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Heute geht es wieder um Assassins Creed Origins, und zwar genauer um das Bild der Kleopatra, das hier vermittelt wird. Dazu habe ich kürzlich den Beitrag “Mainstream statt Quellenkritik” gelesen. Hier bemängelt Autor Dom, der selbst Archäologie studierte, dass vor allem das Aussehen Kleopatras, aber auch ihr Charakter “mal wieder” viel zu stereotypisch dargestellt wird – so, wie man sie schon aus unzähligen Filmen kennt. Ubisoft würde sich nicht nach den historischen Quellen richten.

Stimmt das? Denn Dom lässt eine wichtige Gattung historischer Quellen außen vor: Die Schriftquellen. Diese Seite möchte ich heute beleuchten und damit halb auch Dom auf sein Posting antworten.

Kleopatra in Assassins Creed Origins

So sieht Kleopatra in Assassins Creed Origins aus

Zufällig kenne ich mich mit Kleopatra auch ein wenig aus – immerhin befasste ich mich im Masterstudium einige Wochen eingehend mit Kleopatra und Marcus Antonius und schrieb eine Oberseminarsarbeit darüber. Danach habe ich noch zusammenfassend eine größere Chronologie der Ereignisse von Caesars Gallischen Kriegen bis zu Octavians Sieg über Marcus Antonius geschrieben.

Von Klischees und Münzbildern

An Assassins Creed Origins bemängelt Dom, dass Ubisoft Kleopatra genau wie alle anderen Medien immer gleich darstellt.

Mit dieser Darstellung von Kleopatra folgt Ubisoft der Tradition, die seit nunmehr über hundert Jahren und länger von verschiedensten Medien geformt wurde: Kleopatra, die wunderschöne Herrscherin, die den Männern den Kopf verdreht und dabei selbst nach der Macht strebt.

Unter der Überschrift “Die verpasste Chance” beklagt Dom nun, dass Kleopatra entgegen der (archäologischen) Quellen immer wieder als sexistisches Klischee dargestellt wird:

Die Herrscherin vom Nil ist die Femme fatale, verführerisch, faszinierend und verderbend zugleich, über Jahrhunderte hinweg dem zeitgenössisch westlichen Ideal von Schönheit entsprechend – und weit entfernt von den Eindrücken, die die historische Quellenlage hinterlässt.

Aber wie sieht die historische Quellenlage aus? Dazu schreibt Dom nun Folgendes:

Kein eindeutiges Geschichtsbild: Nur wenige uns heute zugängliche, erhaltene archäologische Quellen geben Auskunft über das Aussehen von Kleopatra – diejenigen aber, die uns zur Verfügung stehen, zeichnen ein übereinstimmendes Bild.

Als Archäologe nähert sich Dom dem Thema aus rein archäologischer Sicht. Er zeigt nun zwei Münzbilder Kleopatras, die sie mit Hakennase und heruntergezogenen Mundwinkeln darstellen – alles andere als eine Schönheit.

Problematisch daran: Er betrachtet nur eine Seite der historischen Forschung. Die historischen, also schriftlichen Quellen zieht er nicht heran. Viele Archäologen winken bei historischen Quellen augenverdrehend ab – die Chronisten hätten sowieso immer nur gelogen. Das ist die falsche Herangehensweise. Historische Quellen sind genauso Quellen wie archäologische Quellen – man muss sie nur einer Quellenkritik unterziehen. Doms Beitrag steht selbst unter dem Titel “Mainstream statt Quellenkritik”. Aber was bedeutet Quellenkritik überhaupt?

Quellenkritik – Die Paradedisziplin der historischen Forschung

Jedes Objekt, das Zeugnis über eine bestimmte Zeit ablegt, ist eine Quelle.

Wozu dient ein Zeugnis? Von Überrest und Tradition

Diese Quellen kann man unter anderem nach der Absicht ihrer Entstehung unterteilen in Überrest und Tradition.

Überrest ist alles, was nicht geschaffen wurden, um die Zeiten zu überdauern. Das sind häufig Alltagsgegenstände wie Gebrauchskeramik oder der im historischen Seminar immer gern zitierte “Einkaufszettel”. Nur zufällig wurden sie konserviert und später gefunden. Es handelt sich also um sehr “ehrliche” Objekte, die direkten, unverzerrten Einblick in die Zeit geben. Sozusagen zufällige Schnappschüsse, entstanden ohne besondere Absicht für spätere Zeiten.

