Diese Glückwünsche braucht kein Mensch!

Der gestrige Internationale Frauentag kam mit einem Google Doodle, diversen Kolumnen und jeder Menge oberflächlichen Glückwünschen. Warum eigentlich „Herzlichen Glückwunsch“ oder „Alles Gute“ zum Frauentag? Wirklich, ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren soll. Es reicht dann für ein „Äh, danke?“, irritierte Blicke (sowohl vom Glückwünschenden als auch von mir) und natürlich im Nachgang für diesen absichtlich provokativ geschriebenen Beitrag :D Ich freue mich auf deinen Kommentar dazu ;-)

Gedenken, nicht gratulieren!

Der Frauentag ist zwar Anlass, aber nicht Thema dieses Beitrags, daher nur ganz kurz ein paar Worte dazu. Wie jeder X-Tag (Liste von Gedenktagen) sind Frauentag, Muttertag, Geburtstag, Weltnierentag dazu da, sich Gedanken um etwas zu machen, was man eigentlich als selbstverständlich auffasst. Ob das Menschen, Dinge oder Umstände sind, ist ja egal.

Am Muttertag brachten wir unseren Müttern Frühstück ans Bett, stellten ihnen Blumen hin und schenkten ihnen Gutscheine für Hilfe im Haushalt (ich glaube, ich habe nie einen einlösen müssen..). Zumindest ich habe das schon im Kindergarten gelernt. Auch dieses Ritual ist eigentlich rein oberflächlich, wenn man es ausführt, ohne zu wissen, warum eigentlich. Eigentlich geht es darum, sich bewusst zu machen, wie wichtig unsere Mama immer war, und ihr das zu zeigen.

Nehmen wir als anderes Beispiel den Weltnierentag (ebenfalls gestern). An die Nieren denkt man als gesunder Mensch gar nicht, sie sind einfach da und funktionieren (genau wie Mütter übrigens, oder Frauen, oder egal was). Der Weltnierentag ist dazu da, darauf aufmerksam zu machen, wie lebensnotwendig die Nieren sind und was für eine krasse Arbeit sie jeden Tag leisten. Und wie man sie gut behandelt, damit sie das die nächsten 60 Jahre auch klaglos tun.

Das ist gut und wichtig, genau wie so mancher langer Kommentar zum Frauentag. Was würde es nun in diesem Zusammenhang bringen, den Nieren „Herzlichen Glückwunsch zum Nierentag!“ auszurichten? Das ist völlig an der Intention und am Thema vorbei – setzen, 6!

Kein Blumenstrauß zum Gedenktag, bitte
Gratulation ist nicht nötig! Credits: Eigenes Werk, mit Hilfe einer Tablet-App und vollem Einsatz hingekünstlert!

Wozu zum Frauentag gratulieren?

Genau das ist aber das, was wir am Frauentag immer wieder erleben. Männer (oder Frauen?) erfahren in den Nachrichten, dass pauschal die Hälfte der Menschheit Jubeltag hat. Na, da muss man doch mal gratulieren! Herzlichen Glückwunsch, Frau! Aber wozu eigentlich? Dass du eine Frau bist? Ist halt so, und so toll ist das auch nicht immer. Zu deiner tollen Leistung als Frau? Welche meinst du denn, bitte erkläre es mir, was ist denn die tolle Leistung, die jede Frau vollbringt? Das „Frausein“ ansich? Ist es nicht sogar ein bisschen herablassend, der Hälfte der Menschheit dazu zu gratulieren, dass sie es vom Fötus zum erwachsenen Menschen geschafft hat (und dabei sogar noch ganz gut aussieht)?

Besonders ignorant finde ich die eher flüchtig eingeworfene Gratulation: „Ach ja, Glückwunsch zum Frauentag!“ Das hat den Beigeschmack von „Ach ja, bevor ich es vergesse, weil es mir so unwichtig ist, Glückwunsch und so. Puh, Pflicht erledigt!“ Dann lass es doch einfach ganz.

