiefer geht“. Hier geht es ums Entdecken und die Funde. Man stößt auf Mauerzüge, Hypokaustanlagen, Plattenböden, man kommt an neue Erkenntnisse, neue Fragen stellen sich und natürlich die ganzen Kleinfunde – also im Prinzip ist das der Teil einer Ausgrabung, der richtig spannend ist und wo man eigentlich gar nicht aufhören kann.

Man möchte immer weiter machen und dem Boden seine Geheimnisse entlocken. Es ist echt geil, wenn man zuerst nur ein gebaggertes Loch hat, in dem nichts Besonderes zu sehen ist. Dann gräbt man ein bisschen tiefer und stößt auf einmal auf größere Steine und nach und nach schält sich eine Mauer aus den Erdschichten.

Kurz zuvor noch zur Erläuterung: Archäologen unterscheiden zwischen Fund und Befund. Der Befund bezeichnet die aufgefundene Situation, also den Fundkontext, z.B. die unten beschriebene Traufgasse mit allem, was darin liegt. Oder ein Grab mit allen Knochen und Beigaben.

Ein Fund ist dagegen ein einzelnes Objekte, z.B. eine Münze, ein Löffel oder Scherben. Er stammt entweder aus einem Befund, z.B. aus einem Grab oder dem gesamten Befund „Villa rustica“ oder es ist ein Streufund, der ohne Befund in irgendeinem Acker auftaucht, ohne andere Gegenstände in der Nähe.

Ausgrabung römischer Vicus mit Schweineknochen
Knochenflöte spielen

Beispiel: Die Traufgasse

Bei uns war das ganz besonders die „Traufgasse“ – ein relativ kleiner Schnitt (so nennt man die Grube, in der man gräbt), in dem zwei parallel im Abstand von ca 1,2 Metern verlaufende, wunderschöne Maueroberflächen (Außenmauern von zwei nebeneinander stehenden Häusern) sichtbar wurden, und dazwischen jede Menge Trümmer: umgekippte Mauerreste, Dachziegel en masse und auch Tierknochen.

Arbeiten im Schutt

Laut unserem Grabungsleiter ein Bilderbuchbefund: als die Häuser endgültig verlassen worden sind, sind sie nach und nach zusammengestürzt und die Dachziegel sind in die Traufgasse gerutscht, wo sie dann zusammen mit dem Mauerversturz einen großen Trümmerhaufen gebildet haben. Davon haben wir zuerst die Oberfläche freigelegt, so dass wir die beiden Außenmauern und die Trümmer dazwischen erkennen konnten.

Das war dann das erste Planum, also die erste Ebene, die dokumentiert wurde. Dabei haben wir auch zwei Münzen gefunden, vermutlich aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. Später dann haben wir angefangen, den Trümmerhaufen abzutragen und bis zum Laufhorizont gegraben – also der Ebene, auf der man früher gelaufen ist, den früheren Boden eben. Das war dann das zweite Planum.

Allerdings sind wir leider nur zur Hälfte fertig geworden, und erst heute morgen sind wir auf eine große Platte am Boden gestoßen, von der wir jetzt leider nicht mehr so schnell nicht erfahren werden, wie groß sie ist und wofür sie da war.

Abtragen des Schutts in der Traufgasse
Traufgasse heute mittag

Funde und Befunde in der Traufgasse

Beim Abtragen der Trümmer ist alles mögliche an Funden zutage getreten, darunter…

  • wunderschön verzierte Terra-Sigillata-Scherben
  • Scherben von Fensterglas (ja, wirklich!)
  • große und kleine Tierknochen
  • jede Menge verrostete Nägel
  • Scherben von Gebrauchskeramik (Amphoren und Krüge)
  • Stücke von Fibeln
  • eine Glasperle
  • eine Nadel aus Knochen…

Der Abschnitt, an dem ich heute gearbeitet hatte, sah sehr verbrannt aus – viele Brandspuren an Knochen und Keramik und außerdem viel Holzkohle im Boden. Offensichtlich gab es zu Beginn des Einsturzes der Häuser einen Brand (das ergibt Sinn :D). Also sehr spannend, das Ganze.