Tradition (nach lat. tradere, übergeben, übermitteln) ist alles, was für die Nachwelt gedacht ist, was mit Konzept und Überlegung geschaffen wurde, um ein bestimmtes Bild, eine bestimmte Meinung oder eine bestimmte Botschaft zu vermitteln. Dazu gehören, wie Dom anmerkte, alle Statuen, alle Bildnisse (auch auf Münzen) und selbstverständlich auch alle historische Werke von Chronisten. Häufig dienen sie dazu, den Dargestellten in einem guten Licht stehen zu lassen oder ein politisches Statement zu setzen. Im Vergleich mit dem Schnappschuss ist es hier eher ein Fotoshooting, bei dem alle Einstellungen durch Profis vorgenommen werden und sie so viele Bilder machen, bis der Kunde zufrieden ist mit seinem Bild.

Die Suche nach der Wahrheit ist nicht einfach

Quellen, die gewollt für die Nachwelt erschaffen wurden, müssen nicht ehrlich sein. Die schwierige Aufgabe der Geschichtswissenschaftler – und damit meine ich sowohl Archäologen als auch Historiker – ist nun, den echten Informationsgehalt von der Fiktion zu trennen. Sozusagen die ganze Deko zu entfernen und nur das Kernstück zu betrachten. Diese Quellenkritik ist in der Geschichtsforschung das A und O.

Dabei haben Historiker mit speziellen Problemen zu tun: Chronisten waren oft gar keine Zeitzeugen, sondern schrieben aus dem Abstand von Jahren, Jahrzehnten oder noch länger. Sie mussten sich daher oftmals auf die Berichte von Menschen, die dabei waren, verlassen. Oder noch schlimmer, sie schrieben einfach nur die Geschichte, wie sie sie vom Hörensagen kennen. Oder sie kopierten sie von früheren Autoren und schmückten sie dann noch aus – im ersten Blick könnte man dann meinen, dass beide Autoren ein Ereignis untermauern, dabei bezieht sich der eine nur auf den anderen.

Das zu entwirren, das ist die Quellenkritik.

Was sagen historische Quellen über Kleopatra?

Natürlich können historische Quellen noch weniger vermitteln, wie Kleopatra nun wirklich ausgesehen hat, als archäologische Quellen. Aber in diesem können sie helfen, herauszufinden, ob Kleopatra nun schön war oder nicht, bzw. was ihre Schönheit ausmachte. So schwierig die Auswertung historischer Quellen ist – so aussagekräftig können sie auch sein.

Kleopatra wird fast ausschließlich im Zusammenhang ihrer Rolle als Partnerin Caesars und später Antonius’ beschrieben.

Fakt ist, dass sie es geschafft hat, 48 v. Chr. Caesar dazu zu bringen, sie zu unterstützen, statt ihren Bruder Ptolemaios XIII. Ob durch schlüssige Argumentation oder, wie immer wieder dargestellt, durch Verführung – das kann man heute nicht mehr sagen. Durch Caesars Hilfe konnte sie jedenfalls ihren Bruder entfernen und sich selbst fest auf dem Thron Ägyptens installieren.

Etwa sechs Jahre später gewann sie auch in Marcus Antonius einen mächtigen Unterstützer. Antonius hatte die Herrschaft über alle östlichen Provinzen Roms. Dass die beiden ein über zehn Jahre andauerndes Verhältnis hatten und gemeinsam Kinder bekamen, ist sicher. Es gibt genügend historische Quellen unterschiedlichster Art, die ihr Bündnis bis in den Tod untermauern. Dazu gehören auch Münzen, die Kleopatra auf einer Seite und Antonius auf der anderen Seite abbilden.

Beides mächtige römische Männer, beide hatten ein Verhältnis mit Kleopatra. Diese Tatsache mussten sich auch die Zeitgenossen irgendwie erklären und gab immer Anlass zu fantasievollen und natürlich erotisch geprägten Ausschmückungen, die sogar so weit reichten, dass Kleopatra Antonius verhext hätte.

