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Ist euch auch schon mal aufgefallen, dass manche Supermärkte ihr Obst und Gemüse mit kleinen Aufklebern versehen? Während ich immer wieder dumme kleine Aufkleber von meiner frischen Ware abpule, habe ich genug Zeit, mir darüber Gedanken zu machen, warum das so ist. Und natürlich, mich über diesen unnötigen Bullshit zu ärgern. Hier ein Pamphlet über das Faken eines Premium-Images.

Der Unterschied zwischen Discountern und Edeka

Im Gegensatz zu Aldi und Penny gibt sich Edeka immer den Anstrich einer gehobenen Marke. Einladend ausgestellt präsentiert sich hier das Obst und Gemüse auf rustikal in Holz-Obstkisten ausgebreiteten Sackleinen, auf (Plastik-)Strohbetten in (Plastik-)Körben und einzeln aufgereiht wie in einem Theatersaal. Dazu die Beleuchtung der Frischwaren, die das Rot noch röter, das Grün noch saftiger erscheinen lassen. Dass mir gerade bei Edeka immer wieder schon verschimmelte Ware untergekommen ist, möchte ich im guten Glauben einfach mal als eine Serie von Einzelfällen einordnen.

Gemüse mit Aufklebern

Frisch aus der Gemüseboutiqe!

Aber gut, jedenfalls – Edeka möchte das Gefühl vermitteln, dass wir dort edles Markenobst kaufen können, kein schnödes und lieblos in Plastikkisten geklopptes, gar noch vom Acker verlehmtes Obst von der Stange wie auf dem Wochenmarkt (kann Spuren von Sarkasmus enthalten!). Das ist paradox, denn.. es ist ja nunmal genau umgekehrt. Bietet uns auf dem Wochenmarkt der Bauer im Optimalfall frisch geerntete Waren direkt vom Feld an, glücklich und regional aufgewachsen, handelt es sich bei Obst & Gemüse aus dem Supermarkt immer um anonyme Waren, häufig aus Holland und Spanien, zumindest aber aus dem wohl temperierten und Insektizid-durchlüfteten Gewächshaus. Ganz sicher sind die Waren nicht mit „Wir lieben Lebensmittel“ im Sinn angebaut, sondern mit Liebe zum möglichst-schnell-möglichst-viel-produzieren-Umsatz.

Das ist vollkommen okay, denn wir kennen es doch: Abends fix nach der Arbeit schnell beim Supermarkt noch was eingekauft, da hat nunmal eben kein Wochenmarkt mehr offen. Während aber bei Aldi die Ware als genau das präsentiert wird, was sie eben ist – Supermarkt-Massenfruchthaltung. Dazu meist wesentlich günstiger als bei Edeka, und – es tut mir leid, das zu sagen – häufiger auch mit frischerem Eindruck als in der „Gemüseboutiqe“ von Edeka.

Massenware als Markenware verpackt

Resümieren wir: Edeka möchte individuelles Premiumobst verkaufen, kocht aber mit dem gleichen Wasser wie die Discounter. Was macht man da, damit der Kunde sieht, dass hier jedes Stück zählt und mit Liebe behandelt wird? Man klebt kleine Aufkleber auf jedes Teil drauf. Damit man auch ja sieht, dass das Obst & Gemüse hier von Adel ist – Markenware eben, statt Massenware.

Manchmal scheint es mir sogar, als lägen die Zitronen auch in Reih und Glied – mit dem Aufkleber nach oben – in ihren Kisten. Vielleicht schauen die Mitarbeiter sogar danach, dass die kleinen Schildchen am grünen Strang der Rispentomaten nicht abgefallen ist. Der Gipfel dieser Premium-Streberei sind allerdings solche Schmankerl wie unten auf dem Foto zu sehen:

  • Limonen, jede mit einem Havanna-Club-Kleber versehen und als 6er-Pack auf einer Pappschale mit Plastikfolie umwickelt. Sie schreien einem geradezu ins Gesicht: Sieh! Wir 6 sind die einzig richtige Wahl für deinen Cuba Libre!
  • Pomelos, einzeln wie ein Geschenk mit Plastik umwickelt, mit einem Faden hübsch verschnürt und mit einem kleinen Schildchen mit sicherlich sehr objektiven Hinweisen zu Güte und Geschmack der Frucht versehen.
Obst in der Edeka-Auslage

Unsägliche Havannah-Limonen und in Geschenkfolie verpackte Honigpomelos

Auch der Preis soll seinen Beitrag zum Markenimage von Edekas spanischem Gemüse liefern. Was einen individuellen Kleber hat, von Hand drapiert wurde UND noch dazu ein paar ordentliche Zehntel Euro teurer ist, das muss ja besser sein als dieses Bauernzeug bei Aldi. Oder? Tja, so funktioniert leider die Welt.

Völlig sinnfreies Kleben und Abpulen

Ich will hier gar nicht unbedingt Edeka meinen geballten Hass reinwürgen. Edeka ist toll, insbesondere unser Haus-Edeka, ohne den wir hier im abgelegenen Wald doch ein gutes Stück zum nächsten Netto zu laufen hätten. Trotzdem: Die hiesige Obst- und Gemüse-Abteilungist ein gutes Beispiel dafür, in was für einer Scheinwelt wir leben. Hauptsache, nett präsentiert, und die Marke ist alles! Was für eine Absurdität von Markenimage bei Massenware.

Wo soll das nur hinführen mit dieser Welt! Auf dem Wochenmarkt werden die dreckigen Gemüseteile in Papiertäschchen gefüllt. Leute, unterstützt die Wochenmärkte! Sprachs und ärgerte sich darüber, von der Banane erst den dummen Kleber abpulen zu müssen, bevor die Schale brav in den Kompost wandert..

Kategorien: Ich mein' ja nur

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