Der letzte. – Oder: Träume der Hoffnung

Habe nachgedacht und geschrieben.

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Ich bin der letzte. Nein, wirklich, der letzte, wörtlich genommen. Es wird niemanden mehr nach mir geben. Ich bin umgerechnet einige Millionen Erdenjahre alt. Die Erde .. Der „Heimatplanet“, auf dem unsere Rasse sich aus der Ursuppe heraus entwickelte, vor Milliarden von Jahren. Wir haben unseren Ursprung niemals vergessen. Ich bin – wie darf man sagen? – Historiker und kenne natürlich die Überlieferungen. Davon gibt es eine Menge, wenn man sich die Mühe macht, die Schwierigkeit, sie zu sichten, in Kauf nimmt. Auf der Erde machte der Mensch seine ersten wissenschaftlichen Entdeckungen, führte Kriege, verfolgte Irrwege – so viele Irrwege – und entdeckte schließlich die Raumfahrt. Eine junge Zivilisation voller Hoffnung, Fortschrittswillen und Glauben an die Zukunft. Drei Begriffe, die ich nicht kenne, nicht erlebt habe. Die Erde, und ihren Stern, die Sonne, gibt es schon lange nicht mehr. Die Sonne erreichte das Ende ihrer Lebensdauer, blähte sich auf und riss schließlich die inneren Planten ihres Systems mit sich, bevor sie zu einem kleinen Weißen Zwerg zusammenschrumpfte.

Das Sonnensystem
Das Sonnensystem © mode_list/stock.adobe.com

Die Besiedelung der Galaxis durch die Menschen dauerte Jahrmillionen. Wir trafen auf andere Spezies, wir verstanden uns mit ihnen, entwickelten uns mit ihnen, vermischten uns mit ihnen. Doch das ist lange vorbei. Das Universum stirbt, die Lichter gehen aus. Wenn ich zum nächtlichen Himmel schauen könnte, würde ich nur Schwärze sehen. Ich würde auch am Tag nur Schwärze sehen. Was würde ich darum geben, in der Zeit zurückzureisen – es müssten Milliarden Jahre sein – um selbst etwas derartiges sehen zu können. Es gibt keine Sterne mehr, sie alle sind verloschen, vor langer Zeit. Ich habe keinen einzigen mehr selbst erlebt. Kein Sternenlicht mehr im Universum. Wie Sternenlicht aussieht, habe ich in den Überlieferungen gesehen. Die Menschen haben es als selbstverständlich angesehen und kaum wertgeschätzt, als es noch natürliche Lichtquellen gab.

Milchstraße am Himmel
© darkside17/stock.adobe.com

Schon früh haben wir das Ende des Universums vorausgesehen – schon damals, vor der Besiedelung der Galaxis und später auch der Nachbargalaxien, vermuteten die Wissenschaftler, dass sich das Universum immer weiter ausdehnen würde und die Entfernungen schließlich verhindern würden, dass neue Sterne entstehen können. Wie haben sie das damals wohl bewertet, damals, als das Universum noch so jung war? Es wird ihnen egal gewesen sein. Natürlich, warum auch nicht. Ich kann Material aus dieser Zeit sichten, sogenannte Schriften, Bilder, Filme, Töne, doch ich kann sie nicht gut begreifen. Offenbar haben unsere Vorfahren ein Leben geführt, in dem sie weitgehend durch ihre eigenen, privaten Probleme beschäftigt wurden. Bis auf wenige Ausnahmen hat man wohl kaum den Blick über den Horizont erhoben, und die kurze Lebensdauer dieser komplett biologisch-organisch basierten Ahnen verhinderte wohl, dass sie es vermochten, weiter als ein paar Jahrzehnte in die Zukunft zu schauen. Ich habe einen großen Teil meiner Existenz damit verbracht, gerade diese Phase der menschlichen Entwicklung zu studieren – und dennoch kann ich sie mental nicht begreifen. Nein – sie haben sich mit großer Sicherheit keine Gedanken über das Ende des Universums gemacht. Wie sehr ich mir wünschte, dieses Gefühl der Unbeschwertheit der frühen Menschen selbst zu kennen! Unsere Gesellschaft, sofern man sie als Gesellschaft bezeichnen kann – immerhin kommt der Begriff von Geselligkeit und somit Gemeinschaft – ist längst erwachsen. Die Endlichkeit aller Existenz ist seit vielen Generationen in unserem Selbstbewusstsein verankert und hat uns längst zu resignierten Seelen gemacht. Wie oft hat man nicht versucht, Auswege zu suchen. Technologien oder Konzepte zu entwickeln, die Ausdehnung des Universums zu stoppen oder sogar eine zumindest kleine Enklave zu schaffen, in der die Ausdehnung umgekehrt werden könne, um neue Sternbildungen zu ermöglichen. Es geht schließlich nicht nur um die Frage der Existenz der Menschheit, sondern aller Lebensformen des Universums, ja, des Universums selbst. Aber man konnte es nicht verhindern, auch wenn teilweise Fortschritte erzielt wurden.