Kleopatra in Assassins Creed

Nochmal Kleopatra, umgeben von Tänzerinnen

Darstellung und Aussehen von Kleopatra bei Plutarch

Lesen wir hier nun ein wenig Plutarch. Plutarch lebte 45 – 125 n. Chr. und schrieb über 100 Jahre später nach den Ereignissen über wichtige historische Persönlichkeiten, darunter Caesar, Pompeius und Marcus Antonius. Heute, am schönen 2. Advent, habe ich nur seine Antonius-Vita (Lebensgeschichte) vorliegen, aber sie hilft schon weiter. So beschreibt Plutarch Kleopatra und wie es 41 v.Chr. zum ersten Treffen zwischen ihr und Antonius kam – eine sehr berühmte Szene, die viel zum Kleopatra-Bild beigetragen hat.

25. […] ihre Redegewandheit und außerordentliche Klugheit […]. Sie folgte dem Rat des Dellius, gedachte auch des Eindrucks, den sie früher auf Caesar und auf Gnaeus, den Sohn des Pompejus, mit ihrer Schönheit gemacht hatte, und hoffe, den Antonius um so leichter unter ihr Joch zu beugen. Denn jene [Caesar und Gnaeus, also genau Bayeks Zeit] hatten sie noch als ein weltunerfahrenes Mädchen kennengelernt; zu diesem [Antonius] aber sollte sie in einem Alter kommen, da Frauen im vollen Glanz ihrer Schönheit stehen und auch ihr Geist zur Reife gediehen ist. Sie rüstete daher Geschenke, Geld und Schmuck, soviel sie, aus großem Reichtum und einem blühenden Königreich kommend, wohl mitbringen muste, setzte aber die größte Hoffnung auf den Reiz und Zauber ihrer Person und trat so die Reise an.
26. […] den Kydnosfluss in einem Schiff mit vergoldetem Heck hinauffuhr mit ausgespannten Purpursegeln, während die versilberten Ruder sich zum Schall von Flöten bewegten, die mit Schalmeien und Kitharen harmonisch zusammenklangen. Sie selbst lag unter einem reich mit Gold verzierten Sonnendach, gekleidet und geschmückt, wie man Aphrodite [griechische Liebesgöttin] gemalt sieht, und Knabel wie gemalte Liebesgötter standen zu beiden Seiten und fächelten ihr Kühlung. Ebenso standen die schönsten Dienerinnen, gekleidet wie Nereiden und Chariten, teils an den Steuerrudern, teils bei den Tauen. Herrliche Düfte von reichlichem Räucherwerk verbreiteten sich über die Ufer.
27. Denn an und für sich war ihre Schönheit, wie man sagt, gar nicht so unvergleichlich und von der Art, dass sie beim ersten Anblick berückte, aber im Umgang hatte sie einen unwiderstehlichen Reiz, und ihre Gestalt, verbunden mit der gewinnenden Art ihrer Unterhaltung und der in allem sie umspielenden Anmut, hinterließ einen Stachel. Ein Vergnügen war es auch, dem Klang ihrer Stimme zu lauschen.

Plutarch, Antonius, 25-27.
Übersetzung aus: Plutarch, Große Griechen und Römer. Antonius, hg. von Walter Rüegg, übers. v. Konrat Ziegler (Die Bibliothek der Alten Welt: Griechische Reihe 5), Zürich-Stuttgart 1960

Damit ist die Assassins Creed Origins-Kleopatra also erstmal gar nicht so weit weg von den historischen Quellen, sondern sogar ziemlich nah dran.

Hierzu muss man erstmal sagen, dass Plutarch ganz und gar kein Freund Kleopatras war. Er beschreibt sie, wie die anderen Augustus-freundlichen Chronisten (z.B. Cassius Dio (was anderes: Cassius Dio und Civilization V :D), Flores), als Frau, derentwegen Antonius vergaß, sich wie ein Römer zu verhalten. Er musste daher die Eigenschaften hervorheben, die es Kleopatra ermöglichen, Männer zu “verzaubern”. Außerdem müssen wir uns vor Augen halten, dass Plutarch bei dieser Szene nicht dabei war, da er erst 80 Jahre später geboren wurde. Er konnte also nicht wissen, was wirklich passiert war und wie genau Kleopatra sich präsentierte.

