Wenn es Zeit ist, weiterzuziehen

Welchen Stellenwert soll eigentlich der Broterwerb im Leben einnehmen? Für viele ist er ein Mittel zum Zweck. Arbeitnehmer verkaufen Lebenszeit. Lebenszeit ist einzigartig, denn sie ist begrenzt, also muss sich das lohnen. Wofür verkauft man dann also seine Lebenszeit am besten? In diesem Beitrag berichte ich über die Gedanken, die ich zu diesem Thema habe – und die mich vor wenigen Wochen letztlich dazu brachten, meine Arbeitsstelle zu kündigen.

Lebenszeit für Geld verkaufen

Die einen verkaufen sie, um eine Familie zu gründen und ein Haus zu kaufen. Wer derartige Verpflichtungen eingeht, hat natürlich einen viel geringeren Spielraum für solche Meckereien auf hohem Niveau, wie ich sie hier nun ausbreite :D Da ich selbst keine Kinder möchte, ist das auch gar nicht das, was ich im Leben anstrebe.

Viele verkaufen ihre Lebenszeit dagegen, um ein- oder zweimal im Jahr ordentlich zu verreisen. Zwei, drei oder vier Wochen im Jahr auf Achse stehen dann aber den restlichen fast 50 Wochen gegenüber, in denen man sich auf die Urlaube freut, oder zumindest auf die Wochenenden.

Diese investierte Lebenszeit steht allerdings, wie ich finde, in keinem Verhältnis zu der Lebenszeit, die man dann als freier Mensch verbringt. Du bist fünf Tage die Woche vornehmlich im Arbeitsmodus: Entweder du bereitest dich morgens auf die Arbeit vor, oder du bist gerade auf der Arbeit oder du fährst nach Hause und versuchst, die restlichen Stunden am Tag noch einen Ausgleich zu finden. Dann gehst du früh ins Bett, um für die Arbeit ausgeruht zu sein.

Alltäglicher Einheitsbrei und das Leben fliegt vorbei

Am Wochenende machst du dann das, für das du unter der Woche keine Zeit hattest – inklusive Großputz und Großeinkauf. Dann kommt die nächste Woche, und die übernächste, und auf einmal ist wieder Weihnachten. Ein weiteres Jahr vorbei.

Das macht mir Angst. Die Zeit vergeht zu schnell. Und das Paradoxe daran: während der Woche willst du ja, dass die Zeit schnell vergeht. Du freust dich aufs Wochenende und mittelfristig auf den nächsten Urlaub. Du lebst im Grunde ständig damit, mit dem aktuellen Zustand unzufrieden zu sein und dir einen anderen Zustand herbeizuwünschen.

Und das ist doch Wahnsinn! Man lebt nur einmal, und dieses eine Leben will man doch nicht verwarten! Ich möchte mehr erleben, mehr Erfahrungen sammeln, mich weiterentwickeln, Neues dazu lernen, Anderes ausprobieren!

Dafür ist die Restzeit nach Feierabend aber sehr begrenzt und ich habe das Gefühl, keinen guten Tausch einzugehen. Was bringt es mir denn, wenn ich gutes Geld verdiene, aber dafür im Grunde fünf von sieben Tage die Woche im Arbeitsmodus feststecke?

Da beneide ich schwer die Menschen, die ihre Arbeit lieben. Die sich voller Energie, Leidenschaft und Glauben daran in die Arbeit stürzen, sie gern erledigen und dafür auch noch Geld erhalten. Das ist ja ein Traum :D

Arbeiten ist nicht gleich arbeiten

Diese Art von Arbeit kenne ich dagegen aus meiner Arbeit an diesem Blog (und zu Studienzeiten bei einigen Seminararbeiten). Dafür verbeiße ich mich gern stunden- und tagelang in ein Thema. Und ich habe dann auch überhaupt kein Problem damit, dafür auf die eigentliche „Freizeit“, wie Videospiele oder binge-Watching, zu verzichten. So eine Arbeit erfüllt mich mit Energie und macht mich stolz, ich entwickle mich mit ihr und vor allem: Ich tue es gern.

Im Unterschied zur nicht-selbstständigen Arbeit im Büro „warte“ ich dabei nicht auf den Feierabend, das nächste Wochenende oder den nächsten Urlaub. Ganz im Gegenteil, während ich schreibe oder an irgendwas tüftle, vergeht die Zeit viel zu schnell.

