Corona ist auch eine Chance

Die riesige Industriemaschinerie mit globalen Lieferketten und einem stetigem Run auf noch mehr Wachstum – unsere Welt -, kommt knirschend zum Stillstand. Es scheint aber auch, als würde sie damit den Frühling herbeigerufen haben.

Ich war heute bei schönstem Wetter spazieren. Die Luft schien mir frischer zu sein, sie roch nach austreibenden Blüten, nur sehr hoch am Himmel ist ein einzelnes Flugzeug zu sehen, wo sonst gleich fünf fliegen. Bäche plätschern und Vögel zwitschern fröhlich. Wie jeden Frühling. Aber diesmal von viel weniger Straßenlärm begleitet. Mir schien es, als sei die Natur heute intensiver gewesen.

Ja, die Corona-Pandemie macht Angst, wir alle stürzen ins Ungewisse. Aber eine Krise ist immer auch eine Chance: Sie kann ein Umdenken, Reformen und neue Möglichkeiten eröffnen. Und auch, wenn ich nun wirklich kein Wirtschaftsökonom, Politologe oder sonst jemand bin, der die Gesellschaft und ihre verzwickten Verbandelungen zwischen Wirtschaft, sozialem Gefüge, Generationenvertrag, neuen Technologien und noch viel mehr wirklich versteht, möchte ich als ewige Pessimistin heute über Utopien schreiben. Das Gute an Corona betrachten, denn das Schlechte prasselt sowieso im Minutentakt auf uns herein.

Corona hat auch etwas Gutes

Die Luftqualität der chinesischen Metropole Wuhan hat sich während des Ausgangsverbot signifikant verbessert (Link). In Venedig ist das Wasser wieder klar und Schwäne zeigen sich in den Kanälen (Link).

Wofür 2019 noch Millionen Fridays for Future-Demonstranten vergeblich protestiert haben, ist aktuell eingetreten: Industrien und Produktionshallen sind stillgelegt, Flugzeuge stehen am Boden, Kreuzfahrtflotten wurden in ihre Häfen zurückgerufen. Es gibt keine Wochenendfeiern mehr auf Mallorca und die alltäglichen Pendlerstaus lösen sich auf.

Wo es geht, arbeiten Leute von zu Hause aus und das Auto bleibt stehen. Aktuell ist auch nicht an zwei bis drei Fernreisen pro Jahr zu denken, die manche sich gönnen.

Wenn es sein muss, weil ganz konkrete und unmittelbare Folgen sichtbar sind (überfüllte Krankenhäuser, sterbende Omas), dann geht es wohl. Letztes Jahr war an so einen Stillstand nicht zu denken, trotz „Flugscham“ und gesteigertem Klimabewusstsein.

Biene im Frühling
Diese Biene weiß nicht, dass gerade alles anders ist

Was passiert weiter?

Millionen Menschen bangen um ihre Arbeitsplätze, um seine Eltern und Großeltern, um seinen Familienbetrieb, um die wirtschaftliche Existenz als Freelancer ohne Rücklagen, um laufende Kredite und darum, wie man als Arbeitssuchender in nächster Zeit eine Stelle finden soll. Das ist die Kehrseite. Reihenweise Insolvenzen bahnen sich an. Verträge und Bindungen werden gekappt.

Alles kommt zum Stillstand. Die Welt scheint innezuhalten, während sie darauf wartet, wie lange die Pandemie noch dauert und wie es dann weitergeht. Aber uns stehen noch schwere Wochen bevor, wie Bundeskanzlerin Merkel gestern Abend in ihrer Fernsehansprache sagte.

Die Frage ist: Was machen wir daraus? Die Welt wird die Pandemie überstehen. Es kommt nicht zu Plünderungen und Massensterben wie in diversen Filmen und Spielen (z.B. The Division), dafür ist das Virus nicht tödlich genug. Jedenfalls nicht bei uns, in Deutschland (in den USA allerdings decken sie sich mit Waffen ein …).