Das typische Kleopatra-Bild: Schönheit, Verführung, Intelligenz

Aber nehmen wir mal, was wir haben. Wir sehen, dass das typische Bild, das wir von Kleopatra nicht erst in Sandalenfilmen des letzten Jahrhunderts oder Malereien der Neuzeit aufgekommen ist. Spätestens Plutarch hat dieses Bild zementiert, wir dürfen aber annehmen, dass bereits Octavian in seiner Schmutzkampagne gegen Antonius (in meiner oben erwähnten Chronologie ebenfalls thematisiert) während des zweiten Triumvirats dieses Kleopatra-Bild heraufbeschworen hat, um es gegen Antonius zu verwenden. Die Darstellung Kleopatras als Verführerin und Strategin ist also fast so alt wie sie selbst – es handelt sich nicht um eine Erfindung der Neuzeit.

Plutarch schreibt im obigen Zitat, Kleopatra sei gar nicht so schön, wie alle immer sagten, aber sie sei sehr intelligent und reizvoll im Umgang. Vielleicht kannte Plutarch die Münzen, die auch Dom in seinem Beitrag zeigt. Hier nochmal zwei Bilder Kleopatras, einmal mit Hakennase, einmal ohne. Es handelt sich natürlich um Quellen der zweiten Gattung, der Tradition, die also nicht der Wahrheit entsprechen müssen. Ob Kleopatra so ausgesehen hat oder nicht, werden wir wohl nie erfahren.

Kleopatra Münzbild

Münzbild von Kleopatra, auf der Rückseite Marcus Antonius (also zwischen 41 und 30 v. Chr.) (Quelle: Wikipedia, Urheber: PHGCOM)

Kleopatra Skulpturkopf

Marmorkopf von Kleopatra, datiert um 40-30 v. Chr. (mind. 10 Jahre nach Assassins Creed Origins) (Quelle: Wikipedia, Lizenz: Public Domain)

Darüber hinaus schreibt Plutarch direkt im Anschluss:

Sie wusste ihre Zunge wie ein vielstimmiges Instrument mit Leichtigkeit in jede ihr beliebende Sprache zu fügen und bediente sich nur im Verkehr mit ganz wenigen Barbaren eines Dolmetschers; den meisten erteilte sie persönlich Bescheid, so den Äthiopen, Troglodyten, Hebräern, Arabern, Syrer, Medern und Parthern. Noch vieler anderer Völker Sprachen soll sie verstanden haben, während die Könige vor ihr es nicht einmal fertiggebracht hatten, die ägyptische Sprache zu beherrschen, einige sogar das Makedonische verlernt hatten.

Plutarch, Antonius, 27.

Plutarch verwendet hier mit “soll sie verstanden haben” den Konjunktiv, während er die Details zu Kleopatras Auftreten als Fakt beschreibt. Das ist nicht uninteressant: Das Buch über Antonius schrieb Plutarch nach 96 n. Chr., rund 140 Jahre nach dem Ereignis, und es ist unwahrscheinlich, dass er das so genau wissen konnte. Es scheint, als hätte Plutarch sich einige Details zu Kleopatras Auftreten bildlich ausgemalt, während Kleopatras Sprachkenntnisse als sehr bewundernswerte Eigenschaft allgemein bekannt gewesen sein können, trotz aller negativer Berichterstattung noch während ihrer Lebzeiten.

Wenn es stimmt, dann hat Kleopatra ohne Dolmetschern mit Gesandten aus dem ganzen Mittelmeerraum gesprochen, die Kenntnis darüber könnte also leicht weitverbreitet gewesen sein. Gerade Plutarchs Konjunktiv untermauert also Kleopatras Sprachkompetenz. Damit kann man ihr auch eine gewisse kulturelle und politische Kompetenz unterstellen. Letzteres darf man sowieso, immerhin prosperierte Ägypten unter ihrer 18jährigen Herrschaft und Ägypten war wichtiger Geldgeber für diverse römische Feldzüge.