Oft habe ich mich gefragt, ob wir etwas falsch gemacht haben, so dass wir das Schicksal, das uns jetzt ereilt, verdient haben. Auf moralischer Ebene wurden viele Verbrechen begangen, besonders in der Frühzeit des Menschen, aber auch noch während wir Galaxien besiedelten. Aber daran, dass dem Universum Grenzen gesetzt sind, sind wir nicht Schuld. Technisch gesehen wird das Universum noch lange Zeit weiter existieren, bist alle Atome zerlegt sind, aber es gibt kein Licht, keine Wärme und kein Leben mehr darin. Auch kein maschinelles oder energetisches Leben natürlich, denn jede Form der Existenz benötigt Energie, und Energie gibt es bald keine mehr. Das Universum wird nur noch steinerne und metallene Klumpen beinhalten, die sich vielleicht weiter umkreisen, aber nichts und niemand wird da sein, um diese immerwährende Dunkelheit aufzuzeichnen.

M66 bzw. NGC3637
M66 bzw. NGC3637 / Entfernung: 36 Mio. Lichtjahre. Credits: NASA, ESA, and the LEGUS team

Nein, wir haben keine Schuld daran. Natürlich haben wir lange Zeit zu viel Energie verschwendet. Wir machten uns die Energie von Milliarden Sternen nutzbar und dachten nicht daran, dass auch dieses Übermaß an Kraft nicht unendlich ist. Also nutzten wir sie gedankenlos. Viel später begannen wir, weiter voraus zu denken und fingen an, sparsamer damit umzugehen und möglichst viel Energie zu speichern, für die Zeit, wenn es keine neue Energie in Form von Sternen mehr gibt. Nur diese Zeit kenne ich. Ich und die Energieformen der übrigen Menschen leben von den Reserven, die unsere Vorfahren angesammelt haben. Im Angesicht der ewigen Dunkelheit nutzen wir die Reserven äußerst sparsam, insbesondere seit dem strikten Energie-Recycling. Egal welche Form der Energie man nutzt – Sonnen-, Strahlen-, Wärme-, Reibungsenergie mechanische Energie und auch alle anderen Formen – die Nutzung selbst setzt wieder Energie frei. Setzt man ein Vehikel in Bewegung, kann man archaisch gesprochen einen Dynamo anschließen. Verwendet man Energie, um Licht zu schaffen, entsteht etwas Wärme, und auch das abgestrahlte Licht kann man wieder einfangen und dem Speicher zurückführen. Natürlich ist künstlich erzeugtes Licht eine Verschwendung, die wir uns nicht leisten können.

Man kann viel Energie einsparen, aber nicht hundert Prozent. Wir haben vor langer Zeit gelernt, jede genutzte Energie aufzufangen und erneut zu nutzen, so dass nur ein kleiner Bruchteil tatsächlich verbraucht wird, aber irgendwann sind alle Vorräte aufgebraucht.