Debbie mit Katze Luna
Abends bei der Arbeit am Schreibtisch, als suddenly…. ^^

Viel zu schnell ist wieder ein Abend rum und ich muss wieder auf die „andere“, die bezahlte Arbeit. Viel zu schnell ist das Wochenende rum, und während ich tagsüber Mails beantworte, Listen erstelle, (fremde) Websites bearbeite und mir den Kopf über Probleme zerbreche, die mir persönlich nichts bedeuten, muss ich meine persönliche Energie zügeln und das, was mich persönlich antreibt, ablegen.

Wenn der Job zuviel Raum einnimmt

Dabei muss die bezahlte Arbeit ja nicht mal wirklich schlecht sein. Auch bei mir gab es definitiv viele Momente, in denen ich mich unter den Kollegen und mit meinen Tätigkeiten sehr wohl gefühlt habe. Man könnte es deutlich schlechter treffen.

Der springende Punkt ist aber: Im Gegensatz zu all den Dingen, über die du hier auf meinem Blog lesen kannst, tue ich diese Arbeit nicht von mir heraus. Ich tue das, was für die Firma notwendig ist, nicht für das, von dem ich selbst überzeugt bin, dass es gut und richtig ist. Die einzige Schnittmenge, die ich mit meinem Job habe, ist die, dafür Geld zu bekommen. (Und ok, als Online Marketing Manager habe ich auch ziemlich viel mit Websites zu tun ^^)

Die große zusätzliche Unzufriedenheit kommt dann, wenn die bezahlte Arbeit tagsüber so auslaugt, dass für abends keine Energie mehr für alles andere übrig ist. Genau das ist bei mir in den letzten Monaten passiert – obwohl die fordernde Arbeit auch Spaß machte.

Während ich es vor einem Jahr schaffte, über Monate hinweg alle drei bis fünf Tage einen neuen Beitrag auf Plejadium rauszuhauen, vergingen nun auf einmal teilweise zwei Wochen zwischen zwei Beiträgen. Ich verlor sogar die Lust darauf, in Anno 1800 an Produktionsketten herumzutüfteln, oder sogar ganz allgemein auf Spiele, die ein wenig Mitdenken erfordern. Wer den ganzen Tag schon auf Hochtouren läuft, muss irgendwann einen Gang runterschalten.

Mir wurde klar, dass das, was ich eigentlich machen WILL, immer mehr zu kurz kommt, und das, was ich machen MUSS, immer mehr Raum einnimmt. Ich fühlte mich immer matter und immer nutzloser. Das Leben zog vorbei, ohne dass ich es in meinen Beiträgen festhalten konnte – es fühlte sich alles sinnlos an.

Es schien mir, als würde ich kostbare Lebenszeit für etwas verbrennen, das doch für mich persönlich keinen Wert hatte.

Ich habe die Reißleine gezogen

Das alles reicht aber für mich nicht aus, um darüber nachzudenken, einfach zu kündigen. Nein, mein Plan war, „irgendwann“ eine neue Arbeit zu finden. Aber – wer abends schon zu fertig für die eigenen Hobbys ist, kriegt erst recht keine schicke Bewerbung hin.

Und dann kam vor vier Wochen ein Moment, in dem ich mich maßlos über etwas auf der Arbeit ärgerte. Bisher hatte ich mich nur geärgert und es dabei belassen, aber diesmal ärgerte ich mich stechend tief.

Ein Gedanke schoss mir blitzartig durch den Kopf: Warum kündigst du nicht einfach? Ja, warum eigentlich nicht? Schreibe die Kündigung, druck sie aus und gib sie gleich ab – Sache erledigt. Was wäre so schlimm? Kein Haus abzuzahlen, keine Familie zu ernähren – und warum soll man unzufrieden sein UND sich auch noch immer über die gleichen Anlässe ärgern?

Während ich mit heftigem Herzklopfen vor meinem Monitor saß und sich um mich herum die Welt zu drehen begann, wurde mir klar, dass genau das mein einziger Ausweg aus dem Hamsterrad wäre. Ein Anlass, der die Hemmschwelle überwindet, tatsächlich eine Kündigung auszusprechen. Und das tat ich dann auch. Zwar nicht sofort, aber am nächsten Morgen legte ich sie vor.

Freiheitswille vs. Zukunftsangst

Meine Chefs waren nicht erfreut, sie gaben mir noch einige Wochen Zeit, es mir anders zu überlegen oder vielleicht auf Teilzeit umzusteigen. Ich schwankte lange und es gab sogar Momente, in denen mir die Kündigung leid tat. Es wäre so einfach, doch wieder unter die Fittiche der Firma zu schlüpfen, Unzufriedenheit und Ärger zu unterdrücken, das bisherige Leben weiterzuleben und das Geld einzustecken.