Rollen der Kleopatra

Ob mit oder ohne Plutarch: Kleopatra hatte ganz offensichtlich etwas, mit dem sie mächtige Männer überzeugen konnte. Das muss nicht einmal atemberaubende, makellose Schönheit gewesen sein. Schönheit liegt immer im Auge des Betrachtes. Wenn sich Kleopatra als Königin Ägyptens in ihrer Erscheinung und ihrem Auftreten als Göttin präsentiert – und das liegt keineswegs fern! -, dabei selbstbewusst und geheimnisvoll mit all der ägyptischen Exotik aufwartet und Männer mit anregender Konversation fesseln konnte, dann musste sie kein Supermodel sein, um sich einen Ruf als schönste und verführerischste Frau der Welt zu verdienen. Sie vermittelte also ein Gesamtbild der außergewöhnlichen Schönheit, das sich nicht nur aus dem Aussehen ergibt. Dass dadurch in der späteren, vor allem neuzeitlichen Darstellung einfach immer mehr eine optisch schöne Frau wurde, verwundert mich nicht.

Kleopatra war aber weit mehr als nur Verführerin. Schönheit und Verführung kann weiterhelfen, wenn es darum geht, sich der Unterstützung politisch mächtiger Männer zu versichern. Als Königin eines reichen Landes ist es sogar eher kontraproduktiv, schön zu sein – hier bedarf es der Bildung, der Führungskraft, des Überblicks und der Vernunft. Eigenschaften eines Herrschers, Eigenschaften, die man als “Aphrodite” weniger zu vermitteln vermag.

Als Student der Klassischen Archäologie lernt man an der Uni, dass Münzbilder als offizielle Herrscherporträts und Propagandamedien dienten. Schließlich verbreiteten sich diese Münzen und blieben oft jahrhundertelang im Umlauf. Sie waren das Instagram der Antike – hier geht es ausschließlich um Selbstdarstellung, nicht um ungeschminkte Realität.

Ein Herrscher muss kompetent, fähig, umsichtig, energisch und weise zugleich sein. Ein so dargestellter Herrscher verfügt über typische Attribute, die dazu passen und darf beispielsweise nicht jung, weich, unerfahren oder schön aussehen. Das kann erklären, warum Kleopatra aus unseren Augen auf ihren Münzporträts fast schon hässlich wirkt.

Von historischer Überlieferung und historischer Korrektheit

Dom wirft Ubisoft vor, in Assassins Creed Origins der gängigen Darstellungskonvention der Kleopatra zu folgen, statt ein historisch korrekteres Bild zu zeichnen.

Offenbar scheint sich also die Medienwelt seit Jahrhunderten mehrheitlich über das Aussehen der Herrscherin einig zu sein und auch Ubisoft schließt sich diesem Bild an. Mit den historischen Quellen hat das allerdings reichlich wenig zu tun.

[…]

Dieser Darstellungskonvention schließt sich Ubisoft wie so viele andere Schaffer ebenfalls an und verpasst damit die Chance, das Bild dieser Herrscherin in den Köpfen der Spieler in Frage zu stellen. Die unsichere Quellenlage wäre bei einer Begründung auf der Seite der Entwickler gewesen und doch entschied man sich dagegen.

[…]

Den Entwicklern steht es dabei natürlich per se frei, ihre Spielwelt zu gestalten, wie sie es wollen – aber dann müssen sie zumindest die so beeindruckend klingenden Schlagwörter wie “realistisch”, “Respekt vor der Geschichte” und “historisch korrekt” aus ihren Marketing-Phrasen streichen. Alles andere verhärtet lediglich ein tradiertes Geschichtsbild, das schon seit Jahrhunderten unreflektiert reproduziert wird.

Zunächst ist vermutlich jedem klar, dass die historischen Ereignisse erheblich von den in Assassins Creed Origins vermittelten Ereignissen abweichen. Selbstverständlich dürfen wir das Spiel nicht als geschichtliches Lehrbuch betrachten. Allein deswegen ist das Spiel natürlich nicht historisch korrekt. Aber ich kann den Vorwurf nicht teilen, dass Ubisoft unreflektiert einfach einem Geschichtsbild folgt, das seit Jahrhunderten so besteht. Im Gegenteil, die Entwickler folgen sogar exakt den historischen Quellen über Kleopatra. Das Kleopatra-Bild ist von annähernden Zeitzeugen genau so überliefert, wie wir es in Assassins Creed nun sehen können.