Das Virus zwingt uns zum Innehalten. Zum Überdenken und vielleicht auch zum Genießen – wer dafür die Nerven hat – einer sich kurzzeitig erholenden Natur und eines verlangsamten Lebens. Geht es danach weiter wie vorher? Klar, die Maschine wird wieder anlaufen, mit Rezession und hoher Arbeitslosigkeit, aber in ein paar Jahren wäre alles wie vorher.

Never change a running system…

Oder nutzen wir die Zwangspause dazu, die Maschine zu überholen, ihre Funktion zu überprüfen und sie zu optimieren, jetzt, wo sie sowieso schon steht?

Never change a running system – Ein funktionierendes System, wie das, das wir bis 2019 hatten – mit all seinen Unzulänglichkeiten und Ungerechtigkeiten – soll man nicht ändern. Klar, deswegen fallen nötige Reformen so schwer, deswegen werden nur zaghaft Schritte in die richtige Richtung genommen, zB. beim Klimaschutz und bei ersten kleinen Versuchen zum bedingungslosen Grundeinkommen, um dem sich auflösenden Generationenvertrag und den Folgen der Digitalisierung zu begegnen.

Aktuell ist das System aber stillgelegt und die Wirtschaft bröckelt auseinander, mit jedem Tag mehr. Die genauen Auswirkungen sind noch nicht abzusehen. Aber wenn ein guter Zeitpunkt wäre für ein Update und einen Reboot unter neuen Bedingungen, dann ist er jetzt. Jetzt, wo sich der Alltag vieler Menschen und die Bilanzen vieler Firmen in einen Scherbenhaufen verwandeln, und im Moment keiner weiß, wie man ihn wieder zusammensetzt. Nicht dann, wenn alles läuft und keiner Lust hat, sich auf Änderungen einzulassen.

Klar ist natürlich, dass die Flugzeuge nicht ewig am Boden stehen bleiben und Touristen werden nach Venedig zurückkehren und die venezianischen Kanäle werden nicht immer so klar bleiben wie aktuell.

Die Frage ist nur, ob und was wir ändern können, damit es nicht mehr so schlimm wird wie vorher. Schlimm im Sinne von drohendem Klimakollaps, und schlimm im Sinne der Digitalisierung, die so viele Arbeitsplätze bedroht. Klimaaktivisten forderten immer vehementer, dass sich etwas tut, damit das Klima nicht kollabiert, aber niemand wollte wirklich etwas tun, denn es lief doch so toll.

Strukturwandel aus der Krise heraus?

Aktuell sehen wir, dass so lange Pendlerstaus gar nicht unbedingt notwendig sind. Es ist auch nicht nötig, dass Staatschefs und Minister zu Gipfeltreffen mit ganzen Flugzeugarmadas anrücken – Kanadas Premier Justin Trudeau regiert per Telefon aus der Quarantäne heraus. Manche Messen und Konferenzen wie die SMX (Online Marketing) finden online statt.

Es gibt Konferenzschaltungen, smarte Cloudlösungen und viele clevere Ideen, um ohne Präsenz präsent zu sein. Aktuell wird viel davon sogar kostenlos zur Verfügung gestellt, um den Umstieg aufs Home Office zu erleichtern. Bisher wollten sich viele Firmen nicht darauf einlassen, aber jetzt sehen wir, dass es geht. Es geht auch ohne drei Fernreisen im Jahr und ohne das Feierwochenende auf Mallorca.

Ich weiß, Millionen Menschen haben aktuell ganz andere Sorgen als das Klima. Sie laufen mit ihren Kleinunternehmen auf Rücklagen, die schnell aufgezehrt sein werden. Das will ich auch nicht kleinreden. Der Staat wird nach umfassenden Hilfen und Finanzspritzen gefragt. Auch von Künstlern und Freischaffenden, die von Auftrag zu Auftrag leben. Eine riesige Welle von Kredit- und Arbeitslosengeld-Anträgen rollt auf uns zu, Ämter können das gar nicht in kurzer Zeit ermöglichen.