Längst haben sich auch die letzten physisch existierenden Menschen in die trügerische Sicherheit der Energie zurückgezogen. Das ist die größte Verschwendung von Energie, aber es ist ihr gutes Recht. So können sie ohne Körper, nur geistig, Welten nach ihren Vorstellungen schaffen, Träume von Hoffnung träumen und ewig überdauern – gäbe es nicht dieses Ende aller Dinge, über das ich hier aufzeichne. Es ist allerdings ein gnadenvolles Ende ihrer Existenzen – sobald die letzte Energie verbraucht ist, werden unsere „Virtuellen“ einfach ausgehen. Sie werden das weder merken noch überhaupt wissen. Nur ich bin noch übrig, ich habe meine physische Existenz erhalten.

Helles Licht im Dunkeln

Auch ich benötige Energie, die meinen Körper nährt und die Funktionen meines Habitats aufrecht erhält, und irgendwann wird es keine Energie mehr geben, so dass meine Existenz beendet wird. Doch ich existiere physisch, alle anderen nur noch psychisch. Natürlich zieht es mich auch in das Vergessen, die gnädige Illusion und Simulation von unbeschwerter Existenz, aber ich konnte der Versuchung bislang widerstehen. Macht mich das zu einem einsamen Nachtwächter? Oder eher zum Friedhofswärter? Oder zum letzten Bollwerk der Realität? Es steckt keine so edle Intention dahinter (sofern etwas davon vielleicht als edel zu betrachten ist), eher meine Liebe dazu, in der Vergangenheit umherzuschweifen, mir jetzt noch, am Lebensabend aller Dinge, weiteres Wissen anzueignen. Es ist das Wissen um die Vergangenheit, das Erforschen des „Wie war es wohl, damals, als die lange Nacht noch nicht bevorstand?“ – aber es ist Wissen. Alles andere, was erforscht werden kann, wurde erforscht. In unserem dem Tode geweihten Universum gibt es keine Geheimnisse mehr, keine Fragen, die visionäre Forscher überdenken können. Somit bleibt die einzige Möglichkeit, überhaupt noch Neugierde zu verspüren, die Vergangenheit.

Natürlich kann ich keine wirklichen „wichtigen“ Forschungen betreiben, denn die Menschheitsgeschichte ist genauso erforscht wie jedes andere Gebiet auch, aber der Datenhaufen, der durch die viele Milliarden Jahre andauernde Speicherung eine unfassbare Größe erreicht hat, birgt auch jetzt noch so viel Material, dass weder ich, noch sonst jemand die Möglichkeit hat, alles zu sichten. Interessant, dieses Paradoxon! Die Menschen, die vor dem Ausschwärmen in die Galaxie existierten, müssen es genau umgekehrt gesehen haben. Ihre eigene gesamte, aufgezeichnete Existenz umfasste nur ein paar Tausend Jahre – ein Wimpernschlag im Vergleich zu meiner individuellen Existenz. Ihre Lebensdauer war kurz, die Datenmenge ihrer Aufzeichnungen vergleichsweise gering, und ihr Wissen so klein. Viele Fragen, viel Nichtwissen, wenige Aufzeichnungen. Heute keine Fragen mehr, dafür viele Aufzeichnungen.

Besonders freue ich mich, wenn ich auf Aufzeichnungen stoße, in denen sich eines unserer kurzlebigen Vorfahren-Individuen fragte, wie man sie selbst in Tausenden Jahren sehen würde, oder wohin es die Menschheit dann geschafft haben würde. Merkwürdig, wie sie in die Zukunft gedacht haben, eine Zukunft, die wir nicht mehr haben (allerdings wird die Energie wohl noch einige hunderttausend Erdenjahre weiter ausreichen – diese Zeitspanne wird sehr schnell vergehen).