Kleopatra im Teppich

Selbstverständlich lässt Ubisoft es sich nicht nehmen, uns teilnehmen zu lassen, als Kleopatra nachts in einen Teppich gerollt von ihrem Diener Appollodoros zu Caesar gebracht wird (historische Überlieferung: Plutarch, [über] Caesar, 49 – Ob es stimmt? Man weiß es nicht!). Inklusive Kleopatras gedämpfte Stimme aus dem Teppuich: “Sind wir bald da?” .. 😀

Ob die historische Überlieferung allerdings so stimmt, ist eine ganz andere Frage. Man darf allerdings Ubisoft keine mangelnde Recherche oder Unreflektiertheit vorwerfen. Man kann Entwicklern eines Videospiels nicht erwarten, dass sie die Arbeit von Geschichtsforschern übernehmen. Die Darstellung Kleopatras mit Hakennase könnte genauso falsch sein wie jede andere Darstellung auch. Dom schreibt dazu:

In Medien wie Filmen, Darstellenden Künsten, Büchern oder Videospielen kann dieser unsichere Status Quo des Erkenntnisstandes naturgemäß natürlich nicht wiedergegeben werden. Eine Figur muss beschrieben werden, auf ein Aussehen festgelegt werden, damit sie in einer Geschichte mit anderen interagieren kann – mehr noch in Bildmedien als in geschriebener Form.

Genau das ist es eben. Am Ende muss man sich festlegen. Und da wählte man eben offenbar das Bild, das die meisten Menschen sofort wiedererkennen werden. Ob es ein deutlicher Fortschritt in der Darstellung wäre, wenn Kleopatra nun, wie auf den Münzen zu sehen, eine Hochsteckfrisur tragen würde, wage ich allerdings zu bezweifeln.

Bei Pompeius Magnus hat man sich dagegen ziemlich genau nach dem überlieferten Bild gerichtet:

Ubisoft schießt übers Ziel hinaus

Ich hätte es auch begrüßt, Kleopatra mal etwas anders zu sehen, als wir es gewohnt sind, aber ich würde nicht so weit gehen, Ubisoft deswegen zu kritisieren. Ich denke, die Darstellung Kleopatras als schön und klug wird ihr durchaus gerecht. Auch ein gewisser Hang zur Macht wird ihr zuzurechnen sein – wie wohl jedem Herrscher zu jeder Zeit.

Was ich allerdings definitiv etwas schade finde, ist, dass Kleopatras Ruf als wolllüstige, willkürliche und machtsüchtige Frau ein wenig zu sehr durchblitzt. Zu Beginn sagt sie, dass sie mit jedem schliefe, der sich am nächsten Morgen dafür hinrichten ließe. – Das hätte nicht sein müssen. Als Kleopatra sich zu Caesar bringen lässt, sagt sie: “Ich biete dir das, woran mein Bruder Ptolemaios bislang gescheitert ist.” – Man erwartet “- ein vereintes Ägypten” oder “ein langfristiges Bündnis zwischen Rom und Ägypten” oder ähnliches, sie sagt jedoch: “Eine Hochzeit.” Das zielt in der Tat ein wenig zu sehr auf das Bild ab, das Octavian, wie weiter oben erwähnt, über Kleopatra verbreiten ließ. Er stellte sie als genusssüchtige, männerfressende Hexe dar, die diese aus Egoismus und Durst nach Macht der Reihe nach verzaubere.

Assassins Creed Oirigins: Caesar und Kleopatra

Caesar ist äußerst angetan von Kleopatras Auftritt

Und was Octavian in seiner Propagandaschlammschlacht betrieb, war in der Tat Rufmord. Er wollte Antonius, seinen Konkurrenten, treffen, indem er über Kleopatra, dessen Geliebte, herzog. Wir kennen heute eine Entsprechung: Deine Mutter ist fett. Der Sieger schreibt Geschichte, und die nachfolgenden Chronisten übernahmen gern eher die octavianfreundlichen Darstellungen.

[…] nachdem dieser [Antonius] durch die Liebe zur Königin [Kleopatra] saft- und kraftlos geworden war.