Weniger spannend fand ich das Graben in einem anderen Schnitt, in dem es keine so schönen Trümmer gab, sondern wo es darum ging, den Laufhorizont zu finden und das Niveau zu verfolgen. Es ist ja nicht immer so, dass man einfach so lange nach unten gräbt, bis man auf einen schicken Fliesenboden stößt. War der Boden nur gestampfter Lehm, dann kann man da durchgraben, ohne überhaupt zu bemerken, dass da früher der Boden war.

Leider besteht die Ausgrabung im Ganzen nur zu einem relativ kleinen Teil auch wirklich darin, tatsächlich auszugraben, ich würd mal sagen, zu einem Drittel vielleicht.

Nach dem Graben folgt das Putzen

Ja, richtig gelesen. Ich dachte zuerst auch „wtf putzen oO“, aber das ist im wörtlichen Sinne gemeint. Also den Befund säubern, damit man alles gut sieht und dann ein schönes, blitzblankes Foto machen kann. Möglichst „krümelfrei“.

Im Fall der Traufgasse heißt das, dass wirklich jeder Ziegel und jeder Stein soweit möglich von jeder Erde und jedem Staub befreit wird, ohne den Stein dabei zu entfernen. Am Ende sollten die Trümmer so sichtbar sein, als wäre grade erst alles zusammengefallen.

Steine, Knochen, Ziegel und die Kelle
Die Kelle neben einem großen Knochen, Bruchsteinen und Ziegeln in der Traufgasse

Das ist … aufwändig und nervig. Es gibt dabei keine neuen Funde und auch nichts zu entdecken, sondern es handelt sich um stures auf den Knien Rutschen und mit Kelle und Besen jeden Stein saubermachen.

Man sitzt also viele Stunden da und putzt, sagt dem Grabungsleiter Bescheid und der meint „ja, für den Grobputz sieht das ganz gut aus, wenn ihr euch beeilt, schaffen wir bis heute Abend den Feinputz und können das Foto machen“ … also nochmal ran und noch mehr putzen. Am Ende haben wir die Mauern und Trümmer mit einem Staubsauger (R2D2 <3) abgesaugt (weiter oben gibts ein Foto vom Kommilitonen mit R2D2). Wenn Spaziergänger das gesehen hätten, hätten sie uns für verrückt erklärt.

Toll war das auch im anderen Schnitt mit dem Laufhorizont. Der lässt sich nicht immer gut verfolgen, mal verschwindet er auf einmal, mal steigt er an, und da das Niveau zu halten ist nicht immer ganz leicht. Mein Tief hatte ich, als ich den ganzen Tag die Fläche geputzt hatte, dann der Grabungstechniker vorbeikam und etwas kritisch guckte, dann auf verschiedene Stellen deutete und meinte, dass man da noch etwas tiefer graben könne, und wieder zwei Stunden später, als alles geputzt und sauber war kam er an, griff zum Hackebeil und hackte einen Großteil wieder auf um noch tiefer zu gehen.

Klar, der Mann hat ein Auge dafür und am Ende sah es wirklich gut und logisch aus, aber die Motivation ist leicht am Boden. Putzen = bäh. Und alles nur für die Millisekunde des Fotografierens.

Die Dokumentation

Dokumentieren ist viel besser als Putzen ^^ Die Archäologie ist eine destruktive Wissenschaft. Das heißt, es liegt in der Natur der Sache, dass Archäologen ihre freigelegten Befunde zerstören, um sie abzugraben und noch weiterzugraben. Oder es wird ein Haus oben drauf gebaut. Jedenfalls: In den meisten Fällen ist der Befund später weg. Deswegen ist es notwendig, die Befunde sorgfältig zu dokumentieren, damit man später nachvollziehen kann

  • wo welche Funde lagen
  • wo welche Mauer war
  • wie die Funde genau lagen (die Ausrichtung kann sehr wichtig sein)
  • was für Farben der Erdboden hatte

Im Optimalfall folgt nach einer Ausgrabung die Grabungspublikation, in der der Archäologe alles genau beschreibt und dann veröffentlicht. So können andere Wissenschaftler später darauf zugreifen und alles interpretieren oder alte Interpretationen durch die Sichtung der Dokumentation wieder umstoßen.