Es wurde auch über Zeitreisen nachgedacht. Wenn wir unsere Zukunft nicht ändern können, warum dann nicht in die Vergangenheit reisen und sich dort in Sicherheit bringen? Davon abgesehen, dass das nicht möglich ist – die Zeit ist zwar relativ, sie kann gedehnt oder verlangsamt werden, aber man kann den Verlauf nicht umkehren – wir wären auch gar nicht kompatibel.

Krümmung von Raum und Zeit
Krümmung von Raum und Zeit © vchalup/stock.adobe.com

Würden wir uns in eine Zeit zurückversetzen, in der wir noch nicht unsere sozusagen unendliche Existenz zu führen gelernt hätten, wären wir dort umgekommen. Was wäre der Sinn, wenn ich mich auf die Erde im 21. Jahrhundert „teleportieren“ könnte, wo die Menschen 70 oder 100 Jahre alt wurden? Ich habe schon sehr viel über ihre Gesellschaft gesehen und erfahren, aber dennoch sind es kleine Wesen, die unwissend herumirren und die viele grundlegenden Regeln des Universums nicht kennen. Sie könnten mich nicht verstehen, sie könnten mich weder als Mensch erkennen, noch überhaupt wahrnehmen. Und so wäre ich dort genauso ein Einzelexemplar wie ich es jetzt bin, nur dass ich umgeben wäre von wuselndem, simplem Leben, mit dem ich nicht kommunizieren könnte, ohne mein Wesen zu offenbaren. Nein, das Nachdenken über Zeitreisen führt zu nichts. Aber – und das ist interessant – auch darüber haben unsere frühen Vorfahren schon immer Gedanken verschwendet und Forschungen angestellt. Vielleicht sind wir ihnen gar nicht so unähnlich – auch wenn wir seitdem sehr viele evolutionäre Schritte weiter gegangen sind.

Wir sind in der langen Nacht angekommen, und es wird keinen Morgen mehr geben, buchstäblich, unausweichlich, kompromisslos. Würde ich mich nicht so viel mit den Begriffen und Werten vergangener Zeitalter beschäftigen, würde ich den Wert eines Tagesanbruchs, einer neuen Chance, kaum nachvollziehen können, da es so etwas schon lange nicht mehr gibt. Man könnte fragen, ob alles sinnlos gewesen ist – all die Milliarden Jahre der verschiedenen Entwicklungen, Entdeckungen, Existenzen, Zivilisationen. Alles nur Energieverschwendung? Jetzt, wo am Ende doch alles zugrunde geht, könnte man fragen: Was sollte das eigentlich alles? Aber die Frage ist falsch gestellt, es ist eine archaische Frage, gefragt aus dem eigenen Unwissen heraus und gerichtet an eine höhere Existenz, von der man vielleicht glaubte, dass sie existiert. Was sollte das alles? Warum passierte es? Ist alles vergebens? Es sind Fragen nach dem Sinn aller Dinge, aber den Sinn gibt es nicht. Das Universum entstand, weil es entstand, nicht aus irgendeinem Grund. Leben entwickelte sich, weil es sich entwickelte. Intelligenz entwickelte sich aus einer Laune der Evolution heraus. Es gibt keinen Grund, somit ist auch nichts vergebens. Auch das Ende des Universums passiert. Kein Grund für Bedauern – nur weil wir Menschen, und auch die meisten anderen Zivilisationen immer nach einem Grund suchen müssen, und nach der Möglichkeit, den Verlauf der Dinge zu manipulieren, fiel es uns lange schwer, diese Tatsache hinzunehmen und nicht mehr dagegen anzukämpfen. Bedauern verspüre ich lediglich, weil mir die Denkschemata vergangener Epochen so geläufig sind. Dort hätte man Bedauern verspürt und hätte in kindlicher Störrigkeit gegen das Unausweichliche ankämpfen wollen.

Aber warum? Bedauern wegen des Erreichten? Bedauern wegen des Endes der eigenen Existenz? Der Sinnlosigkeit dieser ganzen Milliarden Jahre langen Übung? Weil wir Menschen, und wir universalen Zivilisationen Besseres verdient haben?

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