Vielleicht ist es Zeit, all das nicht mehr im Rahmen der bisher geltenden Strukturen zu bearbeiten und zu versuchen, den vorherigen Stand wiederherzustellen. Es wird immer vom Gießkannenprinzip gesprochen: Jeder bekommt was ab, ohne vorher einen Antrag zu schreiben und dann wochenlang zu warten. Sehr viele Menschen werden in nächster Zeit nicht wissen, wie es weitergehen soll. Auf den Feldern werden indes möglicherweise Arbeitskräfte fehlen.

Die Folgen von Corona sind so oder so teuer

Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde den Menschen die Existenzgrundlage ohne Anträge sichern und ihnen die Möglichkeit geben, dort auszuhelfen, wo es nötig ist, wenn der eigene Arbeitsplatz schon weg oder aktuell nicht besetzbar ist. Wer um seine wirtschaftliche Existenz bangt, hat weder Zeit noch Muse, sich einzubringen und Hilfe zu leisten.

Klar, die Regierung kann nicht nebenbei das komplette System umstellen. Aber Corona WIRD teuer, jegliche bereits beschlossene Haushalte sind jetzt hinfällig. Es muss SOWIESO etwas gemacht werden. Es geht darum, die Schäden abzumildern, den Menschen Sicherheit zu vermitteln und die akute Krise zu überwinden. Dazu braucht es schneller und unbürokratischer Hilfen. Danach kann man noch immer sehen, wie es weitergehen soll. Ob die Notregelungen sinnvoll sind, ob sie angepasst werden müssen oder ob es sich sogar um ein hilfreiches System handelt, das fortgeführt werden kann.

Corona wird 2020 beherrschen

Fest steht auch, dass es 2020 vermutlich nicht viele andere Themen geben wird als Corona und deren Nachwirkungen.

Klar, wir wollen gern Urlaube planen – aber selbst, wenn wir bis im Sommer wieder halbwegs Normalität haben, werden in vielen unserer beliebten Urlaubsländer, vor allem außerhalb Europas, chaotische Verhältnisse und Unsicherheit vorherrschen.

Dort ist vermutlich nicht mit umfangreichen Rettungsschirmen zu rechnen, dort gehen Hotels und Anbieter gnadenlos pleite (wenn nicht Schlimmeres). Niemand kann genau sagen, wo man denn überhaupt wird buchen können und wie sicher es dort sein wird. Der Sommerurlaub wird also für viele dieses Jahr nicht Übersee stattfinden.

Also bleiben die venezianischen Kanäle und die afrikanischen Strände vielleicht doch noch länger sauber. Vielleicht lernen wir unsere eigenen Urlaubsregionen mehr zu schätzen, vielleicht spenden wir etwas von unserem Reisebudget – so vorhanden – an ärmere Länder, die weniger Glück haben als wir, und vielleicht stellen wir fest, dass es nicht unbedingt sein muss, dass die Zahl der Flugreisen jährlich weiter ansteigt.

Eine Chance für globale Veränderungen

Nach Überwindung der akuten Krise könnte sich die Welt zusammensetzen und überlegen, ob wir den blinden Kapitalismus weiterhin wollen oder ob wir gemeinsam vernünftigere Regeln zum Umgang mit den Ressourcen des Planeten und deren fairere Verteilung festlegen wollen. Damit jeder vom Wohlstand profitieren kann, den die Technologie ermöglicht.

Corona bietet also auch Chancen – es muss immer erst schlimmer werden, bevor es besser wird. Auf jeden Fall hoffe ich, dass wir alle den Wert der Normalität und dessen, was wir sonst immer haben, mehr schätzen können.

Just my utopische, vermutlich naive Gedanken zur Krise.

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