Fotos und Zeichnungen

Wenn alles blitzblank und krümelfrei ist, wird erstmal ein offizielles Foto des Planums mit Nordpfeil und Größenvergleichsmarken gemacht.

Archäologe auf Leiter für das Dokumentationsfoto
Grabungsleiter beim Fotografieren

Danach wird das Planum gezeichnet. Erst dachte ich, dass man sich hinsetzt und jeden Stein maßstabsgetreu nachzeichnen muss, und wie das gemacht werden soll, war mir ein Rätsel. Und genau so ist es auch wirklich, zum Glück hatten wir einen Pantographen (griechisch, „Alles-Zeichner“) als Hilfsgerät. Das ist ein sehr teures, aber im Grunde total einfaches Gerät, das alles zeichnet, was man mit einem „Stift“ „vorzeichnet“.

Man bekommt also ein Stäbchen in die Hand, das über Seilzüge mit dem Pantographen verbunden ist. Wenn man dann die Umrisse der Steine entlangfährt, zeichnet das Gerät alles im Maßstab 1:20 auf Millimeterpapier. Sehr tolle Sache, im Grunde genommen. Das Ganze muss dann noch nachbearbeitet und koloriert werden, wo man auch gerne mal einen ganzen Tag dran sitzt.

Weitere Messungen

Zum Schluss folgt dann das Nivellieren mit dem Nivelliergerät. Dabei misst der Archäologe aus, in welcher Höhe markante Punkte des Planums, zB. Mörtelflecken, die Oberflächen aller Steine (zB. einer Mauer) und auch Sonderfunde wie Münzen gefunden wurden bzw. sich befinden. Das wird eingemessen und in der Zeichnung eintragen.

Dazu kommt noch der Umgang mit dem Tachimeter, einem ebenfalls sehr teuren Gerät zum Vermessen. Man kann ja nicht einfach iiiiirgendwo mit dem Zeichnen anfangen, sondern im Grunde wird die gesamte Ausgrabungsstätte in ein Koordinatensystem gebracht, in Flächen aufgeteilt und in 5 Meter-Schritten mit Nägeln, also Markierungspunkten abgesteckt.

Damit man da nicht mit dem Zollstock und Geodreieck anrücken muss, gibt es den Tachimeter, der einerseits Entfernungen zu einem bestimmten Punkt misst und andererseits neue Punkte millimetergenau bestimmt, damit man auch neue Nägel in den Boden hauen kann.

Das Dokumentieren ist nicht so nervig wie das Putzen, aber wenn man dann ewig am Kolorieren sitzt und versucht, jede Bodenverfärbung irgendwie abzubilden, während die anderen schon wieder in der Traufgasse tolle Funde machen können, geht einem das dann doch irgendwann auf die Nerven.

Schlussworte…

Wenn eine Ausgrabung nur aus „ausgraben“ bestehen würde, wäre ich hellauf begeistert :D Leider kommt eben auch das nervige und langwierige Putzen dazu und auch das Dokumentieren – wobei ich den Sinn von letzterem gut nachvollziehen kann, aber trotzdem ist es vergleichsweise langweilig :D

Die Studententruppe auf der Ausgrabung
Die Studententruppe auf der Ausgrabung

Alles in allem war die Ausgrabung eine klasse Erfahrung mit sehr netten Leuten und sehr tollen Befunden und Funden. Ich bin sehr froh, dass ich es gemacht – und auch durchgehalten habe, zwischendrin war die Motivation beim Putzen eben doch ziemlich am Boden ^^ Die Beschreibung „Blut, Schweiß und Tränen“ kommt der Ausgrabung daher durchaus nahe, und was letztendlich dabei rauskam (und in Zukunft noch rauskommen wird), ist wirklich ein interessantes Ergebnis, das auch weiter spannend bleibt.

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