Aus: Velleius Paterculus, 2. Buch, 86
C. Velleius Paterculus, Historia Romana, hg. und übers. von Marion Giebel, Stuttgart 1989

Die Frau [Kleopatra] hatte ihn [Antonius] sich nämlich so gefügig gemacht, dass sie ihn veranlasste, selbst die Rolle eines Gymnasiarchen bei den Alexandrinern zu übernehmen; und sie persönlich empfing von ihm den Titel Königin und Herrin, hatte römische Soldaten in ihrer Leibgarde, und sie alle schrieben Kleopatras Namen auf ihre Schilde. […] Und er ließ sich zusammen mit Kleopatra zusammen malen und plastisch darstellen, nach ihren Worten er als Osiris oder Dionysos, sie als Selene oder Isis. Aus dieser Tatsache vor allem mußte man den Eindruck gewinnen, dass er von ihr durch irgendeinen verhext worden sei; denn nicht nur ihn, sondern auch alle anderen, die bei ihm bedeutenden Einfluss hatten, wussten sie in einem Maße zu bezaubern und zu bestricken, dass sie damit rechneten, die Frau werde einmal auch über die Römer herrschen; […]

Aus: Cassius Dio, Römische Geschichte, Band 3, 50, 5
Cassius Dio, Bücher 44-50, hg. und übers. von Otto Veh (Römische Geschichte 3), Düsseldorf 2007

Dass solche Überlieferungen höchstwahrscheinlich völlig übertrieben sind, das liegt auf der Hand. Auch wenn ich diese Richtung, die Ubisoft einschlägt, bedaure, bin ich nicht der Meinung, dass das Bild, das Assassins Creed Origins von Kleopatra als Verführerin und Strategin vermittelt, auf ganzer Linie falsch oder sexistisch ist. Die Ausschmückungen “mit Gschmäckle” hätten aber nicht sein müssen – das zieht Kleopatras Integrität als Herrscherin zu sehr auf ein süffisantes Niveau.

Insgesamt gebe ich Dom also Recht, dass Kleopatras Rolle zu überspitzt dargestellt wird. Falsch ist es dennoch zu sagen, dass ihr Bild nichts mit historischen Quellen gemein hätte.

Und was haben wir nun von Kleopatra?

Kleopatra war, seit sie sich mit Caesar eingelassen hat, und besonders seit Antonius ein Politikum. Alle Seiten luden ihren Hass auf sie und/oder auf Antonius auf ihr ab und projizierten mystische und/oder erotische Fantasien auf sie, und so wurde sie im überlieferten Bild das, was wir heute sehen. Wie Kleopatra unter all diesen Projektionen wirklich war, wie sie aussah und was sie dachte – das ist unter einem dicken Panzer aus wohlwollender oder nicht wohlwollender historischer (und archäologischer!) Überlieferung und späterer fantasievoller Darstellungen überdeckt.

Den Menschen Kleopatra werden wir niemals rekonstruieren können. Die bereinigten historischen Fakten sind aber diese: Kleopatra war eine vielseitige, intelligente Königin, die es sowohl verstand, andere Menschen zu überzeugen, als auch ihr Land kompetent zu regieren. Dazu setzte sie sicher alle Mittel ein, die ihr adäquat erschienen. Ob sie eine eiskalt berechnende Verführerin war oder eine Frau, die es ausgezeichnet verstand, profitable Verbindungen einzugehen? Eine Hexe, die Männer verzaubert und ins Verderben stürzt oder einfach eine geliebte Partnerin, für die man alles tut? Zwei Seiten einer Medaille, und es kommt darauf an, wie man es ausdrückt. Schon die historische Berichterstattung tendierte in die eher negative Richtung. Leider scheint Origins diesem eher negativen Bild ebenfalls zu folgen. Da bemerkt man auch ein wenig die Zielgruppe des Spiels, die Kleopatra ein Stück weit wohl auch verführen soll.

Seit meiner Hausarbeit zu Antonius und meiner Quellenrecherche zu Kleopatra bin ich ihr und Antonius grundsätzlich sehr gewogen und tendiere eher dazu, sie im günstigeren Licht zu sehen, wenn es zwei Betrachtungsmöglichkeiten gibt.

Nur ihr Aussehen wird wohl immer ein Rätsel bleiben.


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