Und ich erinnere mich zu gut daran, welche Ängste ich nach meinem Studium ausstand, als ich eine Weile als Freelancer tätig war, dabei aber verzweifelt nach einer sicheren Stelle suchte. Der Unterschied sind jetzt nicht nur ein paar Jahre Berufserfahrung im Online Marketing habe, sondern auch die Tatsache, dass ich ein wenig Geld ansparen konnte und somit nicht unbedingt umgehend einen neuen Job annehmen muss, der mich vielleicht direkt wieder zurück ins Hamsterrad führt.

Debbie auf der Strahlenburg
Ein paar Tage nach der Kündigung – befreit aus dem Alltag ausbrechen

Auch mein Bauchgefühl sagte mir, dass die Kündigung genau richtig war. Letztlich läuft es doch darauf hinaus: Willst du einfach weitermachen und unzufrieden bleiben? Oder wagst du etwas und hast dadurch die Chance, alles anders zu machen und die Lage zu verbessern?

Und daher blieb ich dabei. Es war einfach Zeit, weiterzuziehen und zu sehen, was das Leben noch bereit hält.

Ich weiß nicht, was auf mich zukommt, aber ich hoffe, dass ich etwas finde, bei dem sich meine persönlichen Energien besser mit dem Broterwerb in Einklang bringen lassen.

Und wie geht es nun weiter?

Aktuell bin ich noch genauso hart in meiner Firma eingespannt wie vor der Kündigung. Das ist okay, denn es ist anspruchsvoll und macht daher auch Spaß. Ein Effekt, der sich aber fast unmittelbar nach der Kündigung einstellte, war eine neue Energie, die mich durchströmte. Während ich die Monate davor abends kaum noch etwas hinbekommen habe, sprudeln mir jetzt so viele neue Ideen durch den Kopf. Denn auf einmal sind alle Türen wieder offen.

Was ich sofort anging, war eine neue Website. Sie ist noch nicht online (du wirst es erfahren, wenn es soweit ist :D), aber im Gegensatz zum Plejadium wird sie thematisch enger gefasst sein und vielleicht kann ich damit langfristig auch ein wenig Geld verdienen. Dass das eine Weile dauern wird, ist mit klar :D – Aber die Grundlagen möchte ich trotzdem so schnell wie möglich legen ^^ Ich habe seit fast vier Wochen nicht mehr gezockt und sitze in jeder freien Minute an der neuen Seite. Ich weiß gar nicht, wie ich das alles schaffe :D Aber es ist gut so und macht Spaß. Die vielen Ideen wirken so vitalisierend ^^

Debbie steht mit Wanderschuhen auf Baumstämmen im Wald
Hinweis auf die neue Website – aber ich will noch nichts verraten :D

Option zwei ist, dass ich irgendwo als freie Autorin Geld verdienen kann. Kein Textbroker-Präkariat, sondern seriöse Texte unter meinem Namen und über Themen, die mich interessieren – zB. für ein Spielemagazin, sofern die Konditionen passen. Dann hätte ich eine größere Überschneidung meiner bezahlten Tätigkeit mit meinen Interessen und würde etwas schaffen, auf dem mein Name steht. Als Angestellter arbeitet man ja eher als Zahnrad für das große Ganze, der eigene Beitrag lässt sich nicht so klar nach außen hin ausdifferenzieren. Allein durch das Vorzeigen meiner Texte und damit meiner Leistung würde ich gleich schon das Gefühl haben, mehr „für mich“ zu arbeiten statt für andere.

Und die dritte Option wäre, eine neue Stelle als Angestellte zu finden. Aber für einen Arbeitgeber, dessen Produkt oder Leistung mir persönlich sinnvoller erscheint. Sehr gern im Bereich Tier- oder Umweltschutz oder Nachhaltigkeit. Oder für eine Forschungseinrichtung. Etwas, von dem ich überzeugt bin, dass die Tätigkeit wirklich etwas bewirkt und meine Lebenszeit, die ich dafür einsetze, nicht einfach „verbrennt“.

Was hältst du von dem allen? Kannst du das „Hamsterrad-Grauer Alltag“-Problem nachvollziehen? Kennst du vielleicht auch ähnliche Gedanken? Und würdest du lieber Sicherheit und Unzufriedenheit der Ungewissheit vorziehen? Schreib mir doch gerne deine Meinung, per Mail oder direkt in die Kommentare, ich würde mich freuen!

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