Man muss zum Frauentag, zum Muttertag, zum Nierentag nicht gratulieren. Ein Gedenktag wird nicht durch das lapidare Glückwünschen zum gedenkenswerten Tag, sondern durch das Gedankenmachen und die Interaktion. Er ist dazu da, innezuhalten und zu überlegen, warum diesem oder jenem gedacht wird.

Pauschal-Glückwunsch auf Facebook: Reines Fame-Gaining

In den sozialen Medien ist es nicht besser. In den letzten Jahren hat der Frauentag immer mehr an Popularität gewonnen. Wer sich auf Facebook einen virtuellen Blumenstrauß, verbunden mit einem „Glücklichen Frauentag!“ in die eigene Timeline knallt, der will in der Regel zeigen, dass auch er natürlich „die Frauen“ schätzt. Wieso sollte man Frauen auch nicht schätzen? Für mich ist das reines Fame-Gaining. „Seht her! Ich gratuliere den Frauen! Ich bin ein offener Mensch und gönne ihnen einen Ehrentag!“.

Der äußerst geringe Aufwand, der für diese Message nötig ist, zeigt, wie wichtig einem das Thema wirklich ist. Wem etwas am Herzen liegt, der macht sich darüber Gedanken und findet vielleicht etwas, das es tatsächlich wert ist, gesagt zu werden.

Ganz besonders absurd sind diese ganz allgemeinen Timeline-Glückwünsche zum Muttertag: „Herzlichen Glückwunsch allen Müttern dieser Welt!“. Es geht doch um die eigene Mutter, und die persönliche Beziehung zu ihr. Wer das auf Facebook auslebt – ok. Aber wer pauschal alle Mütter meint, der entlarvt sich selbst der Ignoranz. Wer bist denn du, dass du Mutter X in Land Y gratulierst, ohne sie zu kennen, geschweige denn zu schätzen? Ihre Mutterschaft geht dich überhaupt nichts an.

Geburtstag in den sozialen Medien

Ein ganz normaler Tag auf Facebook. Du wirst darüber benachrichtigt, dass ein Bekannter, nennen wir ihn Mike, Geburtstag hat. Du hast Mike seit Jahren nicht gesehen und er ist eigentlich nur deswegen in deiner Freundesliste, weil .. warum nicht. Jedenfalls hättest du ohne Facebook niemals erfahren, dass Mike Geburtstag hat.

Facebook macht es nun den Gratulanten leicht: Direkt neben der Geburtstagsnachricht befindet sich schon eine Textzeile, die deinen Gruß sofort auf Mikes Timeline schickt. Minimalster Aufwand! Und schaut man sich Mikes Timeline dann an – meistens am nächsten Tag, weil Mike sich für alle Glückwünsche bedankt, dann sieht man, dass sich gefühlt 100 völlig gelangweilte „Alles Gute *Partyhut-Smiley*“-Einträge auf seiner Timeline tummeln.

Wäre es nicht toll, wenn es eine Facebook-Einstellung gäbe, durch die Facebook ganz ohne Erinnerung und manuelle Eingabe automatisch die innigen Geburtstagsgrüße postet? Das spart Zeit und man muss den dummen Smiley nicht raussuchen! – Viel persönlicher als das ist diese Glückwunsch-Spam-Praxis nämlich auch nicht. Ich frage mich, ob sich die Geburtstagskinder wirklich über diesen Riesenhaufen, mit minimalem Aufwand erstellten Glückwünsche von irgendwelchen völlig peripheren Menschen freuen.

Ich würde mich nicht freuen. Deswegen kennt Facebook auch nicht mein Geburtsdatum, und ich poste anderen Menschen nur dann Glückwünsche, wenn mich irgendwas mit ihnen verbindet. Und dann mit persönlicher Nachricht und persönlichem, passenden Text. Ob ich deswegen wohl als missgünstiger Glückwunsch-Verweigerer gelte?

Jedenfalls – ich bin für mehr Tiefe im zwischenmenschlichen Umgang. Warum mit möglichst wenig Aufwand irgendwelche völlig austauschbare Nachrichten in die Welt brüllen, nur um mitgemacht zu haben?

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